091.2026: Vorher

Ich denke mal wieder von einem zum nächsten Phänomen.
Blick in meine Denkerei.

 

Zu dritt stehen sie am Brückengeländer. Drei Menschen, die sich zufällig begegnet sein können hier oben. Oder sind sie gemeinsam, mit einem gemeinsamen Ziel hergekommen? Wer sich nicht traut, sie darauf anzusprechen, oder keine Mög­lich­keit dazu hat, wird es nie erfahren.

 

Es ist ein Phänomen: Aus einer gegebenen Situation können nur wenige Menschen Rückschlüsse auf das ziehen, was zur Situation führte. Ich zum Beispiel sehe mir eine Fotografie an, kann, was in eben jenem Moment der Aufnahme war, erkennen – und zum Vorher, zu dem, was zu eben dem Abgebildeten führte, nichts wissen; ich kann nur phantasieren, spekulieren, vemuten. Und das ist etwas, was ich mühsam lernen mußte. Ich kann nichts über Ursachen, Gründe, Beweggründe wissen, ich werde nie erfahren, welche Zufälle (oder welche Vorhersagungen, Vorbestimmungen) maß­geb­lich waren, zu einer deutlich erkennbaren Folge führten. Und ich begriff, daß diese Unwissenheit auch eine Art Schutz ist: Davor, etwas um jeden Preis durchzusezten oder zu vermeiden, das doch notwendig sein kann.

Es ist schon (ich wiederhole mich, ja) ein seltsames Ding mit meinem Denkicht: Darinnen steckt eine überschäumende Phantasie, die machmal zu groß zum Heraus­lassen ist. Dennoch versuche ich immer wieder, mir zu Gesehenem, zu Gehörtem oder Gelesenem ein Vorher zusammenzureimen. Mir eine stimmige Variante davon zu erschaffen in der Hoffnung, damit und daraus etwas herleiten zu können, was sinnvoller- und realistischerweise gewesen sein muß könnte. Weil ich selbst bei guten Bekannten mich manchmal nicht traue, Fragen zu stellen, die für mich wirklich wichtigen Fragen zu stellen, habe ich auch da nur vage Ahnungen und Vermutungen über das, was ich sehe. Ja, das ist nicht immer oder sogar oft nicht notwendig. Dennoch scheint es für mich, für meine Fähigkeit, so manches einzuordnen, immer wieder notwendig zu sein. Auch ein Phänomen, nicht wahr?

Und da bin ich wieder bei einer der Fragen, die ich mir nicht selbst beantworten kann. Bin ich allein mit meiner Unfähigkeit, das Vorher zu erfassen – und mit der nachzufragen, um dann einordnen zu können? Ich weiß, daß es wahrscheinlich nicht so ist … Nein, ich vermute. Begründet zwar, aber ich vermute nur. Und manchmal will ich mich nicht mit Vermutungen zufriedengeben; dann springt mein Denkicht an und konstruiert etwas, das mir hilft, mich mit Dingen abzufinden, sie zu akzeptieren, wie sie zu sein scheinen. Wie oft ich schon erlebte, daß meine Variante so absolut nichts mit der wirklichen Vorgeschichte, dem echten Vorher gemein hatte? Fast jedes Mal, wenn ich davon dann erfuhr.

Und zuweilen geschieht es sogar, daß ich mit dem zufrieden bin, was ich mir da ausdenken konnte.

 

Ach ja, die Drei ganz oben im Beitrag: Sie sind sich zufällig begegnet, wollten alle ein bestimmtes Motiv fotografieren. Und ganz nebenbei fragten zwei die dritte Person nach dem Weg. Jaja, klingt gut, aber: Was war vorher …

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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Über Der Emil

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