Amüsiertes Bedauern, schlußendlich.
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Der Weg hinauf auf den Dachboden ist nicht einfach, der Weg wieder herunter wird noch schwieriger.
Tante Erdmute ist schon längst nicht mehr die Jüngste, wie man so sagt. Zwei Stockwerke sind für sie ein kleines Abenteuer, „eine halbe Weltreise”, wie sie selbst oft sagt. Es wird viel gesagt, selbst an den Tagen, an denen sie kaum ein Wort spricht und das Verstehen mit ihm wortlos fast vollkommen ist. Heute aber, heute fürchtet sie, nicht verstanden zu werden, die schrullige Alte zu sein, die sich zu Kleinkindverhalten zurückentwickelt hat. Deshalb steigt sie selbst hinauf auf den Dachboden, zu den eingestaubten Überresten ihres Lebens, die für niemanden außer für sie selbst noch Bedeutung und Geheimnisse haben. Oben geht sie zielstrebig zu einem wuchtigen Schrank, der älter ist als sie selbst. Hinter dessen linker Tür sind die Schubladen, von denen sie eine aufzieht. Sie muß nicht überlegen, sie muß nicht suchen, sie weiß, daß sie das, was sie sucht, in genau dieser Schublade findet. Viele kleine, in Seidenpapier eingeschlagene Dinge finden sich darin. Eines davon nimmt sie heraus. Tante Erdmute schließt Kasten und Schrank und steigt mit dem Päckchen in der Hand wieder hinunter. Das Knie schmerzt, die Hüfte auch; es geht nur noch immer eine einzelne Stufe steigend. Früher, ja früher, da sprang sie manchmal mehrere Stufen auf einmmal. Wenn das die Bediensteten oder Eltern sahen, erntete ihr Übermut vorwurfsvolle Blicke, Ermahnungen und so manche Bestrafung. Heute könnte nur noch einer …
Es dauert, bis sie wieder in ihrem Zimmer unten im Erdgeschoß ist. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, auf dem – neben der nun doch wieder hier stehenden Schreibmaschine, dem altmodischen schwarzen Monstrum – eine alte Puppe liegt. Ihre Puppe. Die, von der sie immer wieder getröstet wurde in langen, dunklen Nächten. Die, die sie vor einigen Tagen aus der großen Truhe herausgeholt hat, ohne einen Grund dafür nennen zu können. Die Puppe, die ihr immer mehr als nur ein Spielzeug war. Seitdem lag sie nackt hier, saß auch schon auf der Schreibmaschine, im Sessel und wieder irgendwo auf dem Tisch. Heute konnte Tante Erdmute den Anblick des groben graubraunen Stoffes nicht mehr aushalten. Die Puppe muß sich doch schämen, dachte die alte Frau. Deshalb hatte sie das rote Kleid vom Dachboden geholt, dieses rote Kleid, das ihre Kinderfrau vor vielen, vielen Jahren einst für die Puppe nähte.
Sie hat es der Puppe gerade angezogen und schließt das letzte Häkchen auf dem Rücken, da bringt er den Tee, den sie jeden Tag um diese Zeit trinkt. Sie schaut ihn an, wortlos dankend, und sieht ihre Puppe an. Während er wieder hinausgeht, fragt sie sich, ob er wohl je wußte, daß auch sie selbst immer wieder genauso frivol unterwegs war wie die Puppe jetzt ist, ohne jede Unterwäsche unter ihren Kleidern und Röcken? Und Tante Erdmute schmunzelt bei dem Gedanken, daß er es sehr wohl bemerkt hatte, wußte und ihr nur lüstern hinterherzuschauen sich traute. Und ist gleichzeitig ein wenig traurig, denn heute findet sie seine Zurückhaltung damals sehr schade.
Da ist sie wieder, die Tante Erdmute. Ich freue mich darüber, daß sie sich mir wiedereinmal zeigte. Und ihre Frage an sich selbst brachte mich doch sehr zum schmunzeln.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 27. Juni 2023 war ich zufrieden mit Hirsebrei mit Restegulasch, mit aussortierten Büchern (Lesewahrscheinlichkeit=0), mit der Verabredung nachher um 22 Uhr.
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Frivoles fällt mir ein, denke ich an so manche Ommakittelschürze…
Ich verband mit großelternalten Menschen nie irgendetwas Frivoles, gestehe ich.