Ich weiß, daß Arbeit nicht unbedingt dem Gelderwerb dient.
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Zwei Stunden täglich (im Durchschnitt) sitze ich herum und „arbeite” an meinen täglichen Blogbeiträgen (heute Beitrag Nº 4.921, also insgesamt etwa 10.000 Stunden schon). Manchmal, wenn ich längere Zeit (an einem Wochenende auf dem Markt zum Beispiel) unterwegs sein werde, schreiben ich Beiträge vor, ergänze sie am Veröffentlichungstag nur noch um dies und das. D. h., ich sitze auch mal vier oder sechs Stunden nachdenkend, suchend, kritzelnd, lesend und schreibend da. Aber im Durchschnitt dauert es zwei Stunden, bis ein Text entstanden ist. Ja, auch die kurzen Haikus und Tankas und Vierzeiler brauchen diese Zeit, dessen bin ich mir sicher, selbst wenn sie scheinbar in nur wenigen Minuten aufs Papier gebracht wurden. Denn eigentlich, eigentlich müßte ich all die Zeit, die ich lese oder ins Tagebuch schreibe, all die Zeit, da ich scheinbar regungs- und gedankenlos Löcher in die Luft oder in andere Dinge starre, die Zeit, in der ich dem Gemurmel und Menschengeräusch in Bus und (Straßen-)Bahn oder an den Haltestellen und in den Geschäften und in der Stadt lausche, auch noch dazuzählen. Aber wer würde sich das trauen, all die Zeit Arbeitszeit zu nennen, wenn sie doch überhaupt nicht der Ausübung des Gelderwerbs dient, sondern am Ende in einer brotlosen Kunst, in einem bloßen Hobby – zum Beispiel in einem Blog – sich wiederfindet. Nun, ich zumindest überlege gerade daran herum und bin bereit, meine Bloggerei als meine tägliche Arbeit, meine täglich gern getane Arbeit zu betrachten und werten. (Ja, das war und ist eine schwierige Entscheidung, das selbst so sehen zu können.)
Für ein Hobby täglich zwei (und bei genauerer Betrachtung noch mehr) Stunden Zeit opfern, Zeit verschwenden: Wie dumm ist das denn? Tja, andere sitzen zwei Stunden und sehen TV oder Netflix oder irgendeinen anderen Streamingdienst. Stricken oder Häkeln nebenbei. Bei mir geschieht vieles auch „nur” nebenbei, das Lauschen zum Beispiel. Das tu ich ja auch auf dem Einkaufsweg und beim Einkaufen. Gestern, am Freitag, war da ein Vater hier aus dem Haus mit seiner kindergartenalten Tochter. Wir treffen uns oft im Haus, im Fahrstuhl, das Mädchen mit ihrer Mutter oder mit ihrem Vater und ich. Ich weiß, daß die Familie Farsi spricht. Im Geschäft zuppelte das Mädchen an meinem Ärmel und fragte mich auf Deutsch nach meinem Namen. Was der Vater da sprach, verstand ich nicht, aber ich antwortete dem Kind und sagte meinen Namen noch zwei weitere Male, bis sie zufrieden mit ihrer Aussprache war. Hoffentlich wurde sie nicht ausgeschimpft dafür, daß sie neugierig war. Dann vorm Haus trafen wir uns wieder und ich wurde mit einem mir unbekannten Wort und meinem Namen begrüßt, lächelnd begrüßt. Drei Worte Persisch (nichts anderes ist Farsi) kann ich halbwegs verständlich sagen: „hallo”, „danke” und „auf Wiedersehen” – und über das „auf Wiedersehen” haben beide sich beim Aussteigen aus dem Fahrstuhl gefreut.
Aus Begegnungen wie dieser kommt irgendwann ein Impuls zu einem Text. Selbst ich werde in dem nicht mehr diese urprüngliche Begebenheit herauslesen können, denn wahrscheinlich vermengen sich wieder mehrere erlebte Szenen zu einer neuen, die genau wie von mir beschrieben geschehen könnte. Oder in einem Märchen taucht plötzlich eine Figur auf, die dem Waldschrat ein wichtiges Wort in einer fremden Sprache beibringen wird. Oder oder oder. Vorerst habe ich etwas aufgeschrieben, etwas davon in meinem Kopf; und es wird dort arbeiten, es wird von mir unbemerkt arbeiten. Irgendwann erinnere ich mich daran, irgendwann.
Fürs Protokoll: Ich weiß, daß auch Haus- und Sorgearbeit u.v.m. nicht als „richtige” Arbeit angesehen werden. Es geht in diesem Text wie so oft nur um mein eigenes, ganz persönliches Verständnis.
Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich habe zu viele Bücher, ich muß konsequenter weggeben. Deshalb stellte ich – ohne viel darüber nachzudenken – heute wieder zwölf Bücher in ein öffentliches Bücherregal.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden war ich am 27. April 2024 mit dem Mittagsschlaf, mit dem Nachdenken, mit den weggebrachten Büchern (obwohl ich jetzt am Abend doch noch Zweifel habe, ob ich das eine oder andere hätte selbst lesen sollen).
© 2024 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


@deremil Arbeit ist leider ein so stark besetzter Begriff. Und Sein ist so unpopulär, vielleicht sogar ein bißchen verpönt.
Ich würde das von dir beschriebene Arbeiten dem Sein zuordnen.
Bei mir gibt es noch "es arbeitet", ein oft wochenlanges Still-/Innehalten, weil sich innerlich etwas formt – eine Idee, eine Erkenntnis, ein Text. Diese Texte, bei denen man sich nur hinsetzt und wie bei einem Diktat runterschreibt.
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Nun, wäre ich ein „anerkannter” Schriftsteller, so würde es nicht „nur” Sein sein, sondern künstlerische Arbeit.
Wer aber legt fest, welcher Mensch Schriftsteller ist?
Natürlich arbeitet es in mir, auch ES arbeitet in mir …
@deremil@deremil.blogda.ch
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@deremil Danke. Das sollte ich mir vielleicht an die Wand hängen.
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Oh, das hat auch noch niemand so klar zu einem meiner Texte gesagt. Danke.
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@DerEmil@procial.tchncs.de @deremil@deremil.blogda.ch Na ja, dieser Artikel kam gerade, als ich über einige Aspekte meiner Zeitverwendung nachdachte …
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Du bist ein Schriftsteller, im besten Sinn des Wortes! Ich war ja eine sehr lange Zeit nicht hier unterwegs, nicht bei dir und nicht bei anderen. Dann tastete ich mich langsam wieder an die sehr wenigen Blogs, denen ich folge, heran. Es sind völlig unterschiedliche Blogs, unterschiedliche Themen, unterschiedliche Schreibstile und wahrscheinlich auch unterschiedliche Ansprüche. Bei dir denke ich immer, was für eine Fülle an Gedanken du in Texte fasst, die nicht einfach so runtergeschrieben wurden. Wie sorgsam du deine Worte wählst, Sätze formulierst, das zeugt von wahrer schriftstellerischer Arbeit. Ich bin jedenfalls froh, wieder hierher gefunden zu haben!
Als ich das las, ähnelte ich ziemlich heftig einer Osram-Birne.
Danke.
Blogbeiträge zu schreiben ist in der Tat kein Nebenbei-Arbeiten – es verlangt Disziplin, Ausdauer und natürlich viel, viel Zeit. Aber es macht Spaß, so dass ich zumindest jeden dritten Tag einen Artikel schreibe; außer im Urlaub – das ist ja auch das Gegenteil von Arbeit 😉
Beste Grüße und vielen Dank für die inspirierenden Beiträge!
Ich hab schon so oft darüber nachgedacht, nicht mehr täglich zu bloggen – und bleibe doch immer wieder dabei (auch in den Zeiten, die ich Urlaub nennen könnte). Wenn es mir keine Freude machen würde, wär das wohl nicht so.
Über den Begriff der Arbeit kann man trefflich diskutieren. Für mich habe ich den Begriff abgeschafft – es gibt bloß mehr oder weniger sinnvolle Tätigkeiten, und diese Einteilung ist auch immer subjektiv. Wenn ich in meinem Garten schufte, ist das keine Arbeit im üblichen Sinn für mich, auch wenn mich andere oft dafür bemitleiden. Für meine Erwerbstätigkeit hätte ich eine Menge Ideen, wie diese um viele überflüssige (sinnlose) Dinge reduziert werden könnte, aber da ist der Gesetzgeber davor. Da ist das Geld oft (nicht immer) der einzige Sinn. Und dann hab ich jahrelang ehrenamtlich „gearbeitet“ (=sinnvolle Tätigkeit), incl. Verbindlichkeit und Verantwortung, während das Geld vom Jobcenter kam… ich also „arbeitslos“ war.
Genauso sinnlos finde ich Begriffe wie „work-life-Balance“ oder „Arbeit und Leben“ – als ob das zwei verschiedene Dinge wären.
Und jetzt geh ich in den Garten, da wartet viel „Arbeit“ (sinnvolle Tätigkeit) auf mich!
Oh ja, Ehrenamtler bin ich auch schon seit Jahren.
Und auch sonst kann ich zu den Sätzen Deines Kommentars nur nicken.
mir gefällt dein vorgehen.
Danke.