R. D. Precht: «Lenin kam nur bis Lüdenscheid»
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Nun habe ich es endlich ausgelesen. Zum zweiten Mal, weil mir beim ersten Versuch die letzten 180 Seiten aber sowas von verleidet wurden …
Irgendwie hatte ich mir von gerade diesem biografischen Werk mehr versprochen, mehr erhofft. Jetzt weiß ich nur episodenhaft etwas mehr über die linke Szene in der BRD der siebziger Jahre. Beim Deutschlandfunk klang das noch so: «Ein lesenswerter Insiderbericht über die politische Macht von blutigen Illusionen.» (Rückentext auf dem Buch)
Für vieles fehlt mir einfach das Verständnis. Denn: Ich bin in der DDR aufgewachsen. Ich lernte einen völlig anderen Blick auf die Welt (und habe ihn mir in guten Teilen bis heute erhalten). Die meisten Beschreibungen kommen mir vor wie aus einer anderen Galaxie.
Eine Ausnahme ist die Fahrt über Magdeburg nach Köthen. Auch den dortigen Aufenthalt kann ich verstehen. Aber die reinen West-Geschichtchen bleiben mir unverständlich. Schade. Ich hatte mich für verständnisvoller, phantasiereicher gehalten …
Nun, ganz umsonst habe ich das Buch natürlich nicht gelesen. Wie immer suchte ich nach etwas Mitnehmenswertem. Nach Worten, die als Zitate in meine Sammlung Einzug finden:
Jeder Augenblick ist ein solcher des Gerichts über all die Augenblicke, die ihm vorangegangen sind. Biografie ist mitgeschleppte Gegenwart, tagtägliche Identität. Ein Fels, auf dem man steht, oder einer, den man auf dem Rücken herumschleppt. (S. 13)
Man merkt, daß man sich erinnert, wenn das Erzählen keine geistige Anstrengung kostet, wenn es einfach da ist und einen Raum spinnt. (S. 13)
Welches ist meine Wahrheit, die der Erinnerung oder die Wahrheit meines späteren Wissens? (S. 14)
Richard David Precht: Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution.
Ungekürzte Ausgabe im List Taschenbuch, 4. Auflage 2008.
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2005. ISBN 978-3-548-60696-5
Resümee:
Mir fehlt tatsächlich der Bezug zu diesem Buch, zu dieser Biografie. Und ich gebe einfach zu, daß ich als damaliger Bürger der DDR nicht über die Befindlichkeiten eines damaligen Bürgers der BRD urteilen mag und kann.
Vielleicht könnten diese Erkenntnis auch die gewinnen, die von ihrer Besserwessi- oder, noch schlimmer, Besserwossi-Warte aus mir mein Leben glauben erklären zu müssen.
Ganz unnütz war mir dies Buch doch nicht. Aber eine uneingeschränkte Weiterempfehlung kann und will ich nicht geben.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 14. November 2011 war ein weiteres geschafftes Stück Anfang meiner Biografie in grafischer Darstellung als Life-Chart.
P.P.S.: Jetzt werden die “Rosen im Schnee” liegen auf seinem Grab. Franz Josef Degenhardt starb gestern.
© 2011 – Der Emil. Dieser Text steht unter einer creative common license für Deutschland 3.0
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung):
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danke emil, eine gefühlte ewigkeit nicht mehr gehört. lächeln im gesicht. lg steff
Ja wir sind halt anders aufgewachsen und das Leben hat uns geprägt.
Ich habe das Buch nicht gelesen.
Ich habe eine Freundin die ist im *Westen* geboren und aufgewachsen, ich ja im *Osten* , wir sind ein Jahrgang *63* , aber wenn wir unsere Leben bis heute vergleichen , kommt es mir so vor als wenn wir unsere Jugend auf andere Planeten verbracht haben.
Die Welt liegt uns zu Füßen, nur leider haben wir nicht die Mittel und den Willen bzw. den Mut die Welt zu erobern. In meinem Innersten bin ich wohl doch noch der kleine ängstliche DDR Bürger ;), ich denke das mich die ganze Erziehung, das Leben von damals geprägt hat.
Ich versuche halt das Beste aus meinem jetzigen Leben zu machen, auch wenn es manchmal schwer ist, positiv zu sehen, aber es geht ja im weiter.
Ich liebe mein Leben !
Dir einen schönen Dienstag 😉
Deine Worte:
„Mir fehlt tatsächlich der Bezug zu diesem Buch, zu dieser Biografie. Und ich gebe einfach zu, daß ich als damaliger Bürger der DDR nicht über die Befindlichkeiten eines damaligen Bürgers der BRD urteilen mag und kann.
Vielleicht könnten diese Erkenntnis auch die gewinnen, die von ihrer Besserwessi- oder, noch schlimmer, Besserwossi-Warte aus mir mein Leben glauben erklären zu müssen. “
Ich kann nur nicken, zustimmen, ja sagen.
