Was Menschen lebenslang vermeiden und dennoch irgendwann tun.
Sie steht vor dem Spiegel, gerade, aufgerichtet, fest, beinahe in sich ruhend. Dem würde sie aber nie zustimmen können, denn in ihrem Inneren ist alles aufgewühlt, dort herrscht ein wahrlich wüstes Chaos an Gefühlen. Deshalb übt sie zu sprechen und eine zu ihren Worten passende Körpersprache zu zeigen. Denn eines ist ihr sehr bewußt: Irgendwie muß endlich dieses Ungewisse, dieses Hängen-im-Dazwischen, das Unentschiedene überwunden werden. Und es gibt wohl keine andere Möglichkeit, als daß sie ihr Herz öffnet und Klartext spricht. Er wird es sich angesichts seiner Stellung bei ihr nicht erlauben, das zu tun; dabei weiß sie ganz genau, daß ihn das exakt Gleiche umtreibt. Aber selbst ihr jahrzehntelanger Umgang miteinander hat sie nicht in die Lage versetzt, seine Antworten sicher vorherzusehen.
Deshalb steht sie vorm Spiegel und bereitet sich vor. Genau aus diesem Grund versucht sie dafür zu sorgen, daß wenigstens ihre Worte, ihr Verhalten keinen Zweifel zulassen. Keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Worte und keinen Zweifel daran, welche Erwiderung sie sich wünscht, erhofft. Nochmal. Von vorne. Alles. Auch das, was sie – weil sie sich dessen schämt – niemals, also bisher noch nie, irgendjemandem gesagt hat. Nein, sie konnte das auch nicht ihrem Mann mitteilen. Aber jetzt, jetzt übt sie das, womit sie am Nachmittag – Endlich! – etwas grundlegend verändern möchte.
Mitten in ihrer Redeübung vor dem Spiegel wird Tante Erdmute von einem Räuspern unterbrochen. Ihr stockt der Atem und das Herz. Denn da steht er in der Tür und gesteht, daß er all das schon lange weiß. Daß er ebenso empfindet. Und daß er ihren Umgang miteinander, so, wie er noch immer oder jetzt ist, als amüsantes Versteckspiel miteinander voreinander begreift. Vielleicht macht es, nachdem sie sich gestanden haben, was zu gestehen war, weiterhin ein heimliches, leises Vergnügen tagsüber? Und kleine Ausbrüche daraus können sie sich doch nach den Geständnissen erlauben, oder nicht?
Sie atmet, sichtlich erleichtert, auf und ist froh darüber, daß sie die allerpeinlichsten Geständnisse nicht am hellichten Tag und nicht mit Worten machen mußte.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ich mag die Tante Erdmute sehr (aber ich glaube, das habe ich schon einmal gesagt).
Ich auch, aber: Sie meldet sich zu selten bei mir für meinen Geschmack …
Ja, sie könnte öfter hier auftreten.