Verzicht (Nº 290 #oneaday)

Nur worauf noch?

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Wie ich schon mehrfach schrieb, bin ich gerade arbeitsunfähig erkrankt. Und wahrscheinlich auf dem Weg der Besserung. Deshalb vielleicht fiel mir auf, wie schäbig hier alles geworden ist. Und jetzt laß ich mal Frust ab:

Außerdem bin ich ein EHBErwerbsfähiger Hilfe-Bedürftiger, d. h. ich lebe zur Zeit von ALG II.

Erwerbsfähig. — Bin ich etwa fähig, erworben zu werden?

Hilfe. Bekomme ich Hilfe? Muß ich Hilfe leisten bei der Umsetzung meiner Rechte?

Bedürftiger. Das heißt ich bedarf wessen? Der Hilfe? Sicher, ich bedarf einer Hilfe, die eine solche auch ist, wie es die Sozialhilfe einst war. Besser aber wäre eine sinnvolle, vernünftig entlohnte Erwerbstätigkeit, die mir auch noch Spaß und mich nicht nur krank und kaputt macht.

Hilft mir das Jobcenter vielleicht dabei, eine solche Erwerbstätigkeit zu finden? Meiner Erfahrung nach: Nein. Weil das Jobcenter nur noch Jobs vorschlagen kann, um die ich mich dann bewerben soll: Zeitarbeit, geringfügige und/oder befristete Beschäftigung, nahe der Sittenwidrigkeit liegende Entlohnung.

Oftmals Entlohnung im wahrsten Sinn des Wortes. Ich werde meines Lohnes entledigt. Und der sogenannte Arbeitgeber wird der Pflicht zur angemessenen Lohnzahlung entledigt.

Oh, ich bin tatsächlich bedürftig. Ich habe ein Bedürfnis an Aufmerksamkeit, an Freude, Gefühl, an Sinn in meinem Leben, an so vielen trivialen, einfachen Dingen.

Nur: Mit dem, was mir als “Hilfe” geboten wird, konnte und kann ich vieles davon nicht befriedigen. Also lernte ich verzichten. Auf Zeitung und Kino. Auf Kleidung und Einrichtung und Lebensmittel von vernünftiger Qualität. Auf Arztbesuche, Medikamente, Pflege. Auf Museums-, Zoo- und Konzertbesuche. Auf die Möglichkeit, schnell von A nach B zu gelangen. Auf Erholung. Auf Teilnahme an Festen und Feiern.

Passend zur Depression.

Jetzt verzichte ich zusätzlich auf andere Dinge: Auf Billigjobs, sinnlose Maßnahmen usw. Zumindest solange, bis ich wieder gesund bin. Und dann, dann versuche ich, auf die Schäbigkeit zu verzichten. Und: ich verzichte auf den Verzicht.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 16. Oktober 2011 waren das Erkältungsbad, die Zeit zum Nachdenken, eine kurze Nachricht.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

290 / 365 – One post a day (WP-count: 358 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Verzicht (Nº 290 #oneaday)

  1. Follygirl sagt:

    Ach Mensch, war das denn je anders? Ich habs auch nur so empfunden…
    Traurig, der Mensch an sich zählte eben noch nie…
    LG, Petra

  2. zeitreisen sagt:

    Ich wünsche dir gute Besserung, Emil, für deinen Gesundheitszustand und ich kann dich gut verstehen
    LG, Monika

  3. sucherin sagt:

    Auch wenn Dein heute geschriebener Blogbeitrag mich ziemlich traurig stimmt, finde ich Deine Beschreibung beeindruckend und getroffen. Ich kann die Situation sehr gut nachvollziehen und wünsche Dir „Besserung“.LG

  4. M. sagt:

    Ich weiß genau, wie du dich jetzt fühlst. Als ich nach meinen zwei großen Operationen nicht gleich wieder arbeiten gehen konnte und zudem noch als Reha Fall eingestuft wurde, hatte ich auch mit den Ämtern zu tun. Und auch ich kann ein Lied singen. Wenn du dich auf diesen Staat verlässt, bist du verlassen. Nun komm aber erst mal wieder auf die Beine. Das ist das Wichtigste von allen Dingen. Ich schick dir herzliche Grüße.

  5. Himmelhoch sagt:

    Emil, jedes Wort kann ich nachvollziehen, denn ich habe diesen unwürdigen ALG II-Zustand längere Zeit mitgemacht. Meine Rente liegt so geringfügig über dieser Summe, so dass ich manchmal denke, dass ich mit GEZ-Befreiung und Berlin-Pass für ermäßigte Fahrkarten und kostenlose Museumsbesuche fast besser gekommen bin.
    Und dafür habe ich mein ganzes Leben gearbeitet.
    Aber wir schaffen das – wir lassen uns nicht unterkriegen, nööööööch?

  6. Elvira sagt:

    Was denn, reichen Dir etwa Brot und Spiele nicht? Reicht Dir nicht das 16:9 Lebensgefühl? Bravo! Lass Dampf ab! Nur nützen wird es wenig. Erst wenn sich Demos, wie gestern in vielen Städten, häufen, wenn immer mehr Menschen ihren Dampf öffentlich ablassen, wenn immer mehr Menschen es schaffen sollten, sich von ihren Sofas zu erheben, wenn immer mehr Menschen es lernen würden, selbst zu denken, dann, ja, dann vielleicht wird sich etwas ändern.
    Zum Jahresende 2010, mein Blog war noch fast taufrisch und ich in dieser Hinsicht völlig unbedarft, hatte ich diesen Beitrag gepostet: http://wp.me/p1frmn-4z
    Gelesen hatte ihn damals nur mein Sohn. Vielleicht sollte ich ihn dieses Jahr noch einmal posten . Geändert hat sich ja eh nichts
    Ich wünsche Dir gute Besserung, in jeder Hinsicht!
    Liebe Grüße,
    Elvira

  7. nextkabinett sagt:

    Sehr gut!
    Aber … hier in Deinem Blog ist es doch nun wirklich nicht schäbig.

  8. Gudrun sagt:

    Das Gefühl kenne ich, die Ohnmacht, die Schäbigkeit, die Armut. Trotzdem Emil, wir haben eine Faust und damit sollten wir eben auch mal auf den Tisch hauen. Nicht jeder für sich und ganz leise und vorsichtig.

    Liebe Grüße von der Gudrun

  9. colorsigns sagt:

    ich habe dich hier gelesen, ich war traurig und schrieb dir
    diese geschichte ( Die Mutprobe.) ich weiß ich kann dir damit nicht viel geben , aber vielleicht ein kleines dankeschön für deine kleinen aufmerksamkeiten, bitte werde wieder gesund und fröhlich , zuversichtlich und halte durch ..leise dankbar dich täglich lesen zu können und zu dürfen
    leise
    christin

  10. der_emil sagt:

    Ich danke euch allen für die Kommentare. Und, Elvira, Dein Text paßt jetzt auch wieder. Irgendwann – hoffentlich bald – sind wir viele, die auf den Tisch hauen und was ändern!

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