Ich mochte das Buch – es reflektiert in Teilen quasi mein Wessileben. Das zweite „Wer bin ich und wenn ja wieviele“ habe ich noch nicht angefangen. „Wossi“ habe ich noch nie gehört. Meine Enkel entspringen ja zwei Ost-West-Partnerschaften (ja, beide Söhne -West – sind verheiratet mit Frauen – Ost -), und ich habe lange überlegt, ob diesen Kindern irgendwann ein Spitzname angehängt wird, oder ob sie der Beweis für eine gelungene Wiedervereinigung sein könnten. Ich hoffe sehr auf letzteres!
Ja, lieber Emil, die Wessis und die Ossis … da liegen doch tatsächlich Welten dazwischen, wie ich immer wieder in vielen Gesprächen erfahre. Und ich frage mich , wie lange es wohl noch dauert, bis diese Unterschiede nicht mehr so gravierend sind.
In meiner Kindheit war die DDR genauso ein Ausland für mich, wie Italien, Schweden usw., wir hatten keine Familie im Osten und ich somit keinen Bezug. Nun habe ich begonnen den Osten langsam für mich zu entdecken, denn auch der Erdkundeunterricht hörte an der Zonengrenze auf.
ist das nicht tragisch?
Grüßle
SK
hallo EMIL,
vielleicht kommen wir beim Thema Frauengefängnis Hoheneck – neulich nett vorgespielt von Anja Kling, ARD – doch irgendwann zu einer Brücke des Verstehens, auf der wir gemeinsam stehen können – habe der englischen Einleitung jetzt einen längeren deutschen Text angehängt …
http://flickrcomments.wordpress.com/2011/11/14/hoheneck-women-jail/
Gruß vom Frizz
https://flickrcomments.wordpress.com/2011/11/14/hoheneck-women-jail/#comment-7766
übrigens vielen Dank für deinen Degenhardt Tipp – hab ihn aufgenommen; der Song-Schluss über „Aplerbeck“, wo der Akkordeon-Spieler gelandet war: das ist eine Irrenanstalt ganz in meiner Nähe (Dortmund)
P.S.:
van Gogh nahm man in der Irrenanstalt Pfeife und Pinsel ab, um ihn zu ärgern. (Den Gitarristen ganz sicher ihre Gitarre …)
„Für vieles fehlt mir einfach das Verständnis. Denn: Ich bin in der DDR aufgewachsen. Ich lernte einen völlig anderen Blick auf die Welt (und habe ihn mir in guten Teilen bis heute erhalten). Die meisten Beschreibungen kommen mir vor wie aus einer anderen Galaxie.“
Dann lass uns doch darüber schreiben. In kleinen Geschichten, denn woher soll es einer wissen.
Man muss dazu nicht seine Seele nackig machen und wir dürfen es auch nicht zulassen, dass genau das einer erwartet. Aber Befindlichkeiten, die kann man schon los werden.
Mein Sohn bemerkte neulich, dass er kein Halstuch mehr erhalten hatte. Einklagen wollte er es, und wir haben herzlich gelacht. Bei der Gelegenheit haben wir darüber gesprochen, wie das war nachmittags in der Schule. Nicht jeder Pionierleiter war ein Schwein. Aber woher soll das einer wissen, wenn niemand was sagt.
Ich will keine alten Zustände mehr, aber ich lasse auch nicht zu, dass alles schlecht geredet wird, vor allem von Leuten, für die sich gar nichts geändert hat in ihrem Leben.
Und Bücher? Ich habe neulich welche geerbt. Ein Freund war gestorben und ich durfte mir Bücher aussuchen. Er arbeitete eine Zeit lang bei Interdruck. Und dann habe ich mich hingesetzt und gelesen. So schlecht sind „Die Abenteuer des Werner Holt“ oder „Die Spur der Steine“ gar nicht.
Gruß in dein Halle
(Ätsch, wir haben morgen Feiertag. Und ich fahre nach Lützen zum Einkaufen.)
Dieses Buch habe ich leider noch nicht gelesen. Dafür zwei andere von Precht, die mir außerordentlich gut gefallen haben. Nun werde ich „neugierig durch Deinen Blogbeitrag geworden“ bei nächster Gelegenheit auch dieses Buch in Angriff nehmen.
Ich habe es gelesen und fand es sehr spannend, denn der Witz an ‚Lenin kam nur bis Lüdenscheid‘ ist ja gerade, dass Richard David Prechts Biographie auch für die BRD nicht typisch war. Die meisten Kinder, die hier groß geworden sind, hatten eine zutiefst bürgerlich verquaste Erziehung. Das war viel eher große Koalition als eben die DKP. Prechts Leben ist für Kinder mit politisch linker Prägung nicht untypisch, aber es ist wirklich keine westliche bürgerliche Erziehung. Er schreibt ja von seinem Exotenstatus in einer typisch bundesdeutschen mittelgroßen Provinzstadt, in der nun wirklich nicht viele echte Linke lebten. Das ist auch für uns bundesdeutsche Kinder der Siebziger nicht weniger fremd als für Dich. Na gut, etwas weniger fremd.