Nº 135 (2022) – Haltung

Altersbedingt oder nicht – aber bewundernswert.

To get a Google translation use this link.

 

 

Gemessenen Schrittes schreitet er voran – anders kann ich es nicht nennen, wie er sich bewegt. Feierlich, bedächtig, nicht langsam: All das paßt nicht wirklich zu dieser Körperhaltung und diesen Bewegungen. Deshalb bleibe ich beim Ausdruck „gemessenen Schrittes schreiten”. Ich kenne sein Ziel nicht, aber ich sehe ihn mindestens zweimal wöchentlich hier vorbei­schreiten. Gerade, aufrecht, unbeirrt. Obwohl er schon auf die Neunzig zuzugehen scheint mit seinen weißen Haaren. Immer hat er eine große Tasche dabei, die er scheinbar mühelos in der linken Hand trägt. Was mag wohl darinnen sein? Ich bin ja nicht neugierig, nein, aber über ihn und seine Tasche und sein Ziel wüßte ich schon gern mehr. Neunzig, und seine sportlich-elegante Kleidung macht ihn in meinen Augen eher jünger. Und er schreitet gemessenen Schrittes vorüber.

Knapp drei Stunden später. Wieder schreitet er am Zaun entlang, scheint auf dem Rückweg zu sein. Polohemd, Weste, Baumwollhose. Ein älterer Herr im besten Sinne. Kurz bevor er auf meiner Höhe ist, sehe ich ihn an und grüße. „Guten Tag! Sie sehen ja recht sportlich aus!” Er antwortet mit einem Hallo und bleibt am Zaun stehen. Und er bedankt sich für das Kom­pli­ment. Mit 93 höre er das selten, so sagt er. Dann bricht es aus ihm heraus, als wenn ein Überlauf geöffnet worden wäre. In knapp fünf Minuten erzählt er mir seine letzten zehn Lebens­jahre, von seinen Verlusten, von seiner Suche nach einem neuen Sinn des Lebens, und von seinem neuen Hobby, das er seit fünf oder sechs Jahren pflegt: Schwimmen im Fluß. Die Bewegung tue ihm gut, halte ihn gesund, sagt er. Und erzählt, daß seine Kinder ihn für ziemlich verrückt halten, weil er zwei­mal pro Woche etwa eine Stunde zu Fuß zum Fluß geht, dann eine Weile im Wasser verweilt und wieder eine Stunde zu Fuß heimwärts geht. In seinem Alter! Er sollte ihrer Meinung nach lieber seinen Ruhestand genießen, meinen die Kinder und Enkel. Aber genau das, sagt er, tut er mit diesen beiden Ausflügen pro Woche. Außerdem muß er sich jetzt sputen, um rechtzeitig zuhause anzukommen.

Spricht's, verabschiedet sich und schreitet gemessenen Schrittes von dannen. Und ich bleibe ob seines Monologs leicht irritiert zurück.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 15.05.2022 den sehr gemächlichen Vormittag, die Erdbeeren statt eines anderen Mittagessens, die vielen Vogelstimmen im Dorf.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Ritter der Münzen.

© 2022 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2022, Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

4 Kommentare zu Nº 135 (2022) – Haltung

  1. Sonja sagt:

    Eine schon vom Äußeren her beeindruckende Persönlichkeit.
    Schade, dass er sich nicht für dich interessiert hat.
    Das Monologisieren scheint er gewohnt zu sein, sicher auch den inneren Monolog. Und selten spricht ihn jemand an, denke ich.Trotzdem eine interessante Begegnung, oder!?
    Gruß von Sonja

  2. Gudrun sagt:

    Ich kenne so jemand. Ein älterer Herr schob jeden Tag seine Frau im Rollstuhl an meinem Balkon vorbei. Seit sie nicht mehr da ist, läuft er seine Runde mit verschränkten Armen hinter dem Rücken und freut sich über jeden, mit dem er ein Schwätzchen machen kann. Ich tue ihm den Gefallen. Und mir auch.
    Eine feine Geschichte hast du aufgeschrieben.

Antworte auf den Kommentar von Sonja Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert