Heute nur abgetippt (Nº 277 #oneaday)

In einem kleinen orangeroten Büchlein findet sich folgende Miniatur, die ich euch gerne weitergeben möchte:

 
Joachim Dachsel

Hans im Glück

Sie wissen nicht, wie Sie mit einem Menschen dran sind … Bringen Sie ihn dazu, Ihnen das Märchen vom Hans im Glück zu erzählen! Und geben Sie acht, was daraus wird!

Vielleicht die Geschichte eines Tölpels, der seine Chance vergibt. Wie steht er schließlich da? Als Muster eines geprellten Dummkopfs, der mit leeren Taschen dort wieder ankommt, von wo er einmal aufbrach. Eine Schande der Familie. Ein Lebensuntüchtiger, den man nur seiner eigenen Unfähigkeit überlassen kann. Ein Gelächter für die Schlaueren, die mit ihm umsprangen, wie er es verdient hat. Ein Beispiel dafür, wie man’s auf keinen Fall machen darf.

Oder bekommen Sie etwas anderes zu hören: etwas von einem Menschen, der ein Ziel hat, das alles aufwiegt? Was sollen ihm auf dem Weg die Hudeleien mit all dem, was verlockt und hintendrein seine Tücken zeigt. Freudig läßt er sich’s abtauschen, genarrt und doch lernend von Mal zu Mal auf die kurioseste Weise. Und als ihm schließlich die Steine in den Brunnen fallen, erhebt er sich erleichtert. Er springt vor Freuden auf, heißt es bei den Gebrüdern Grimm. Er kniet nieder und dankt Gott mit Tränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn von den Steinen befreit habe, die ihm allein noch hinderlich gewesen seien. (Was ist hier Ironie und was nicht? Vielleicht wissen Sie es genauer als ich.) »Mit leichtem Herzen und frei von aller Last« langt er schließlich dort an, wo er hinwollte: bei seiner Mutter. Angekommensein, zwar mit leeren Händen, aber bei den offenen Armen – was gilt ihm mehr? Das ist das Glück.

Hören Sie auf die Untertöne Ihres Erzählers! Ich sage Ihnen: Es kommt ans Licht. Etwas von dem, was ihm wichtig ist. Wonach er sich sehnt – mag sein: ganz im verborgenen. Wie er sich Glück vorstellt. Welche Richtung er gern mit seinem Leben einschlüge. Oder doch am liebsten eingeschlagen hätte.

Es kommt heraus. Nicht rein. Nicht ohne Zwiespalt, wie es denn auch bei Grimms zwiespältig bleibt. Kein Wunder, denn im Erzählen findet ein Kampf statt: zwischen Überliefertem und Überlieferer. Und zwischen zwei Seelen, ach, in der Brust.

Wessen? Nur des Erzählers?

Joachim Dachsel: Zwischen Hammer und Nagel. Miniaturen und Feuilletons.
Evangelische Verlagsanstalt Berlin GmbH Berlin 1988. S. 28
Printed in the German Democratic Republic. ISBN 3-374-00557-8
 
 

Ich hoffe, ihr habt mit dem ersten gehörten »Hans im Glück« ebensoviel Vergnügen wie ich …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. Oktober 2011 waren das Faulenzen und die Gespräche mit der Liebsten. Und nicht einmal habe ich mich ernsthaft mit diesem unsäglichen Feiertag beschäftigt.

277 / 365 – One post a day (WP-count: 453 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Heute nur abgetippt (Nº 277 #oneaday)

  1. sweetkoffie sagt:

    Emil, danke für den Post, das macht mich sehr nachdenklich ….
    Liebe Grüße und einen wundervollen, unbeschwerten Dienstag
    Sweetkoffie

  2. fudelchen sagt:

    Hab einen schönen Tag !

  3. Elvira sagt:

    „Es kommt heraus. Nicht rein. Nicht ohne Zwiespalt, wie es denn auch bei Grimms zwiespältig bleibt. Kein Wunder, denn im Erzählen findet ein Kampf statt: zwischen Überliefertem und Überlieferer. Und zwischen zwei Seelen, ach, in der Brust.

    Wessen? Nur des Erzählers? “

    Das geht jedem Psychoanalytiker so – Übertragung und Gegenübertragung!

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