013.2026: Anlaufschwierigkeiten

Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr.

 

Ich wurde wach. Machte mir Kaffee, aß statt des Keks' ein Wiener Würstchen. Nahm meine Medikamente und saß wie jeden Tag bei mir zuhause zwei Tassen Kaffee lang vorm Rechner. Danach ziehe ich an meinen Schreibplatz um, lege mir Kladden und Schreib­gerät zurecht, stell das Tablet daneben. Spätestens dann dudelt irgendetwas im Hintergrund (meist Internet-Radio, manchmal ZDF). Nach kurzer Zeit findet sich etwas in meinem Denkicht, das ich aufschreibe, wenn nicht, lese ich ein paar Seiten in einem Buch. So bringe ich mich selbst dazu, ins Schreiben zu kommen.

Seit dem Jahreswechsel geht das kaum noch. Ich bin gedanklich viel zu sehr mit der Weltlage und -politik, mit der deutschen Sozialpolitik, mit der Nazifizierung allüberall beschäftigt. Und ich habe Angst, wirklich Angst. (Ja, da ist außerdem noch meine son­der­bare Hoffnung, früh genug zu sterben …)

Diese Angst lähmt. Und verursacht ein übermächtiges Gefühl der Ohnmacht, fast die Gewißheit, nichts gegen all die Unbill tun zu können, der Verrohung nichts entge­gen­setzen zu können. Schlimm. Schlimm für mich, denn es drückt, ich drücke mich so in Richtung Depression. Die Antriebslosigkeit ist schon da, jede Handlung braucht Über­windung und Anstrengung und Umdeutelungen(!), damit ich weiter eini­ger­maßen aktiv bleibe. Aus den Anlaufschwierigkeiten heute kam ich bis grad eben nicht heraus … Aber mit einem Mal war mein Bedürfnis da, genau darüber etwas zu erzählen. Vielleicht bin ich nur ein Sonderling, einer von ganz wenigen Menschen, denen es so oder ähnlich geht. Wahrscheinlich versuchen viele, diesen inneren Zustand – ganz gleich, ob mit oder ohne Depression oder mehr oder weniger „neuro­di­vergent/neurodivers” – lieber zu verbergen vor der Welt, vor den Bekannten, vor Freunden und Bezugspersonen.

Ich kann das heute nicht verstecken, ich muß das mal laut sagen. (Ich lese mir diesen Text gleich noch laut vor, ehe ich ihn abtippe und veröffentliche.) Angst ist doch eine Schwäche, und niemand zeigt freiwillig seine Schwächen, denn das macht angreifbar, nicht wahr? Scheiß drauf. Nicht nur, wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über – auch wenn es im Kopf zu turbulent wird, habe ich die Möglichkeit, mich durch Äußerungen zu entlasten (und nicht nur die Möglichkeit, mich zu betäuben). Vor allem: Beim schriftlichen Nachdenken fallen mir letztlich doch noch Dinge ein, die ich tun kann. Nicht unbedingt gegen die Übel der Welt, aber doch für mich, für mein Befinden. Deshalb gehe ich nachher in die „Galerie im Grünen” und bringe von dort mindestens drei Fotos mit, die herzeigbar sein werden. Später werde ich mich an irgendeiner Art Gedicht versuchen, Gebrauchslyrik für mich anfertigen (hoffe ich).

Verzeiht mir die Bauchnabel-Spökenkiekerei

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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15 Kommentare zu 013.2026: Anlaufschwierigkeiten

  1. Regina sagt:

    Ich kenne das so gut, was du hier heute schreibst! Aber: Angst ist keine Schwäche – Angst kann sehr nützlich sein sogar, manchmal verhindert sie Schlimmeres!

  2. Nati sagt:

    Manchmal muss es raus, das stimmt.
    Sonst würde man dran ersticken.

