Manchmal ist der Schlitten zu schnell und die Fahrt geht zu weit
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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind. Und ganz besonders schreibe ich meinen Adventskalender in diesem Jahr für eine Bloggerin.
Ich wünsche mir und Dir, Chaoskatze, eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für Dich und für alle Menschen, die Hoffnung brauchen.
Vor Jahren noch lag spätestens zu Beginn der Weihnachtsferien, einige Tage vor dem Heiligen Abend, Schnee im Dorf. Gerade so viel, daß die Kinder ihre Schlitten und Bobs aus den Schuppen, Scheunen und Kellern oder von den Dachböden holten und sich an einigen Stellen im Dorf versammelten. Das Dorf … Es lag fast sechs Kilometer lang rechts und links der Straße im Tal, zu beiden Seiten des Dorfbaches, in das viele Anwesen noch ihr Abwasser laufen ließen. Kläranlagen wurden erst gebaut, als das WC zum Standard wurde – also einige Jahre später.
In der Dorfmitte, nahe bei der oberen Schule, die nur so hieß, weil sie weiter oben im Dorf lag als die untere Schule, lag mein Rodelberg. Heute weiß ich daß er etwa 200 m lang ist und auch etwa 150 Höhenmeter zwischen Startpunkt und Hoftor liegen. Dieses Hoftor stand in meiner Kinderzeit beinahe immer offen, der Bauer schloß es nur, wenn die Kühe zwischen Stall und Weide wechselten. Das ganze Jahr über war es möglich, auf sein Grundstück, zu diesem Hang zu gelangen, an dessen oberem Ende außerdem unser liebster Spielplatz mit Felsen und kleinen Wäldchen sich befand.
Der letzte Schultag vor Weihnachten brachte auch in jenem Jahr soviel Schnee, daß er zusammen mit dem an den beiden vorherigen Tagen gefallenen endlich zum Schlittenfahren ausreichte. Am letzten Schultag mußte ich auch nicht mehr in den Hort gehen, den ich vor allem mochte, weil dort immer irgendetwas Interessantes geschah neben der Erledigung der Hausaufgaben. Schnell lief ich also nachhause. Der Ranzen flog in die Ecke (gut, in die Ecke, in die er gehörte) und dann hielt mich nichts mehr. Für Mutter schrieb ich noch einen Zettel: “Bin ruscheln beim Karlob und komm zum Läuten heim.” Der Karlob war eben dieses Bauerngut mit dem phantastischen Hang, und das Läuten der Kirchenglocke war für uns Kinder die beste Zeitangabe. Damals gingen übrigens fast alle zu dieser Uhrzeit (sommers 18 Uhr und im Winter 17 Uhr) heimwärts.
Im Schuppen mußte ich mich mächtig anstrengen, um meinen Schlitten aus dem Durcheinander herauszufitzen. Ich glaube, danach war die Unordnung noch größer. Der Rost an den Kufen entfernte ich, indem ich den Schlitten ein paar Mal auf dem Dreck unserer Zufahrt hin- und herschob (gepflastert wurde dort erst viel, viel später). Endlich hinterließ er keine braunen Spuren mehr im Schnee, also war der Rost ab. Jetzt wurden die Kufen noch mit einen Kerzenstummel abgerieben; ich wachste gründlich, fast zuviel, aber ich wollte einen schnellen Schlitten haben. Dann, nach beinahe zehn Minuten verschwendeter Zeit ging es endlich los.
Nach einer ersten Testfahrt, die im Bauernhof endete, ohne daß ich auf die “Alte Straße” vor dem Hoftor geriet, zog ich meinen Schlitten ganz nach oben, über den durch einen quer verlaufenden Feldweg gebildeten Absatz hinauf. Schlittenfahren machte so viel Spaß! Ich legte mich auf mein Gefährt, schob mit den Füßen ein wenig an – und dann ging die Höllenfahrt meines Lebens los. Auf den frischgewachsten Kufen raste der Schlitten mit mir obendrauf den Hang hinunter. Irgendjemand rief nach mir und ich war wohl einen kurzen Moment unaufmerksam …
So geschah es, daß ich mit dem Schlitten durch das Hoftor hindurch über die “Alte Straße” hinwegschoß, unter dem Bachgeländer hindurchrodelte und in hohem Bogen in den gut 50 cm tiefer liegenden Wasserlauf platschte. Im Flug verlor ich noch den Schlitten unter meinem Hintern und saß plötzlich – wie Kind im Dreck – sprachlos in der eisigen Brühe. Einen Moment brauchte ich, um zu mir zu kommen, mich von dem Schreck zu erholen und die anderen Kinder lachen zu hören. Ich stand auf, es tat nichts weh außer Arschbacke, mit der ich zuerst unsanft am Bachgrund aufsetzte.
