#Advent 2022 (353): Das 19. Türchen


Wieder sollt' es Winter werden.

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Strichzeichnung eines Nadelbaumes an einem Hang, Hörnerschlitten davor 
Das ist mein 13. Adventskalender. Ich widme ihn allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen. Möge allen Menschen eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit beschieden sein. Meine Kerzen brennen insbesondere für Menschen und Tiere, die Hoffnung und Trost brauchen.

 

 

Der Mann denkt zurück an seine Kindheit. Wie die für ihn im Winter war; und es war für ihn nie „die dunkle Jahreszeit”. Damals gab es niemanden, der einer sogenannten Sommerzeit nachtrauerte, da galt das ganze Jahr immer einunddieselbe Uhrzeit. Es war eben so: Frühmorgens ist es finster gewesen bis zum Sonnenaufgang gegen viertel Neun, und nach dem Sonnenuntergang um zehn vor Vier wurde es wieder finster. Damals läuteten die Kirchenglocken im Dorf abends um Fünf – und nach diesem Signal gingen die Kinder von den Rodel­bergen nach Hause. Klar, auf dem Heimweg gab es immer wieder einmal die eine oder andere Schneeballschlacht. Doch alle Kinder waren vor Sechs daheim.

Heute sitzt er am Fenster, schaut hinaus auf den Hof. Noch dämmert es, und in den Fenstern ringsum gehen die Lichter an. Schwibbogen und Adventssterne werden sichtbar. Im Haus nebenan stehen an zwei Fenstern Engel und Bergmann, pas­send zur Anzahl der Kinder im Haus: zwei Mädels, zwei Jungs. Die Figuren haben nicht mehr wie früher Wachskerzen in den Händen, sie wurden mit elektrischen Birnchen versehen. So leuchten sie in der Adventszeit sicherer als fürher direkt vor den Gardinen. Und während der alte Mann seinen letzten Kaffee für heute austrinkt und dazu noch zwei Spekulatius knabbert, tönt aus dem altertümlich anmutenden Radio auf dem kleinen Tischchen neben dem Fenster leise Weihnachts­musik. Den Sender hörte schon sein Großvater, obwohl es damals in jenem anderen Land verpönt war, Westsender zu hören. Allerdings kennt er außer diesem einen bayerischen Programm auch keines, das so viel zur Jahreszeit passende Musik erklingen läßt.

Von der nahen Kirche erklingen die Glocken. Im Radio sind die Nachrichten zu hören. Er steht auf, schaltet das Radio aus. Er räumt seinen Kaffeetisch ab. Nicht mehr lange, und die beiden Enkelkinder werden verschwitzt, naß und mit roten Wangen und kalten Händen und Füßen vor der Haustür stehen. Die sind seit halb Drei draußen mit dem Schlitten und dem Bob, an genau dem Hang, an dem auch er als Kind bei oft hals­bre­che­rischen Schußfahrten viel, sehr viel Spaß hatte. Und einmal hatte er auch Pech: Vor lauter Spaß vergaß er damals das Bremsen und fuhr mit dem Schlitten hinein in den Dorfbach. Der Schlitten blieb zum Glück ganz, aber die Gardinenpredigt seiner Mutter hat er nie vergessen.

Es ist gut, daß sich sein Wunsch erfüllt hat: „Wieder soll es Winter werden, und die Kinder sollen Spaß daran haben.” Es liegt seit einer Woche genug Schnee für die Schlittenfahrten. Die Enkel erzählen begeistert von den Bauchklatschern und den Hügelsprüngen. Beinahe so, wie ihm einstmals sein Groß­vater erzählt hat von der Zeit nach dem ersten großen Krieg und den Wintern, in denen sich sogar junge Erwachsene zum Schlittenfahren verabredeten. Und nun gibt es, so denkt der alte Mann, in der Familie eine seit fünf Generationen und damit über hundert Jahre gepflegte Tradition: Ruschln off dr Karllob-Wies.

 

 

Ein wenig Autobiographisches ist im Text enthalten, aber so fand das alles nicht statt. Allerdings wünschte ich mir, daß es so geschehen könnte.

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Adventszeit.

Der Emil

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das im Dezember täglich ab 21 Uhr des Vorabends bei der Versteigerung von #hand2hand22 tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür von ganzem Herzen.

 

P.S.: Gut fand ich am 18.12.2022 das ausgeräumte Schrankfach, die Möhren­suppe aus dem Gefrierfach, das letzte Fürst-Pückler-Eis.
 
Die Tageskarte für heute ist VI – Die Liebenden.

© 2022 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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5 Kommentare zu #Advent 2022 (353): Das 19. Türchen

  1. Sonja sagt:

    Nirgendwo sonst eine solch innige Auseinandersetzung mit dem Winterthema, mir gefällt das sehr!

  2. WolfganH sagt:

    Lieber Emil,
    du glaubst gar nicht welche Freude du uns mit deinem Adventskalender bereitest. Jeden Abend im Bett gehe ich wie Scherlock Holmes mit dem Handy auf die Suche nach deinem Beitrag von vor ca. 14 bis 16 Stunden. Das ist manchmal ein ziemlich langes Scrollen, bis auf heute haben wir ihn aber immer gefunden. Heute aber war nichts zu sehen, nur über Google konnte ich deinen Blog dann finden und auch diesen Beitrag. Wir haben auf jeden Fall auf der Komode eine Vanille Kerze als Beleuchtung und ich habe einen Adventstee. Dann lese ich Donna immer den Emil vor. Nur vorgestern, als ich zu schwach war, hat sie mir den Emil vorgelesen. Das ist eine sehr schönes Adventsritual, für das wir dir beide recht dankbar sind.

    • Der Emil sagt:

      Ich bin ganz rot und schäme mich über so großes Lob.

      Du könntest ja auch per eMail abbonieren, dann hast Du täglich eine Mail mit ’nem Link …

      Wo suchst Du denn?

      • Oh Emil, ich hatte wohl ein Brett vorm Kopf. Ich folge dir per E-Mail, aber ich kam nicht auf die Idee. Das Suchen im Reader ist eine Pest, da finde ich nie nix, deshalb scrolle ich immer solange bis ich dich finde. Mittlerweile gibt es beim Laptop eine Neuerung, die ich gut finde, da sehe ich rechts neben den Beiträgen die Abonnierten Blogger, die zuletzt gepostet haben, da kommt man viel schneller voran. Als ich aber gestern gar nichts fand, suchte ich in Google nach Der Emil Blog. Da landet man auf deinem alten Blog und dort ist der Link zum neuen, und da hatte ich dich dann gefunden. Jetzt ist aber alles kein Problem, das war vermutlich deine Tarot Karte mit dem Teufel, die da einen Streich gespielt hatte. Dann noch ein frohes klingendes Weiterbloggen. Wir freuen uns Don und Donna alias Wolfgang un sine Fru

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