Wie realistisch ist denn ein Vergleich, hm?
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Eva Strittmatter schrieb in einem Brief vom 9. Juni 1970 über ein Erlebnis bei einer Lesung:
Die Art, wie die Leute Gedichte auf sich und ihr Leben beziehen, hat etwas Bestürzendes an sich. Aber auch etwas Überwäligendes.
Eva Strittmatter: Briefe aus Schulzenhof. S. 46 f.
2. Auflage 1979 © Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1977.
Lizenz-Nr. 301. 120/51/79 Bestellnr. 611 938 1
Ich bin so ein Leut, das nicht nur Gedichte, sondern auch Sätze und Absätze aus Prosawerken auf sich bezieht. Nicht unbedingt nur in dem Sinn, daß da beschrieben wird, was ich erleb(t)e. Manchmal lese ich nämlich, was auch ich mir wünsche, wovon auch ich träume, was ich mitfühlen und/oder nachempfinden kann. Wie eben hier: Manchmal wünsche ich mir, daß ich die Wirkung dessen, was ich schrieb, dieses einen ganz bestimmten Gedichtes zum Beispiel, einmal so unmittelbar feststellen, beobachten könnte. Und wahrscheinlich käme es bei mir auf das konkrete Gedicht an, ob ich diese Wirkung als beängstigend oder überwältigend wahrnehmen würde.
Was ich mir nicht vorstellen kann ist, die Wirkung des Geschriebenen schon beim Schreiben zu kennen, zu ahnen, festlegen zu wollen. Tatsächlich schreibe ich, weil ich schreiben will, schreiben muß, ohne das Schreiben nicht (mehr) glaube leben zu können. Aber ich schreibe nicht, um bei euch oder überhaupt irgendjemandem unbedingt, sozusagen zwingend, eine (von mir gar noch vorgesehene!?) Reaktion hervorzurufen (ich verlange und erwarte ja nicht einmal Likes und Kommentare und hoffe doch darauf, und darauf, daß meine Worte jemanden erreichen), weder hier noch anderswo im Netz. Um Aufmerksamkeit buhle ich wohl, alleine dadurch, daß ich mich zum Veröffentlichen im Netz entscheide; und ich weiß, daß ich Reaktionen bemerken werde. Doch bin ich mittlerweile (meiner Meinung und meinem Empfinden nach) an dem Punkt, da ich auch ohne all das weiterschreiben und weiterhin online stellen werde.
Dabei schreibt Eva Strittmatter in diesem Brief nur, daß sie mit ihrem Geschriebenen Menschen zu erreichen hoffte (es geht ihr da ebenso wie wahrscheinlich sehr vielen Schreibenden, Malenden, Kunst i.w.S. Schaffenden). Sie schrieb nicht, welche Wirkung dieses Erreichen haben sollte. Daß ich jetzt diese Sätze auch auf mich beziehe, ist vielleicht doch nur Hochstapelei, Anmaßung meinerseits – eine Reaktion, die sie hätte bestürzend finden können …
Erinnerung des Tages:
Als Kind war ich bei der Post angemeldeter Briefmarkensammler, ich holte in der zweiten Klasse jede Neuerscheinung beim Postamt ab.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden war ich am 18. September 2024 mit der Wahrheit, mit entgegengebrachtem Vertrauen, mit weggeräumten Sachen.
© 2024 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Das ist heute wieder etwas zum Nachdenken, danke.
Zerbrich Dir aber bitte nicht meinen Kopf, denn das da oben ist, was mich umtreibt. Und dazu gibt es natürlich auch dieses eine, ganz bestimmte Gedicht (noch nicht veröffentlicht), das mich zusammen mit Evas Sätzen gerade beschäftigt.
Interessante Überlegungen! Ich beziehe häufig Geschriebenes auf mich, wahrscheinlich geht das auch nicht anders. Aber was weiß ich!