2025 – 254: Schwieriger Lesestoff

Stellt mir bitte nicht diese eine Frage …

 

 

Die Anker festen Wissens sind gelichtet. Die Grenzen der Gewöh­nung aufgehoben. Selbstvergessen trägt dich wie Wasserwiegen, darauf du in lockeren Teilen dich hebst und sinkst. Nur manchmal stößt wie ein Geier die Frage nieder: wo bin ich, was hält es zusammen? Wo ist das Zauberwort, das alles bindet?

Paul Nizon: Die gleitenden Plätze. S. 24f
Zweite Auflage dieser Ausgabe 1990
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990.
ISBN 3-518-40221-8 (findet sich nur auf dem Schutzumschlag)

 

 

Im Buch steht über dem Impressum: «Die gleitenden Plätze erschien 1959 im Alfred Scherz Verlag Bern und Stuttgart. Der Autor hat den Text für diese Neuauflage durchgesehen und leicht überarbeitet.»

 

Wahrscheinlich würden die meisten über diese Sätze hinweglesen, sie als nicht sehr erwähnenswert ansehen. Mir aber fallen sie auf; ich stolpere über sie. Weil ich mich gerade in einer Zerrissenheit, einer Ungewißheit, einer Schockstarre, einer Phase hektischer (gedanklicher) Reaktionen und Umwälzungen zu befinden scheine. Ja, all das auf einmal! Da finde ich mich eben wieder in den Bildern, die Nizon hier verwendet und in den Fragen, die er stellt (dran denken: schon 1959, also kann es nicht nur mir so ergangen sein in all den Jahren). Die Welt stürzt über mir zusammen, ich fühle mich von viel zu vielem betroffen und meine Welt geht unter. Wo bin ich also und wie heißt das Zauberwort?

Grübelnd – nein: Nachenklich saß und sitze ich nach jeder gelesenen Seite des Buches da. Manche Wendung ist doch überraschend, verwirrend, bedarf mehr Anstrengungen beim Aufdröseln: „… darauf du in lockeren Teilen dich hebst und sinkst.” Es dauerte, ehe ich darauf kam, daß „in lockeren Teilen dich hebst” viel stärker aneinander gebunden ist, so daß dort wirklich „sinkst” stehen darf und nicht senkst zwingend zu schreiben ist. Ja, die literarische Sprache will entschlüsselt werden.

Ich habe keine Ahnung, was der Dichter uns, mir damit sagen wollte. Ich glaube mittlerweile, daß das auch keine Rolle spielt. Vielmehr hoffe ich, daß die Schriftsteller uns anregen wollen zum Mit- und Weiterdenken, zur Reflexion, zum Begreifen und zum Fragen …

Allerdings frage ich mich nicht nur wo, sondern auch was ist das Zauberwort, das alles bindet?

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich stellte heute einige Plastedosen und diverse Teller als „zu verschenken” ins Haus.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 11. September 2025 war ich zufrieden mit dem in der Werkstatt abgegebenen Fliewatüüt, mit Sortiertem (das nicht so ganz dringend zu sortieren war), mit einem Wannenbad.


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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 2025 – 254: Schwieriger Lesestoff

  1. Elvira sagt:

    Vielleicht gibt es nicht DAS Zauberwort. Wenn die Anker festen Wissens gelichtet und die Grenzen der Gewöhnung aufgehoben sind, bedeutet das nicht auch, dass das eine neue Form der Freiheit beinhaltet? Ich habe mich oft gefragt, was genau ich denn weiß, welches Wissen unumstößlich scheint. Die einzige Antwort, die mir darauf immer nur einfällt, ist der Tod. Und die Grenzen der Gewöhnung? Auch hier kann ich nur meine eigenen Grenzen aufheben, musste und werde sie immer wieder aufheben müssen. Täte ich das nicht, würde ich mich in diesen Grenzen bequem einrichten, gäbe es keine Entwicklung. Das Verlassen dieser Grenzen birgt natürlich das Risiko negativer Erfahrungen, aber darauf muss ich mich einlassen.
    Und ja, auch über mir bricht gerade ein ganzes Weltbild ein!
    Übrigens, etwas ganz anderes: Hast du das Buch „Der Buchspazierer“ gelesen? Ich habe es gestern Abend begonnen, musste es nach den ersten Seiten aber leider beiseite legen, da ich nach mehreren unruhigen Nächten übermüdet war. Diese ersten Seiten aber haben mich in ihren Bann gezogen. Es gibt eine Verfilmung des Buches, die ich aber nicht gesehen habe. Ich denke, dass der Film wahrscheinlich gut ist, das Buch aber zu jener Sorte Buch gehört, das man vorher gelesen haben sollte, dessen Sätze man sich auf der Zunge zergehen lassen muss wie ein feines Stück Stück Schokolade, das man ja auch nicht, ohne es ausgiebig zu genießen, einfach runterschluckt.

    • Der Emil sagt:

      Danke für Deine Worte. In mir wächst gerade Angst, Angst um die ganze Welt (die Gründe sind wohl offensichtlich).

      Ich habe noch ein paar Seiten Nizon, und danach liegt Schorlemmer bereit (Laß es gut sein). Den Buchspazierer kenne ich (als Titel), hab ihn aber bisher weder gelesen noch gesehen – obwohl: Der Buchbeschreibung nach habe ich es vielleicht nur vergessen … Jetzt ist es vorgemerkt.

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