Nº 174 (2022) – Erzählt

Wundersames über Gedächtnis und Erinnerungen.

To get a Google translation use this link.

 

 

Daran erinnere ich mich nicht, wirklich nicht. Aber … Aber ich glaube mich daran zu erinnern, daß mir etwas darüber erzählt wurde. Von wem nur? Ach, wenn mir das nur wieder einfallen würde, dann könnte ich mich vielleicht auch besser an das erinnern, was mir erzählt wurde, mich als überhaupt wieder an das Erzählte und vielleicht auch an das Geschehen erinnern. Aber so? So bleibt da nur das dumpfe Gefühl, daß da etwas gewesen sein muß! Irgendetwas Wichtiges, Prägendes, etwas, das mein Leben daraufhin veränderte, bestimmte. Ach! Warum nur sind die Erinnerungen so unzuverlässig, so vage, so … so ganz anders als eine Festplatte oder als ein USB-Stick. Wieviel einfacher wäre es dann doch, sich zu erinnern, vor allem: sich richtig zu erinnern.

Manchmal beneide ich die Menschen mit einem sogenannten photographischen Gedächtnis. Einen Text ein einziges Mal sehen und nie wieder auch nur ein Detail davon zu vergessen, oder eine Szene zu beobachten und immer wieder jede noch so winzige Kleinigkeit daraus abrufen zu können. Denn das, so denke ich, ist eine wunderbare Gabe. Hätte ich sie, so säße ich jetzt nicht hier und würde mir nicht mein Hirn zermartern um etwas, das mir vielleicht doch niemals geschehen ist oder von dem mir vielleicht niemals jemand erzählt hat … Ja, ich zweifle mittlerweile tatsächlich. Was, wenn alles nur Einbildung, meine Einbildung ist und nie etwas geschah und nie jemand erzähte?

Photographischen Gedächtnis. Ich stelle mir gerade vor, man sieht z. B. eine Buchseite mit zwei oder drei sinnentstellenden Druck­fehlern. Wenn beim Beruf des Schweißers das „w” ver­gessen wurde, oder wenn da steht „ auf der Wut sein” oder „auf dem Hut sein” statt „auf der Hut sein”. Wie geht man damit um, wenn diese Fehler unvergeßlich bleiben? Vielleicht wundere ich mich einmal über solche Fehler, vielleicht lache ich auch ein wenig. Aber irgendwann verschwindet die Erinne­rung daran wieder. (So, wie jetzt meine Erinnerungen an das Erzählte und das Geschehen verschwunden sind.) Wäre das photo­graphische Gedächtnis im Fall von Druckfehlern nicht doch eher ein Fluch (für mich auf alle Fälle)?

Wenn ich nur endlich darauf käme, was mir da wer erzählt haben soll! Schlimm, diese Sache mit den Erinnerungen. Jedesmal, wenn ich mich bewußt an etwas erinnern will, gar mich an etwas erinnern muß, dann … dann ist da eine große gähnende Leere. Aber wehe, da ist etwas, an das ich mich ganz bestimmt nicht erinnern will, wehe, dann kommt der Mist zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wieder hoch und rumort in mir herum. Wie die Sache mit dem Ziegel auf meinem Zeh und dem Blut und dem Jod, von der mir mein Vater Zeit seines Lebens immer wieder erzählte und an die mich die große Narbe immer wieder erinnert. Stimmt. Deshalb. Das war es. Das ist es, was mir erzählt wurde.

Und deswegen hab ich mir jetzt so lange und heftig meinen Kopf zerbrochen?

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 23.06.2021 das frühe Aufstehen, die zum Arbeiten genutzte Fahrt mit der ziemlich leeren S-Bahn, das gesehene – aber nicht photographierte – bunte Haus.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Acht der Schwerter.

© 2022 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2022, Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

5 Kommentare zu Nº 174 (2022) – Erzählt

  1. Gudrun sagt:

    Die Geschichte gefällt mir.
    Aber sag mal, wohin bist du gefahren mit der SBahn? Nach Leipzsch? Hier gibt es nämlich bunte Häuser, zum Beispiel die von Fischer-Art.

  2. Nati sagt:

    Ich erinnere mich an ein mit zig Bildern bemaltes Haus, in der Innenstadt von Leipzig.
    Leipzsch hat meine Oma immer gesagt. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert