Lebenskunst 02 (#024)

Lebe statt gelebt zu werden

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Da ist das Gefühl zu leben und doch nicht selbst zu leben. Sondern gelebt zu werden. Von den Umständen getrieben zu sein. Ständig den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen (zu wollen, zu versuchen – aber warum?): Jobcenter, Freunde, Arbeitgeber, Familie, selbst die Oma in der Straßenbahn verlangt von mir, daß ich mich verhalte, wie sie es erwartet.

Wo bleibt da der Raum für mich? Wo ist da der Platz an dem ich sagen kann: “Das will ich so”?! Nun, der ist überall dort, wo ich lebe und eben nicht zuerst die Erwartungen anderer erfülle (und dadurch gelebt werde). Der ist da, wo ich genieße, was ich tue (oder gerade nicht tue). Dort, wo ich mein Glück entdecke, dieses ganz kleine, profane, banale Glück.

 
Wo Leben ist, ist Glück

“Wenn Du glücklich sein willst – lebe”, so einfach ist Lebenskunst nach Leo Tolstoi.

Und es stimmt: Glück kann man nicht direkt anstreben, genausowenig wie die Freude. Wer glücklich sein will, soll sich dem Leben mit allen Höhen und Tiefen zuwenden. Glück ist Ausdruck erfüllten Lebens. Wenn ich mit allen Sinnen lebe, wenn ich mich einlasse auf das Leben, dann werde ich in meiner Lebendigkeit auch Glück erfahren. Das Glück läßt sich nicht festhalten, genausowenig wie das Leben. Das Leben fließt immer weiter. Manchmal fließt es durch finstere Täler, manchmal wird es zum Wasserfall. Auch im Schmerz ist Leben. Und so kann in jedem auch eine Ahnung von Glück sein, im Schmerz, der mich für den Bruder oder die Schwester öffnet, in der Freude, die ich mit andern teile, in der Anstrengung, die ich auf mich nehme, um einen Gipfel zu besteigen, in der Entspannung, wenn ich im Meer schwimme.

Überall, wo wirklich Leben ist, ist auch eine Spur vom Glück. Doch sowenig ich das Leben von außen betrachten und analysieren kann, sowenig läßt sich das Glück als etwas Objektives beobachten. Es stell sich ein bei dem, der lebt, der lebendig ist und der sich mit allen Sinnen auf das Leben einläßt.

Anselm Grün: Buch der Lebenskunst; S. 202
Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2002. ISBN 3-451-27997-3
 

Dr. theol. Anselm Grün OSB ist Benediktinerpater, Autor, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter für Kontemplation, Meditation, geistliches Leben usw. Seit 1977 ist er Cellerar der Abtei Münsterschwarzach.
 
 

(Aufgrund seiner Kürze darf ich in Übereinstimmung mit den Zitationsparagraphen des UrHG den Text hier im Ganzen zitieren.)

Ich glaube, das war es auch, was ich im Genußtraining lernte: Daß das Leben selbst Genuß ist, Genuß sein kann und damit Glück ist oder sein kann.

Es scheint eine Frage des Blickwinkels zu sein.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. Januar 2012 war, daß der PC nach drei Tagen Ausgeschaltetsein problemlos funktioniert.

© 2012 – Der Emil. Mein Text (nicht aber das Zitat!) steht unter einer creative common license für Deutschland 3.0
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Lebenskunst 02 (#024)

  1. Himmelhoch sagt:

    „… selbst die Oma in der Straßenbahn verlangt von mir, daß ich mich verhalte, wie sie es erwartet.“ – warum nicht einfach „die alte Frau“, wenn schon nicht die „alte Dame“?
    Ich glaube, wenn mich mal jemand einfach so mit „Oma“ anspräche, dem scheuer ich eine. *grins*

    • der_emil sagt:

      „die Omma“ (mit Ruhrpottbetonung) ???

