#Adventskalender 2020 – 353: Das 18. Türchen

Von feinen Pinkeln, Bratschen und der Müllabfuhr.

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Meinen 11. Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen. Ich wünsche allen Menschen (und mir) eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für Menschen, die Hoffnung brauchen.

 

 

Kein Weihnachtsmarkt. Das ist jetzt … doof. Die meisten Läden haben auch zu. Deshalb sind kaum Menschen unterwegs. Und niemand kann hören, wie ich hier an der Ecke Weihnachtslieder auf der Bratsche spiele. Sonst! Sonst waren da Menschen, die zuhörten, manchmal mitsangen und – bevor sie gingen – ein paar Münzen in den Hut warfen. Das Geld reichte dann immer, um an den Festtagen und bis nach Neujahr nicht in der Kälte stehen zu müssen. Diesmal aber, diesmal reicht es hinten und vorne nicht, oft nichteinmal für ein vernünftiges Abendessen. Doch was bleibt mir andres übrig als täglich weiterzuspielen. Auf meiner alten Bratsche. Und in der Vorweihnachtszeit spiele ich hier eben Weihnachts­lieder, ja, auch Winterlieder. Der feine Pinkel da rennt schonwieder vorbei, zum zweiten Mal. Bestimmt einer von den Bänkern. Nächstes Lied. Sleigh ride in the snow. Ja, es gibt auch eine deutschen Text, aber den kenne ich nicht. Weiter. Leise rieselt der Schnee. Auch der wird in diesem Jahr zur Weihnachts­zeit fehlen. Der Typ ist wieder da, wird gleich meckern, daß ich mich von hier wegscheren soll. Was quasselt er? Ja, ich hör ja schon auf zu spielen. Nein, das ist keine Geige, das ist eine Bratsche, das sieht man doch. Was? Was geht den denn an, was ich im letzten Jahr so täglich zusammengespielt habe. Ich frag den ja auch nicht nach seinem Gehalt. Ach Mann, laber doch nicht, daß ich bei dem Wetter zuhause bleiben soll und während der Zeit, wo sowieso keine Menschen unterwegs sind. Nein, das kann ich nicht, ich brauch ja das wenige Geld. Sind schließlich noch zweieinhalb Wochen bis ins neue Jahr. Was? Hundert Euro pro Woche? Damit kauf ich Essen für vier Wochen! Hundert Euro. So viel Geld. Was? Hundert Euro pro Woche, mehr geht nicht. Wieso? Was? Nochmal. Mehr geht nicht, aber bitte. Wie bitte? Die wären für mich. Hundert Euro pro Woche, damit ich auch schöne Feiertage und einen guten Start ins Neue Jahr habe. Na klar, hundert Euro pro Woche, woher soll ich die nehmen? Was? Die Scheine vor meinem Gesicht irritieren mich. Die bringen mich ganz durcheinander. Das sind … Das sind drei Hunderter. Wieso sagt der immer: Hundert Euro für jede Woche. Nein, ich hab nicht soviel Geld. Ich hab ja nichtmal hundert Euro für drei Wochen. Was, hätte ich jetzt doch? Wieso, woher? Ey, nicht meinen Bogen wegnehmen! Aber er hält meine Hand fest und drückt die drei Geldscheine hinein. Und bedankt sich für die vielen Wochen schöner Geigenmusik übers Jahr. Bratsche, Bratsche! Nicht Geige! Was? Frohe Weihnacht und guten Rutsch? Und warum geht der feine Pinkel jetzt und vergißt sein Geld? Was? Warum ich mich nicht über das Geschenk freuen kann? Geschenk? Welches Geschenk? Meint der etwa … Einstecken, das Geld, schnell einstecken. Und ihm noch Oh Du Fröhliche hinter­her­spielen.

Dreihundert Euro für drei Wochen. Den Typ, glaube ich, den Typ kenne ich. Aber nicht so gut angezogen. Doch, den habe ich fast jeden Tag gesehen in diesem Jahr. Ja, ich denke, es ist einer von den Müllmännern, die nach Marktende hier aufräumen. Nein, ich bin mir sicher. Daß der meine Musik überhaupt bemerkt hat? Ich packe zusammen und mache mich auf den Weg nach Hause. Dreihundert Euro in meiner Tasche. Vom Müllmann. Ich werde nachher gleich aufwachen und mich über meinen Traum wundern, wetten?

 

 

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Adventszeit.

Der Emil

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das im Dezember täglich ab 21 Uhr des Vorabends bei der Versteigerung von #hand2hand20 tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

P.S.: Positiv waren am 17.12.2020 zwei erledigte Hausarbeiten, ein halbes Hosenbein ist umgenäht (mit der Hand, wohlgemerkt), Glühwein zum Fernsehabend.
 
Die Tageskarte für heute ist XI – Die Gerechtigkeit.

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Über Der Emil

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4 Kommentare zu #Adventskalender 2020 – 353: Das 18. Türchen

  1. Sofasophia sagt:

    😍😌

  2. beaneu sagt:

    Eine schöne und nachdenklich stimmende Geschichte.

  3. Das Erkennen ist ein großes und wichtige Thema – gerade zu Weihnachten. Das Verzeihen auch. Dass der Straßenmusikant in dem „feinen Pinkel“ den Müllmann nicht erkennt, und dass der Müllmann eine Bratsche nicht von einer Geige unterscheiden kann, ist verzeihlich Wieder eine sehr schöne Geschichte.

  4. Pingback: #Adventskalender 2021 – (350): Das 16. Türchen | GeDACHt | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

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