2025 – 183: Zustandsbeschreibung

Gleich auf der zweiten Seite eines Buches gefunden.

 

 

Wir sollten ehrlich bekennen: Die Rätsel der Erde sind noch nicht gelöst, obwohl wir längst aufgebrochen sind, den Himmel zu stürmen. Die alte Moral und Menschlichkeit haben ausgedient, nun sind wir dabei, uns neu einzurichten. Es ist nicht einmal sicher, ob ein Mann und eine Frau weiter so zusammenleben können wie bisher. Nur Kinder werden geboren wie eh und je, Familien sind brüchig, viele Ehen tot. Weder die Wohnungen noch die Kleider, Schuhe, Straßen, Transportmittel, gleich gar nicht die Städte sind so, wie wir's uns wünschen. Es gibt noch unheilbare Krankheiten, unbewässerte Felder und unbeachtetes Wissen, Können, Talent. Es besteht der Zwang, kostspielige und mörderische Waffen zu schaffen und sie nach wenigen Jahren durch noch kostspieligere und mörderischere zu ersetzen, damit nichts Schlimmes geschieht. Die Musik in den Tanzsälen ist zu laut, die weithergeholten Moden mißfallen uns, und manchmal sind wir von unseren eigenen Kindern entsetzt, die der neuen Art des Zusammenlebens, das wir zu begründen versuchen, gleichgültig oder zweifelnd gegen­über­stehen.

 

 

Ich hatte mich entschlossen, mehr zu lesen, um Ideen zu finden. Den Krimi von Charlotte Link legte ich nach wenigen Sätzen zur Seite. Stattdessen nahm ich dieses Buch zur Hand, das eine maßlose, ungewöhnliche Begegnung eines Professors für Ethik („Moral”) beschreibt, der mit seinen 40 Jahren von einem Tag auf den anderen aus seinem Alltag flieht. Nicht nur diese Sätze regten mein Denkicht an (und viele andere auch meine – zum Teil erotische – Phantasie).

Ein wenig werden sich viele Menschen in den Protagonisten wiederfinden. Auch ich erlebte schon Einiges, sammelte Erfahrungen, das und die mich betroffen machten. Ich mußte deswegen mein Denken und mein Leben ändern, gegen meinen eigenen Widerstand. Es galt auch schon zu genießen, solange das zu Genießende dauerte, und dann nicht nachzutrauern, enttäuscht zu sein von der Endlichkeit des Genusses, der Genießbarkeit. Ja, ich habe mich schon vor vielen Jahren vom Glauben abgewen­det, daß immerwährendes Glück (gleich welcher Art) erstrebenswert oder gar möglich ist.

Doch der zitierte Text wurde von mir aus ganz anderen Gründen ausgewählt.

Ist das nicht eine Beschreibung exakt des Zustands, in dem wir unsere Welt gerade vorfinden? Oder ist der Zustand noch schlimmer, noch hoffnugsloser, als in dieser Zustands­be­schreibung? Ich lese zwischen den Zeilen ein Stöhnen ob der Unab­wend­barkeit und Unveränderbarkeit der Situation. Mancher entdeckt vielleicht sogar Resignation, Dreinfügen in das Gegebene. Und natürlich: am Ende das das Stöhnen über die Jugend, nicht wahr?

Ich bin – allerdings nicht gerade bei dem gegenwärtigen Wetter – nur zu gerne bereit, vieles davon ad absurdum zu führen, vielem davon zu widersprechen, eine laute Musik zu genießen, eine Mode akzeptabel bis angenehm zu finden, Talent und Wissen und Können zu finden und zu verbreiten (wenigstens deren Auswirkungen). In all den anderen Angelegenheiten kann ich versuchen, meinen (kleinen) Teil beizutragen zu allfälligen Veränderungen. Ich kann z. Bsp. Straßen mit einem Greifer verändern, indem ich Müll auflese und dahin werfe, wo er hingehört; die Straße ist dann noch immer nicht so, wie ich sie mir wünsche, aber ein wenig näher meiner Vorstellung, meinem Wunschbild von einer Straße. Und an meiner Moral, an meinem Moralempfinden, meinem Moralverständnis kann ich wohl auch arbeiten – doch ich muß nichts davon dem anpassen, was gerade herrschende Moral genannt wird.

Ja, die Zeit, in der ich jetzt lebe, ist die unsicherste, in der ich bisher je gelebt habe. Die Sätze, die ich oben zitiere, sind aber nicht aus dieser Zeit. Denn sie wurden 1978 veröffentlicht auf Seite 6 im Buch von Eberhard Panitz: Die Moral der Nixe. Eine Sommergeschichte. Erschienen ist es damals in 7. Auflage im Mitteldeutschen Verlag Halle · Leipzig mit der Lizenz-Nr. 444-300/79/86 · 7001 (Best.-Nr. 638 630 8). Und mir scheint, das Zitierte trifft noch immer und vielleicht sogar mehr zu heutzutage.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Heute brachte ich 14 Bücher in einen Öffentlichen Bücherschrank (ich mußte leider draußen unterwegs sein).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 2. Juli 2025 war ich zufrieden mit der Wirkung meiner Behelfskühlmaßnahmen, mit etwas Aufgetrenntem, mit gefrorenem Joghurt.


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Über Der Emil

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