  3. frauholle52 sagt:

    Ich habe auch Angst und Zweifel, aber die lasse ich nicht in meine Seele. Es ist immer gut, Anker zu setzen und sich mit der näheren Umgebung zu beschäftigen. Ich fotografiere, um mich daran zu erinnern, wie gut ich es habe, wie viel Schönes es gibt. Nachrichten schaue ich nur einmal am Tag.

    • Der Emil sagt:

      Das habe ich lange versucht, aber mittlerweile ist der Scheiß übermächtig geworden und belastet mich.

      • frauholle52 sagt:

        Ja, das kann ich nachvollziehen. Belastend ist es tatsächlich und manchmal denke ich auch, dass es gut ist, schon so alt zu sein. Aber was ist mit unseren Kindern? Meine können sich kaum vom Elend dieser Welt abgrenzen.
        Umbrüche der Weltordnung gab und gibt es ja immer. Und darum ist es wichtig, dass der einzelne Mensch sich Anker im Alltag sucht, um den inneren Frieden und das gute Leben nicht so ganz zu verlieren, solange es geht.🍀

  4. Ulli sagt:

    Lieber Emil, deine Angst teile ich. Die Weltlage plus dieser unsäglichen hiesigen Politik ist zum fürchten, damit bist du nicht allein.
    Pass gut auf dich auf.
    Herzlichst, Ulli

    • Der Emil sagt:

      Die Utopien, die wir Schüler in der DDR hatten und entwickelten, sahen sehr anders aus. Ihnen trauere ich tatsächlich noch immer nach.

      • Ulli sagt:

        (Auch)
        Wir haben geträumt,
        es war eine lange Nacht,
        dann sind wir aufgewacht … 🎶

        (Die Ärzte) – und genauso fühlt es sich an. 😔

  5. Angst haben wir, glaube ich, alle. Wie wir damit umgehen, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und von Tag zu Tag. Niemand ist nur tapfer, und nur feige ist auch niemand. (Als ich noch sehr jung war, habe ich „Die Letzte am Schafott“ von Getrud von Le Fort gelesen. Da betet die Protagonistin Blanche: „Gib mir Zuflucht oder Todesangst.“ und ist bereit, beides anzunehmen. Das Gebet habe ich mir gemerkt.)

  6. Erika sagt:

    Lieber Emil, gegen Ängste und Depressionen kann man oft nichts machen. Wenn sie übermächtig werden, hilft manchmal hinsetzen, innehalten und versuchen zu erinnern, was war, bevor die Angst oder die Depression einsetzte. Manchmal, wenn es dafür zu spät ist, kann man sowieso nichts anderes mehr tun.

    Deine Bewältigungsstrategien sind gut. Immer eine kleine Aktion einplanen und die, wenn es irgend geht auch machen/ ausführen. Wenn das nicht hilft, eine neue Aktion planen. Solange, bis irgendwo in dir eine kleine Flamme entzündet wird, die leuchtet, beim Gedanken an sie. Manchmal sind es kleine Gedichte, manchmal Fotografien, Hausputz kann helfen, wie im Zen: Fege dein Haus und trinke Tee, manchmal ist es ein Spaziergang, die vielzitierte frische Luft.

    Bleib dran und sei gut zu dir. Ein heilsames Mass an Selbstdisziplin kann helfen, nicht in die Starre zu sinken. Denn mit jedem Tun sieht unser Inneres, es geht weiter, ich bin auf dem richtigen Weg.

    Ich wünsche dir gute Wege. Bleib dran!
    Erika

  7. Flusskiesel sagt:

    Da gibt es nichts zu verzeihen.

    Es gibt viele, die sind wie Du. Mir geht es ja häufig ähnlich.

    Manchmal kann Wegschieben/Ablenkung passend sein, manchmal muss man sich entziehen, manchmal muss man seinen Ängsten entgegen marschieren.

    Wann der richtige Zeitpunkt ist, müssen wir selber herausfinden. Dabei hilft uns die Achtsamkeit und ich denke, da bist Du sehr gut aufgestellt.

  8. Pingback: Aus der Nachbarschaft – Geschichten und Meer

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