Bademode (#066)

 

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Im Jahr 1971 kaufte Lisbeth sich einen wunderschönen Badeanzug für den Ostseeurlaub. Sie und ihr Mann hatten einen der raren Plätze im FDGB-Ferienheim auf Rügen bekommen. Bis in die Bezirksstadt, nach Karl-Marx-Stadt, war sie gefahren, um – wieder mit viel Glück – im Centrum-Warenhaus der HO diesen einen Badeanzug zu kaufen.

Ich weiß nicht, ob der Urlaub so schön gewesen war, wie sie ihn sich vorher ausgemalt hatte. Lisbeths Tochter wurde zu genau dieser Zeit Mutter. Und Lisbeth wurde Oma einer gesunden Enkelin Sonja. Damals in der DDR, ohne flächendeckendes, heute selbstverständliches und sogar mobil verfügbares Telefonnetz, verschickte man zu solchen Anlässen eine Postkarte oder ein Telegramm.

Verschiedene Gründe führten dazu, daß Sonja bei ihrer Großmutter Lisbeth aufwuchs. Wie selbstverständlich übernahm die Oma die Mutterrolle, ohne zu klagen, ohne ihrer eigenen Tochter Vorwürfe oder Vorhaltungen zu machen. Lisbeth sorgte für Sonja, aus der mittlerweile auch eine erwachsene, gestandene Frau mit zwei eigenen Töchtern geworden ist.

Lisbeth mußte Ende 2011 ins Krankenhaus, wie es mit weit über achtzig Jahren durchaus vorkommen kann. Leider wird sie nicht wieder in ihre eigene Wohnung zurückkehren können. Allein leben ist nicht mehr möglich. Der Umzug in eine Einrichtung des Betreuten Wohnens ist beschlossen. Wenn Lisbeth aus dem Krankenhaus entlassen und von der Rehabilitationskur zurückkehren wird, dann dorthin.

Ihre Enkelin Sonja hat jetzt die wirklich schwere Aufgabe übernommen, für ihre Oma die Wohnung aufzulösen. Die Dinge müssen sortiert werden in solche, die ins Betreute Wohnen mitgenommen werden, und andere, die dort keinen Platz mehr finden.

Dabei hat Sonja im Schrank den Badeanzug gefunden. Wie neu er aussah, als sie ihn aus dem Seidenpapier wickelte, in das Lisbeth vor vielen Jahren das gute Stück eingeschlagen hatte. Nur einmal war Lisbeth an der Ostsee. Nur einmal hatte sie Gelegenheit, sich mit diesem Badeanzug in die kühlen Fluten zu stürzen. Seit 1971 bewahrte Lisbeth ihren Badeanzug im Schrank auf.

1971. Seitdem ist der Badeanzug vier- oder fünfmal mit umgezogen. Jetzt, nach 41 Jahren, paßt er Lisbeth noch immer. Jetzt nimmt sie ihn mit zu ihrer Rehabilitation. Danach wird Lisbeth ihren Badeanzug wieder in Seidenpapier einschlagen, und ihre Enkelin Sonja wird ihn für sie in den Schrank räumen.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 5. März 2012 war der Spielnachmittag am neuen Klapprechner.

P. S.: Es ist jetzt 12 Uhr irgendwas, ich habe soeben bemerkt, daß eine falsche Version des Textes online ging. Die Rechtschreibfehler habe ich zwar schon korrigiert, aber das “Positiv war” war noch falsch.
 
Und es fehlte mein ganz großes Dankeschön an Renate, die mir als Lektorin eine riesige Hilfe bei der Beseitigung der Zeitfehler angedeihen ließ. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.

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066 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 473 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Bademode (#066)

  1. colorsigns sagt:

    ; )

  2. Elvira sagt:

    Eine Geschichte mitten aus dem Leben mitten ins Herz!

  3. nextkabinett sagt:

    Ein kleines Dankeschön an die Lektorin wäre auch schön … *traurig* …

  4. …… sehr schön geschrieben , *schnief*
    Zeitfehler beim Schreiben das kenne ich auch , ich mach das auch zu gerne 😉 als ich meine einzigste FF geschrieben habe, musste alles korrigiert werden, wieso mache ich das nur immer… vielleicht gibt mir die Lektorin mal einen Tip, wie man diesen Fehler vermeiden kann …
    -ganz lieb schaut-

    • nextkabinett sagt:

      Zunächst einmal liebe TimeBanditsWorld, für Unkundige keine Abkürzungen verwenden, so dass diese nicht dumm nachfragen müssen, was denn bitte eine FF ist???
      Dann empfiehlt die Lektorin so altbackene Sachen wie Aufmerksamkeit, Konzentration und nach dem Schreiben das Geschriebene erstmal einen Tag beiseite zu legen und dann mit einem Meter Abstand wiederzulesen. Das mit dem Abstand meint die Lektorin im Sinne dessen, dass sich ein Schreiberlein vorstellen soll, dies sei ein Text, den jemand anderes geschrieben habe. Wieder volle Aufmerksamkeit und Konzentration und mit der Vorstellung, dies sei ein Text einer anderen Person, beginnen, Dinge, die einem auffallen, zu korrigieren. Diese Prozedur noch einige Male wiederholen und dann das Ganze in echt jemand anderem zu lesen geben.
      Soweit von hier aus … von der Lektorin mit bestem Gruß

      • nextkabinett sagt:

        Ansonsten lieber Emil, weiter so mit Deinen Miniaturen. Daraus kann sich was Großes entwickeln …

      • FF heißt FanFiction 😉
        THX 😉 für die Tipps 🙂 ich werde mir das auf die Stirn tackern *g*

        …. ach so THX heißt Dankeschööööön 🙂

        LG TB

        • nextkabinett sagt:

          *lol* THX, das weiß sogar auch ich altmodisches Lektorlein … ich merke, von Dir kann ich noch eine Menge lernen. Ganz im Ernst, denn ich stehe mit diesen Aküs total auf Kriegsfuß.

          Danke für FF. Das wusste ich wirklich nicht. Die anderen Aküs auf Deinem charmanten Blog konnte ich mir nach Anklicken zusammenreimen.

          Ich denke, ich werde Dich demnächst mal zu sonntäglichem Kaffee und Kuchen in unserer Kabinettsküche einladen. 😉

          Aber nochmal ernsthaft … eine Distanz zu den eigenen Texten aufbauen, ist extrem schwer. Ich habe auch Jahre dafür gebraucht. Diese Distanz erleichtert das Schreiben ungemein. Du wirst das auch können, einfach weiterschreiben und nciht aufgeben, wenn Du in den Prozessen aus Selbstzweifeln, Schreibblockaden usw. steckst. Das sind Phasen, die vorbeigehen.

          LG, die Social Secretary

  5. Amelie sagt:

    Eine wundervolle Geschichte. Habe ich etwas anderes erwartet? Jeden Tag freue ich mich auf die Benachrichtigungs-Mail!

    Mich hat auch meine Omi aufgezogen. Und im April 2009 kam sie aus dem Krankenhaus nicht mehr nach Hause und ich musste ihren Haushalt auflösen. Ich habe viele Schätze, ähnlich Lisbeths Badeanzug gefunden.

  6. Gabi sagt:

    Wieder eine wunderbare Geschichte mitten aus dem Leben, die ans Herz geht. Mich erinnert dies etwas traurig an meine Mama, die sich noch so einiges wünschte, was sie noch tun wollte, selbst als sie schon krank war. Leider kam es nicht mehr dazu.
    Lg Gabi

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