      • Follygirl sagt:

        Ja, ich finde es auch bezeichnend, da forderst Du Deine LebensRechte ein, aber die Sichtweise auf die Mitmenschen, (sprich OMA) finde ich auch nicht korrekt… da sieht man wieder wo die (ältere) Frau in unsere Gesellschaft steht…

      • Himmelhoch sagt:

        Egal ob mit mm oder nur mit m oder in ruhrpöttisch oder sächsisch oder sonstwas – das hat so einen Altenheim-Touch oder Krankenhauston für mich. – Ich habe schon manchmal auf der Straße gehört: „Na Omi/Oma, soll ich sie über die Straße bringen?“
        Wahrscheinlich gibt es nicht so viele alte Männer, so dass mir das bei denen nicht aufgefallen ist.

        • der_emil sagt:

          Von mir wird das auf der Straße auch nicht zu hören sein. Aus genau diesem Grunde.

          Vielleicht wäre die Bezeichnung „ollsche Spinatwachtel“ im Text unmißverständlicher gewesen – vielleicht.

        • anniefee sagt:

          auch zu alten Männern sagt man vornehmlich Opa., als außen stehender Dritter – das übernimmt man glaub ich von so kindlich-simplen Weltschemen –
          solange man noch nicht zu allen Frauen von 20 bis 50 „Tante“ sagt, ist noch nicht alles verloren !

        • Gudrun sagt:

          Warte nur, Clara, das nehme ich als Lektion 26 im „Säggschgurs“ auf. Die Oma ist hier das „Muddchen“. 😀

  2. Hallo Emil Na ja, wenn die Oma in der Bahn ein Sitzplatz braucht, stehe ich auf. Auf Arbeit muß man als Kollektiv funktionieren, um Selbige zu bewältigen. Ansonsten bin ich wie ich bin. Man muß sich nicht alles gefallen…

  3. sweetkoffie sagt:

    Es ist eine Frage des Blickwinkels !!!!
    🙂
    Grüßle

    • anniefee sagt:

      Ja, da bin ich mir auch sicher.
      (oh mann, ich benutz grad das erste Mal die geschenkt bekommene schwarze Tastatur, was für eine Blick und Nutzumstellung !)

  4. kreadiv sagt:

    Den Anselm lese ich auch immer wieder gerne, wenn ich mich aufs Wesentliche besinnen möchte.
    Seine Wahrheiten sind einfach und sprechen mein Herz an.

    Einen Tag mit glücklichen Momenten für Dich!
    Herzlichst
    Andrea

  5. Glück zu empfinden ist manchmal schwer, aber trotz allen widrigen Umständen kann ich sagen…ich bin glücklich . Was andere von mir erwarten ? …mmmh darüber denke ich nicht nach! Ich versuche jeden Tag zu leben, manchmal auch überleben…. da habe ichgar keine Lust über so viele Dinge nachzudenken. Glück ist in dir drin du musst es nur zulassen 😉

    Wünsch dir einen glücklichen Tag ^^ Du bist wie du bist und das ist gut so 🙂

    GLG TB

  6. sucherin sagt:

    Wo Leben ist, ist Glück – und das wahrscheinlich auch in der Straßenbahn 🙂 Liebe Grüße

  7. nextkabinett sagt:

    Liegt im Erzgebirge Schnee?

  8. Elvira sagt:

    Noch schlimmer als „Oma“ finde ich es, wenn jemand zu mir sagt „..blablabla, JUNGE FRAU…..“ Da könnte ich platzen. Oder auch ne Variante „Gute Frau!“ Komischerweise bekomme ich in der Bahn ein schlechtes Gewissen, wenn ICH nicht aufstehe, weil mir plötzlich bewusst wird, dass ich schon älter bin als ich mich fühle und sicher keiner von mir verlangt, aufzustehen. Son Glück aber auch!

  9. minibares sagt:

    Jaaa bei uns sagte man „Omma“ hier ist das Ruhrgebiet.
    Ich entdecke so oft am Tag Kleinigkeiten, über die ich mich richtig freuen kann, die für mich Glück sind.
    klar. auch Schmerzen und Kummer gehören zum Leben. Sie machen uns stark, daraus hervorzugehen.

  10. Gabi sagt:

    Ich glaube auch, es scheint eine Frage des Blickwinkels zu sein. Und dieser dürfte wohl nicht immer gleich sein.

    Ach ja, und das mit der Oma finde ich jetzt eigentlich nicht schlimm. Vielleicht weil ich bei diesem Wort automatisch an meine Oma denke, die ein äußerst liebenswerter Mensch war. 🙂

    lg Gabi

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