Nach langer Zeit ein fremder Text.
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Helga Schubert. Helga wer? Wenn mir nicht ab und zu ein Büchlein aus ihrer Feder über den Weg laufen würde, stellte ich diese Frage auch. Den folgenden Text der Geschichtenerzählerin möchte ich gerne mit euch teilen:
Himmel
Noch nie bin ich über Wasser geflogen. Und ich weiß nicht, ob ich darüber abstürzen werde. Der Himmel ist über mir weit und strahlend. Ich stehe auf einer Anhöhe. Auch andere Menschen sind da.
Ich sage, daß ich fliegen kann.
Erst glauben sie mir nicht, aber dann doch, als ich es ihnen beweise. Sie wundern sich nicht.
In der Luft sehe ich weit weg auf einer Insel im Meer ein Schloß. Ich möchte dahin fliegen, weiß aber nicht, ob meine Kräfte in den Armen reichen werden. Ich habe große Sehnsucht. Und plötzlich fliege ich über den Dächern des Schlosses. Auf den Balkonen stehen Menschen, die mir mißgünstig erscheinen. Ich gelange in einen hohen Festsaal mit vielen Menschen. Sie feiern und tanzen. Und ich will wieder weg.
Ich sehe nach oben: Über mir immer noch strahlend blauer Himmel – nur, ich kann nicht mehr wegfliegen. Ich bin gefangen. Ein grobmaschiges Netz ist über uns alle gespannt, zwei Meter über unseren Köpfen.
Ich zeige es den anderen und bin verzweifelt.
Sie lächeln vergnügt. Ein wenig, nur ein wenig schadenfroh.
Denn sie haben meinen Kummer nicht.
Gut, der Himmel ist verschnürt.
Aber beim Gehen stört das nicht.
Wirklich nicht.
Aus Helga Schubert: Blickwinkel. Geschichten. S. 9.
2. Aufl. 1985 © Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1984
Edition Neue Texte. Lizenz-Nr. 301. 120/72/85 · Bestellnr. 613 08 39
Und ich lese wieder und wundere mich wieder: Ein solcher Text, mit dieser Metapher, in der DDR des Jahres 1984? Nun ja, Gehen ist wichtiger als Fliegen; deswegen war er vielleicht doch nicht so anstoßerregend, wie ich heute im Rückblick denke. Man kann den Text auch als einen (miß)verstehen, der das herrschende System gutheißt … (Ist die Situation denn heute so viel anders?)
Erinnerung des Tages:
Noch heute ist es mir möglich, so zwischen den Zeilen zu lesen und um die Ecke zu denken, wie ich es als Jugendlicher voller Vergügen mir aneignete.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden war ich am 16. August 2024 mit erledigter Hausarbeit, mit dem wenigen Tagesschlaf, mit der Kalten Muschi am Abend.
Alle Rechte am Text liegen bei Helga Schubert und dem Aufbau Verlag. Aufgrund der geringen Länge des Textes scheint mir ein Vollzitat gem. UrHG zulässig.


Was für ein Text! So viele Deutungsmöglichkeiten. Deine Sicht wäre nicht mein erster Gedanke, so aus dem Kontext gerissen was Zeit und Ort betrifft. Beim Lesen flog mir das Lied „Die Gedanken sind frei“ zu und ich dachte daran, welchen Reichtum an Phantasie dieser fliegende Mensch hat und wie beschränkt wohl diese „leicht schadenfrohen“ Menschen sind, die wohl nie fliegen können, es nicht einmal versuchen würden.
Mit dem Wissen um Zeit und Ort des Textes scheint mir deine Vermutung allerdings sehr schlüssig!