Phobie (#094)

Ein Gefühl wie Sterben müssen

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Wiedereinmal ging er spätabends noch durch die Stadt. Hier und da drangen aus den Fenstern Gesprächsfetzen, Teile von Filmdialogen oder Musikstücken. Hier klang alles so “normal”. Einmal streifte ihn auch ein Duft wie vom Grill, der gepaart war mit dem Brutzelgeräusch einer wunderbar heißen Pfanne. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen.

Und sogleich erinnerte er sich wieder an den Grund seines Spazierganges, der mehr eine Flucht, eine Ablenkung von seinem Problem sein sollte. Der Gedanke an Essen war schmerzhaft im wahrsten Sinn des Wortes. Seit einigen Stunden hatte er Zahnschmerzen – die stammten vom Rest eines abgebrochenen Zahns, der noch im Kiefer steckte und jetzt zu einer Entzündung geführt hatte. Einen ersten Termin beim Zahnarzt/Kieferchirurgen bekam er erst für morgen vormittag.

Das würde nicht leicht für ihn, hatte er doch eine echt große Angst vorm Zahnarzt. 1970 wurde ihm ein Milchzahn gezogen – völlig ohne Betäubung. Es tat wahnsinnig weh. Nachdem er der Frau Dorktor einmal heftig in den Finger gebissen hatte, stülpte die sich einen Metallfingerling über und machte ungerührt weiter. Obwohl er schrie und seine Mutter und eine oder zwei Schwestern ihn festhalten mußten. Dann hatte er diesen Metallfingerling so zusammengebissen, daß der hinterher nicht mehr vom Finger zu bekommen war.

Selbst als Erwachsener war er nie ganz freiwillig beim Zahnarzt, bis auf eine einzige Ausnahme. Damals ging er in die Medizinische Akademie der Standortuniversität zu einer Lehrzahnärztin. Sonst hat er einfach ausgehalten, was auszuhalten ging.

Ganz verdorben wurde ihm der Mut zum Zahnarztbesuch hier in der Stadt, in der Zahnklinik, bei einer Notfallbehandlung. Er verlangte zusätzliche Schmerzmittel und etwas zur Beruhigung zu bekommen. Zur Beruhigung gab es eine Dolormin 600! Und trotz seiner Beteuerung, daß er noch alles spüre nach dieser einen winzigen gespritzten Dosis Novocain, legte der Schlächter los. Über eine Woche hatte er mit dem gezogenen Zahn heftig zu kämpfen – mit Antibiotika und Tramal 200.

Wird Zeit für ihn, nachhause zu gehen. Zwei Tramal und ein großer Raki sollten ihn schlafen lassen … Und für den nächsten Morgen hat er schon ein Gefühl wie Sterben müssen …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 2. April 2012 war ein mutig vereinbarter Termin.

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094 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 407 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Phobie (#094)

  1. sweetkoffie sagt:

    diese Angst kenne ich
    gute Besserung!

  2. Amelie sagt:

    Moin Emil, klasse. Es ist wieder einer dieser Texte von Dir, wo ich gleich runter scrolle und bei den Schlagworten nachschaue. Puhh, Nichterlebtes :o)
    Dir einen schönen Tag. Ohne Zahnweh. Ist schon schlimm genug, dass es heute schneien soll.
    Amelie

  3. anniefee sagt:

    Puh, sehr anschaulich. Es gibt schon schlimme Sachen im Leben. Andererseits, ohne Zahnärzte, was würde denn aus solchen Entzündungen … ? Irgendein anderer würde dann den Störfaktor rausziehen.. ein Hoch auf die Moderne, es soll ja auch Anti-Angst-Praxen geben mit Hypnose oder so, da würden sich manche Mittelalterleute die Finger nach lecken 😉

    • der_emil sagt:

      Hypnose: Selber zahlen. Vollnarkose: Selber zahlen. Tiefschlaf nach Dormicum i.V.: Selber zahlen. Akkupunktur: Selber zahlen.

      Perfektes Setting für Sad*m*so-Spiele 😉

  4. Sofasophia sagt:

    uiuiui, ist das so schlimm in dtld? in der schweiz bekommst du auf wunsch immer eine spritze, die den teil des kiefers, der grad behandelt wird, betäubt. früher hatte ich mehr angst vor der spritze als vor dem behandlungsschmerz und liess mit ohne mittel behandeln. ging auch, aber heute bin ich weniger masochistisch als damals.
    ich hoffe, das ganze verläuft diesmal glimpflich.
    gute besserung auf jeden fall!
    liebgrüß, soso

    • der_emil sagt:

      Schlagwort: Nichterlebt. Glücklicherweise.

      Lokale Betäubung ist auch hier Standard – aber bei mir zB wirkt die kaum und sie wirkt nicht gegen die Angst (die ist allerdings autobiographisch). Naja, zum Chirurgen geh ich auch nur, wenn es notwendig ist 😉 Und aus meiner Angst heraus hab ich den Text zusammenphantasiert.

      • Sofasophia sagt:

        puh, hab ich nicht begriffen. danke für die aufklärung 🙂 gegen die phobie hilft wohl ganz langsames „neudenken“. die phobie hatte ich als kind extrem! superextrem. ich habe mich quasi kognitiv therapiert. hat bei mir gewirkt. wie auch immer, ich hoffe, ER hat es bald hinter sich. und du es nicht so bald wieder mit zahnärztInnen zu tun.

  5. Schlagwort: Nicht erlebt… Ein Glück, wenigstens für Dich 🙂 Zahnarzt… Bei mir, reale Angst

  6. Himmelhoch sagt:

    Egal ob du oder er – wäre es nicht Notwehr, wenn man so einem Zahnarzt an die Kehle geht?

  7. Gabi sagt:

    Nach Gott sei Dank ist das „nicht erlebt“. Ich dachte mir schon, was ihr da für mittelalterliche Methoden hattet. 🙂
    Ich bin ja sonst schon eher ein ängstlicher Typ, aber Gott sei Dank gilt das nicht für Zahnärzte. Mir genügen eh all die anderen Sachen. 🙂
    Lg Gabi

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