Lateinamerikanisch (Nº 233 #oneaday)

Erinnerungen auch an Chile

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Weiter geht es heute über Erinnerungen und Wahrheit. Meine Wahrheit, die durch meine von mir bewußt veränderten Erinnerungen nicht mehr so ganz wahr ist, wie sie es sein könnte. Und doch meine Wahrheit ist.

Beim Aufschreiben der Erinnerungen bin ich ein ganzes Stück weiter. Ich habe sogar ein ganzes Kapitel abgeschlossen – nämlich das, das bis zum zarten Alter von 5 Jahren dauerte. Alles, was sich vor dem ersten von mir erlebten Umzug 1968 (?) zutrug.

Und dann wurde ich beim Lesen an die Zeit erinnert, in der Chile ein riesiges Thema war in unseren Schulen. 1973 und 1974, als ich dann endlich Thälmann-Pionier wurde. Und ich erinnerte mich und erinnere mich an die Menschen, die Künstler, die Bilder aus dem Fernsehen, die Berichte im Radio und in Zeitungen.

Victor Jara, Pablo Neruda, Salvador Allende, Inti-Illimani. Die Schauergeschichten, die auf mich als Kind einströmten, die sich zum Teil als übertrieben und zum Teil als untertrieben herausstellten nach Jahren. Sie sind noch/wieder da …

Eines habe ich mir behalten auch in meiner neuen Persönlichkeit (oder ist das ein Hinweis darauf, daß ich nicht eine neue, sondern nur eine veränderte Person wurde?): Das Interesse für Kunst auch aus Südamerika. Und ohne ein Beispiel (in einer großartigen Übersetzung/Nachdichtung) lasse ich diesen Blog nicht stehen:

 
Vielleicht haben wir Zeit

Pablo Neruda

Vielleicht haben wir trotz allem Zeit,
um dazusein und gerecht zu sein.
Vorübergehend
starb gestern die Wahrheit,
und obgleich alle Welt es weiß
verhehlt es es alle Welt:
keiner hat ihr Blumen geschickt:
schon ist sie tot und keiner weint.

Vielleicht werden wir zwischen Vergessen und Kummer
kurz vor dem Begräbnis
die Gelegenheit
in Tod und Leben haben,
hinauszugehn von Straße zu Straße,
von Meer zu Meer, von Hafen zu Hafen,
von Gebirg zu Gebirg,
und vor allem von Mensch zu Mensch,
um zu fragen, ob wir sie umbrachten,
oder ob andere sie umbrachten,
ob es unsere Feinde waren
oder unsere Liebe das Verbrechen verübte
denn längst ist die Wahrheit tot
und wir können nun rechtschaffen sein.
Zuvor mußten wir kämpfen
mit Waffen obskuren Kalibers,
und wenn wir uns verwunden, vergessen wir,
wofür gekämpft wir hatten.

Niemals wußte man, von wem das Blut
herrührte, das uns einhüllte,
wir beschuldigten unaufhörlich,
unafhörlich wurden wir beschuldigt,
sie litten und wir leiden,
und als sie schon gewannen
und auch wir gewannen,
war die Wahrheit gestorben
an Überalterung oder an Gewalt.
Jetzt kann man nichts mehr machen:
alle verlieren wir die Schlacht.

Darum meine ich, wir könnten vielleicht
endlich gerecht sein,
oder könnten endlich da sein:
uns bleibt diese letzte Minute
und dann tausend Jahre Ruhm,
nicht da zu sein und nicht wiederzukehren.

entnommen aus Christa Wolf: Ein Tag im Jahr.
© 2003 Luchterhand Literaturverlag, München, S. 369 f. ISBN 3-630-87149-6
 
 

Und für die Musikliebhaber hier noch Inti Illimati mit “Sobre tu playa”:

 
Über die Typisierung und die Nacht der Kirchen schreib ich dann morgen oder übermorgen.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 20. August 2011 war u.a. die Kommunikation mit einem Familienmitglied.

© 2011 (nur für den eigenen Text) – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Lateinamerikanisch (Nº 233 #oneaday)

  1. ja, and the future is coming on .

  2. puzzle sagt:

    Die Zuwendung zu lateinamerikanischen Themen war in Westdeutschland ebenso groß, und die Lieder von Violetta Parra und Victor Jara, werden wohl kaum vergessen werden. Solche Erinnerungen gehören bei mir auch dazu: München hatte damals eine sehr aktive spanisch-lateinamerikanische Kleinkunst-Musikszene.

    Du hast die Jahre ‚bis 5‘ aufgeschrieben – das halte ich für einen der besonders schwierigen Teile,
    weil diese Erinnerungen einem besonders häufig angezweifelt wurden und werden, von den verschiedensten Menschen, denen man sie erzählt, ganz gleich ob nahestehend oder oberflächlich bekannt.
    Am ehesten – so meine Erfahrung damit – kann man auf Zustimmung, daß es möglich sei, sich so weit zurück zu erinnern, von fremden, gänzlich Unbeteiligten hoffen.
    Für mich waren solche Erfahrungen ein erster Hinweis darauf, was „meine Wahrheit“ und „deren Wahrheit“ bedeuten kann: man wird in Zweifel gestürzt, wo man argumentativ nichts dagegen zu bieten hat. Wogegen eigentlich?
    Seltsam ist das mit diesen Jahren, sie scheinen einem nicht gehören zu sollen, und sind so wichtig, gerade um das Gefühl später überhaupt gegen ‚außen‘ durchsetzen zu können: das bin – ohne Zweifel – ich, das sind meine Erinnerungen, so habe ich das erlebt.
    Das gilt natürlich auch für spätere Lebensabschnitte, aber nach meinem Dafürhalten ist dieser erste Lebensabschnitt besonders sensibel dafür, daß unser Selbstbehauptungsrecht infrage gestellt wird.

    • der_emil sagt:

      Auch ich hatte den Eindruck (irgendwo in mir protestierte jemand: DAS KANNST DU ALLES NICHT WISSEN!), daß diese frühen Erinnerungen immer als Einbildung abgetan werden oder als Rekonstruktion, die mein Gedächtnis aus den Erzählungen und Berichten Anderer erschaffen hätte. Das wäre sicher möglich …

      Aber wiedereinmal entscheide ich, was meine Vergangenheit ist: Diese Erinnerungen an dn Ort Hartenstein gehören für mich ganz eindeutig dazu (es sind auch Gerüche darunter).

  3. anniefee sagt:

    Alles in allem sind Erinnerungen und Erfahrungen doch gut und nützlich. Sei es nur, um besser das Aktuelle besser bewerten zu können. Oder ?

  4. frizztext sagt:

    Victor Jara, Gitarrist? Ich glaube, sie haben ihm erst die Finger gebrochen, später brutal ermordet – in jenem verfluchten Stadion …

    • der_emil sagt:

      Gitarrist und Sänger. Die Finger wurden ihm abgeschlagen im Stadion. Und er sang weiter. (So hab ich die Geschichte gehört – weiß ich noch, weil ich schobn damals versuchte, Gedichte zu schreiben.)

  5. ….ich erinnere mich auch noch ganz genau das wir immer in der Schule über Chile geredet haben und welch schlimmes Leid den Menschen dort angetan wird…. wir haben auch mal so einen Film in der Schule gesehen, der war brutal …. aber ich weiß nicht mehr wie der hieß, kann mich aber noch an eine schlimme Szene erinnern… das war im Folterkeller, da hängten die Soldaten einen Jungen mit den Füßen nach oben an die Decke und folterten ihn… der Junge war in etwas unserem Alter …damals so um die 11 oder 12…

    …mir gehts auch so , wenn ich zurück blicke frage ich mich manchmal auch …ist mir das wirklich passiert… irgendwie verdränge ich auch meine Vergangenheit oder vielleicht auch weil ich keine Zeit habe mich damit auseinanderzusetzen… na ja aufschreiben ist immer eine gute Idee… die Frage ist nur will ich mich wirklich an alles erinnern was damals geschehen ist… irgendwie scheint alles soweit weg zu sein…

    Wünsche Dir noch einen schönen Sonntag

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