Da stand ich dann, meinen heilgebliebenen Schlitten in der Hand, bis knapp unters Knie im kalten Wasser des Baches. Bis hoch zur Brust war ich komplett durchnäßt und ich klapperte vor Kälte mit den Zähnen. Zuerst war ich nur wütend, dann lachte ich mit, vielleicht aus Trotz oder Ohnmacht oder Verzweiflung über die Blamage. An diesem Tag zog ich meinen Schlitten nicht nocheinmal den Berg hinauf. Nein, ich ging heim, ließ ihn im Hof stehen und sah zu, daß ich aus den nassen Klamotten kam. Meine Mutter fragte mich natürlich, wieso meine Sachen so naß waren, sorgte sich kurz, lachte dann laut, schimpfte mit mir und gestand dann, daß auch sie als Kind die winterliche Bachtaufe bekommen hatte, an genau derselben Stelle wie ich.
Soweit ich weiß, wird der Hang noch heute, über vierzig Jahre später als Rodelhang genutzt – aber das Bachgeländer wurde umgebaut, so daß niemand mehr drunter durchfahren kann.
Eine friedvolle, besinnliche Zeit wünsche ich allen Leserinnen und Lesern.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 18. Dezember 2013 war der nach zweimaligem nächtlichen Bettdurchschwitzen recht weit kurierte sauschwere Männerschnupfen.
© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
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Oi, Schnupfen! Dann gute Besserung und alles Gute von hier aus …
Schöne Erinnerung! Habe ähnliche und wundere mich, warum wir das alles überlebt haben… 😉
Und alles ohne Schutzhelm, ohne Handy. Trotz der Infektionsgefahr, der wir ausgesetzt waren, weil wir unsere Freunde zuhause besuchten!
Unfassbar! 😀
Ich bin beim Rodeln mal in die Weser gefahren und musste mit den nassen Klamotten quer durch die Stadt – niemand hat dem heulenden Kind geholfen. Heute undenkbar – zum Glück!
Ich hoffe ja, daß da noch ein unterschied besteht zwischen Dorf und Stadt. Und mein Weg war wirklich nicht weit, die Leute, die dort wohnten, kannten uns ja alle.
ich mal wieder. 🙂 wenn was von rodeln steht, kann ich nicht widerstehen.
so einen ähnlichen hang gabs bei uns auch. nur ohne bach.
schön erzählt. vor allem so detailreich! schön deine reaktion – und die deiner mutter!
rodelst du noch?
Vielen Dank!
Wenn sich die Gelegenheit ergibt, „ruschel“ ich noch heute. Aber es sieht längst nicht mehr so elegant aus wie in Kindertagen (Walroß auf Hörnerschlitten – muß ein Anblick zum Kringeln sein 😉 ).
… ah, und ähm, gute besserung! der bubenschnupfen kommt vielleicht vom
erinnerten bachbad! 😉
Herrlich, ich sehe direkt meine KIndheit vor mir. Rost ab- Lichtl drauf und los!
Bei uns gab es auch einen Bach, eher ein Bächlein, dass da aus dem Wald geplätschert kam. Kurz davor wurde eine Schneeschanze gebaut und drüber ging’s. Die Arschbacken haben wir vom unsanften Aufsetzen des Schlittens auch gespürt. Und rein sind wir erst, wenn wir Füße und Hände vor Kälte nicht mehr spürten und die Schnürsenkel nicht mehr allein auf bekamen, weil die auch gefroren waren. War schon eine tolle Zeit.
Tschüssi Brigitte
Schneeschanze … Später, für die Schneeschuhe hatten wir sowas auch. Und der Bach wäre an dieser Stelle nicht zu überspringen gewesen.
(Ich hab mich ja gewundert, daß kein Erzgebirger über diesen Text geschimpft hat.)
Ganz großartig, bin auch leidenschaftlich gerne gerodelt.
Danke für die Geschichte 🙂
Ohja, schöne Geschichte. Danke Emil. ^^
Schöne Erinnerungen. Bin zwar ein Stadtkind, habe aber die zweite Hälfte meiner Kindheit bei meinen Großeltern in einem Wiener Randbezirk gewohnt. Damals wars dort sogar noch irgendwie ein bisschen ländlich. Es gab eine wunderbaren Hang, zu dem meine Oma mit mir immer rodeln ging. – Heute ist dieser Hang mit einer großen Wohnsiedlung verbaut. 🙁
LG Gabi