Tagebuch A: Sonnabend, 5. Februar.
Es war heute Zeit für einen Haushaltstag. Aber zuerst Kaffee, ein Brötchen aus dem Tiefkühlfach und ausreichend Zeit zum Wachwerden. Ich hatte mir einen Radiosender gesucht, den ich für passend hielt, der dann auch einfach so, ohne meine Aufmerksamkeit zu sehr zu beanspruchen, vor sich hindudelte. Knappe zwei Stunden gönnte ich mir heute für meinen Start in den Tag.
Als erstes war ich einkaufen. Ich kann ja ohne Kaffee und Milch und Kekse nicht leben. Heute nahm ich auch die leeren Pfandflaschen mit. Weil Eisbergsalat im Angebot war, wußte ich auch gleich, was ich heute oder morgen essen würde. Brot nahm ich mit, zur Sicherheit noch ein Glas Honig. Und Orangenmarmelade. Ich sollte in nächster Zeit genug für leckere Frühstücke haben.
Wieder zuhause. Erst wurde der Einkauf weggeräumt, danach eine Maschine Wäsche angestellt und der Abwasch erledigt. Ich widerstand der Versuchung, zwischendurch nochmal an den Rechner zu gehen, aber nur schwer. Ich machte mich über ein Fach des Bücherregals her. Darinnen standen 52 Bücher, die ich mir ansah. Will ich dieses Buch wirklich lesen, fragte ich mich bei jedem einzelnen. Wie üblich sortierte ich sie auf drei Haufen. Ein Mathematik-Nachschlagewerk wird wohl für immer bei mir bleiben, auch wenn ich nur noch Weniges von dem verstehe, was da drin geschrieben steht. Es wurde zum Fundament des Stapels „behalten”. Daneben landete ein Handbuch der Esoterik auf dem Platz für die Bücher, die „weg” sollen. Bei nur acht der 52 Bücher konnte ich mich nicht auf Anhieb entscheiden. Und so landeten zuerst die 16 zu behaltenden wieder im Regal, die wegzugebenden in einer großen Einkaufstasche. Ich gönnte mir 45 Minuten am Rechner, erledigte Mails, sah nach neuen Blogbeiträgen bei drei Freunden. Und nahm dann die acht Bücher erneut zur Hand. Nun, das Buch über Andorra kann weg, das Totenbuch der Tibeter lese ich auch nicht ein zweites Mal, Readers Digest – da fragte ich mich, wieso die überhaupt noch bei mir im Regal verblieben waren. Am Ende stellte ich die übrigbleibenden drei (Oberthür: Mein fremdes Gesicht, Valentin: Grabbes letzter Sommer, Cibulka: Das Buch Ruth) wieder ins Fach. Alles von Konsalik z. B. gehörte heute zur Kategorie „weg”. Die packte ich dann noch um in einen Karton, schrieb an allen möglichen Stellen „Zu verschenken” drauf; irgendwann stelle ich den regengeschützt irgendwo in der Stadt ab.
Dann saß ich erneut am Rechner, hatte mir den Kurzzeitwecker auf 45 Minuten gestellt. So verpaßte ich nicht die Zeit, die ich zum Schreiben nutzen wollte. Noch immer liegen hier drei zu bearbeitende Texte und warten darauf, fertiggestellt zu werden. Doch das geschah heute wieder nicht. Stattdessen gelang mir (glaube ich) eine Miniatur über vom Leben enttäuschte, alternde Männer und ihre Gewohnheiten. Genau, der Anstoß dazu kam aus meinem eigenen Erleben. So wenige Bildchen und Filmchen habe ich mir schon lange nicht mehr angesehen wie in der Zeit, seit meine Frau nicht mehr da ist. Denn ich habe ohne sie nicht wirklich eine Gelegenheit, die davon ausgelöste Lust in Zweisamkeit auszuleben; und ganz ehrlich gestehe ich, daß mir das alleine keinen Spaß macht, ja, das ist für mich i. d. R. nicht einmal mehr entspannend, sondern macht mich nur noch sehnsüchtiger. Naja, aus dieser Erkenntnis entstand eben das kurze Geschichtchen, das Schlaglicht, diese Miniatur.
Wenigstens etwas, das ich geschafft habe. Nein, ich dachte nicht darüber nach, ob und wie ich die bewußten drei Texte jemals fertigstellen werde. Die gebe ich nicht auf, die werden – dessen bin ich mir ganz sicher – irgendwann einmal für mich zufriedenstellend abgeschlossen sein.
Vorhin habe ich dann zwei Schalotten geschält und sehr fein gewürfelt, aus Öl, saurer Sahne und ein wenig Essig eine Salatsoße zusammengerührt, die natürlich auch gewürzt, und dann damit den kleingerissenen Eisbergsalat angemacht, den es heute beim Einkauf für billiges Geld gab. Mehr brauchte ich nicht zum Abendessen. Viel zu selten esse ich solchen frischen Kram, viel zu selten. Das ist aber auch oft sehr teuer, sich so gesund zu ernähren. Ob sich an dem Dilemma etwas ändern läßt durch mich selber?
Ich werde jetzt wohl noch ein Weilchen lesen, vorher muß ich mich noch für ein Buch entscheiden. Für eines der vielen Bücher, die ich bald lesen möchte. Ein Stündchen vielleicht noch, und dann ist es Zeit zum Schlafen. Ich denke, ich habe heute genug erledigt für einen Tag. Leider bleibt die zweite Betthälfte auch heute wieder leer, immernoch. Ich weiß nichts mehr über sie; seit sie ging, habe ich nichts mehr von ihr gehört oder gesehen. Leider kann ich auch keinen ersten Schritt machen: Ich habe weder eine Telefonnummer, unter der ich sie erreichen könnte, noch eine Adresse, an die ich ihr schreiben könnte. Außerdem: Lesen und schlafen. Morgen sehe ich weiter.
Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbkladden-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notizbücher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift.
Erinnerung des Tages:
Die praktische Arbeit während meiner (nebenberuflichen) Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker (Industrieschlosser) fand in einem Bergbaubetrieb statt, allerdings nur übertage: im VEB Zinnerz Ehrenfriedersdorf.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 6. August 2025 war ich zufrieden mit einem abgeschickten Paket, mit dem beladenen Fliewatüüt, mit mariniertem Hering (zu dem auch Bulgur schmeckte).
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

