082–2024: Bummelletzter

Als Kind fand ich diese Bezeichnung ganz schrecklich.

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Bummelletzter. Ja, das war ich oft, aber nie gern. Ich schämte mich dafür sogar. Ich, der sich Zeit ließ, um fertigzuwerden. Ich, der der Hektik schon vor über 50 Jahren etwas entgegensetzte (ohne daß ich damals überhaupt wußte, was Hektik ist und was Entgegensetzen).

Ich konnte einfach nicht schnell-schnell. Es war schon schlimm, immer wieder Letzter zu sein. Aber dann auch noch „Bummelletzter” gerufen zu werden, also als einer bezeichnet zu werden, der bummelt, trödelt, absichtlich alles verzögert: Das war nicht schön. Zum Glück passierte es nie, daß deswegen einmal die ganze Kinder­gartengruppe oder Schulklasse keinen Nachtisch bekam – ich selbst aber wurde so bestraft (wenn ich mich recht erinnere).

Heute gehe ich gern bummeln, viel lieber sogar als „shoppen”. Ziellos – oder besser: ohne festes Ziel – durch die Stadt oder die Gegend zu flanieren, einen Stadtbummel zu machen finde ich meist sehr erholsam. Leider glauben viele Menschen, daß sie keine Zeit für einen Bummel haben. Vertane Zeit wird er sogar genannt. Aber das ist ja nun wirklich nicht so, daß man auf einem Bummel seine Zeit vertut oder gar verschwendet; ich zum Beispiel erhole mich dabei, finde Interessantes und Ideen (nein, keine Ablenkung), Schönes und Sonderbares. Auf meinen Stadtbummeln sehe ich immer wieder Kunst im öffent­li­chen Raum, aufgestellte Skulpturen und Plastiken, Brunnen, Mosaike, Straßenkunst unterschiedlichster Art, und manchmal finde ich Zeichen aus der Geschichte der Stadt (Steinmetzzeichen z. B.).

Mittlerweile stört mich auch die Bezeichnung „Bummelletzter” nicht mehr. Denn eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens war und ist, daß in meinem Leben meine Geschwindigkeit wichtig ist bei allem, was sein muß. Und das ist eben nicht Schnelligkeit, sondern oft Langsamkeit, Bummelei in den Augen anderer. Dennoch: Es ist mein eigenes Tempo.

Vielleicht, nein, ganz sicher bin ich nicht Bummelletzter, sondern eher einer der letz­ten Bummler, einer von denen, die noch bummeln gehen (können).

 

Erinnerung des Tages:
Neben der Bummelei erinnerte ich mich heute während der Fahrt an viele andere Sachen, die ich aus der Kindheit kenne, wie Heuschober, Planschbecken, Butterbrotpapier, kreiseln, Schlüssel­kind (ich war stolz drauf, eines sein zu dürfen) u. v. a. m.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 22. März 2024 mit der guten Anreise, mit dem schnellen Aufbau, mit dem Zusammensitzen und gemeinsam Essen.

© 2024 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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9 Kommentare zu 082–2024: Bummelletzter

  1. Elbwiese sagt:

    @deremil Bummelletzter ist so ein gemeines Wort! Es unterstellt ja eine Art Vorsatz. Ob es der sozialistischen Kindererziehung entsprungen ist? Würde mich nicht wundern. Planbremse kommt auch aus der Ecke.
    Und Bummelliese ist auch sowas. Dabei hab ich aus dem Stand ein ganzes herrliches Kinderbuch über die Bummelliese und *den Bummellenz* und ihre wunderbaren Entdeckungen am Wegesrand im Kopf.

    Also: Sei ein Bummellenz und freu dich weiter dran.

    • Der Emil sagt:

      @Elbwiese

      Glaub ich nicht, daß das DDR-spezifisch gewesen sein soll. Das war zwischen 1968 und 1975 (etwa), ich denke „also nur” typisch für die Zeit.

      @deremil@deremil.blogda.ch

  2. Gudrun sagt:

    Kannst du noch kreiseln? Ich kann es nicht mehr, aber der Hausmeister im Volkskundemuseum Wyhra konnte das noch. Du hättest mal seine leuchtenden Augen sehen sollen, als er es den Kindern zeigte.

  3. Sofasophia sagt:

    @deremil Ich habe Schlüsselkinder immer um ihre Möglichkeit des Allein-sein-Dürfens benieden; allein, also ohne ständige Aufsicht, stellte ich mir herrlich vor.

    • Der Emil sagt:

      @sofasophia@fairmove.net

      Und ich hatte Verantwortung.

      @deremil@deremil.blogda.ch

      • Sofasophia sagt:

        @DerEmil@procial.tchncs.de @deremil@deremil.blogda.ch Ja, genau. Es wird dir etwas zugetraut. (Auch das hätte mir damals gut getan.)

  4. Helmut sagt:

    Lieber Emil.

    Nein, das ist eigentlich nix Neues! Das ist großartig, wunderbar. Bloß passt es nicht in unsere Gesellschaft – jedenfalls die von gestern. Ob es in der neueren Zeit besser geworden ist. Mir jedoch macht es immer noch zu schaffen, wenn etwas schnell-schnell gehen muss, obwohl das überhaupt nicht mehr wichtig ist. Ich bin ja mit Freuden Pensionär, das könnte man sich das ja leisten. Oder?

    Jedenfalls war das ein wichtiger Beitrag deinerseits, für den ich dir sehr danke.
    Liebe Grüße
    Helmut

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