036.2026: Auf der Suche

Da deutet sich wohl eine Schaffenskrise an?

 

 

Die leeren Seiten der Kladde liegen vor mir. Hin und wieder nehme ich einen Stift, eine Feder in die Hand, will sie auf das Papier setzen – und tu es doch nicht. Ich bin auf der Suche. Nach drei schönen Worten oder Wörtern. Einfach schöne Wörter, eben nicht solche, die Schönes bezeichnen, sondern solche, die selbst – als Wort – wahr­lich schön sind. Nur drei davon, das ist meine feste Überzeugung, reichen mir, um eine Idee für ein schönes Geschichtchen zu finden, das ich am Stück herunterschreiben kann. So schwer kann das doch nicht sein; schöne Wörter muß ich doch kennen, die habe ich doch in ständigem Gebrauch, massenhaft, im Überfluß. Und doch …

Die Uhr läuft. Ohne sie wäre ich schon längst aufgesprungen, hätte mich schon längst etwas anderem zugewendet, etwas mühelosem, langweiligen. Die Uhr hält mich vor der Kladde fest. Mindestens die vom Zeitmesser vorgegebene Zeit (die ich mir selbst so vorgebe) bleibe ich beschäftigt mit der Suche. Schönheit. In mir tauchen sehr viele Beschäftigungen und Dinge auf, die schön sind. Allerdings sind meine Worte dafür nur gewöhnlich, banal. Und mal ehrlich: Kann Banales schön sein? Zum Beispiel das banale Wort Sternen­schweif … Poetisch ist es, aber doch banal. Zudem: Das, was es bezeichnet, ist ja etwas ganz anderes, als es dieses Wort uns zu suggerieren versucht. Nachtblau. Eine sanfte, mich einhüllende Farbe. Diese Farbe finde ich schön. Das Wort aber ist mehr so lala. Kurz nach diesen Gedanken tauche ich eine Feder ins Tintenfaß, doch sofort wasche ich sie wieder aus. Was ich schreiben wollte, verschwand in dieser Sekunde, war nie deutlicher als der Hauch eines Nebelstreifs über der Wiese am Bach. Flüchtig, ohne Bestand. Liebe. Herbstwald. Tautropfen. Kartoffelstampf. Brüste. Schnellzug. Kaminwärme. Pistazieneis. Umarmung. Alles schön, aber die Worte erfüllen meine mir grad selbst unbekanntenKriterien für Schönheit nicht, fühlen sich einfach nicht schön an. Und beim Wort zauber­haft: Da sehe ich ein Gefängnis vor mir, jetzt gerade. „Zauberhafte Brüste in der Kaminwärme von Pistazieneis bedeckt.” Eine schöne Vorstellung. Aber sind die Wörter, auch in dieser Zusammen­stellung, denn wirklich schön?

Jetzt ist sie abgelaufen, die Zeit. Jetzt sollte ich etwas sinnvolles tun. Zum Beispiel den Abwasch erledigen oder das Bettzeug abziehen. Aber ich gieße mir einen nächsten Kaffee ein, nehme die Tasse in beide Hände und starre Löcher in die Luft. Die Enttäuschung, die mich aus meinem Unvermögen zum Finden schöner Wöter anfallen könnte, bleibt aus. Die Kladde schließe ich vorsichtig, die Schreib­geräte räume ich an ihren Platz. All das wird wie ich auf den Moment warten, da mir wieder klar ist, was die Schönheit eines Wortes ausmacht. Und ich, ich muß das doch wissen. Schließlich schrieb ich schon mehrere Bücher, Bestseller sogar. Schließlich sind schöne Wörter meine Berufung und mein Beruf. Und ich müßte mir ja nicht SO BESCHEUERTE Aufgaben stellen. — Aber jetzt bin ich erschöpft, ich muß mich ausruhen, regenerieren. Es ist wohl Zeit für einen Mittagsschlaf.

 

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Kommentare zu 036.2026: Auf der Suche

  1. Mike G. Hyrm sagt:

    @deremil

    Warum soviel Druck? Denk vielleicht von hinten heraus? Nicht du findest Wörter, die Wörter finden dich. Eine Idee

    • Der Emil sagt:

      @Mike_G_Hyrm@literatur.social Ich werde das an den Protagonisten weiterleiten – ich hab das nämlich nicht erlebt …

      @deremil@deremil.blogda.ch

  2. Sofasophia sagt:

    Bestseller – mit Feder, von Hand geschrieben. Jetzt hab ich Bilder im Kopf: womit schrieb Viginia Woolf ihre Romane?

    —-

    Was macht ein Wort für dich schön? Bei mir sind es die Laute, die Buchstabenfolge … nicht primär der Inhalt.

    ‚Stern’ mag ich aber zum Beispiel sowohl als Wort als auch inhaltlich.

    ‚Fluss‘ mag ich nur inhaltlich, das Wort selbst mag ich nicht.

    • Der Emil sagt:

      Für mich ist ein Wort schön, wenn sein Klang zu meinen Assoziationen paßt. Das ist für mich bei Sternenstaub der Fall und bei einem, das ich hier nicht nennen mag; ach, Pflaumenmus gehört auch dazu …

      Ich finde (fast) immer schöne Worte. Und deren Schönheit hat nichts mit der dessen zu tun, was sie bezeichnen.

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