Nº 110 (2022) – Zeitfragen

Ich habe diese hier in einem Kinderbuch gefunden.

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Die Menschen ringen mit der Zeit. Dem einen ist sie zu lang, er möchte ein Stück davon wegschneiden. Dem anderes ist sie zu kurz, er möchte an jeden Tag ein Stück annähen. Es gibt keine Schere, die Zeit abzuschneiden, und es gibt keinen Zwirn, die Zeit anzunähen. Wo ist die Zeit aufbewahrt, die noch kommen wird, und wo liegt die Zeit aufgerollt, die schon vorüber ist?

Erwin Strittmatter: Tinko. S. 320 (32. Auflage 1980)
© Der Kinderbuchverlag Berlin – DDR 1954
Lizenz-Nr.304–270/289/80–(560) · Bestell-Nr. 628 337 6

 

 

Jaja, diese Fragen zur Zeit und über die Zeit. Selbst Immanuel Kant fragte schon in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781): „Könnte man die Zeit anhalten, für wie lange ‘stünde’ dann die Zeit?” Und auch ich stelle mir ja immer wieder Fragen über die Zeit und ihr Wesen (und ihren Geist).

Zurück zu Tinkos Gedanken. Ich hätte zu so vielen Gelegenheiten schon ein Stück Zeit abschneiden oder ein Stück Zeit annhähen wollen. Euch allen geht es wahrscheinlich ebenso, oder? Ach, es gibt auch keinen Radierer und keinen Leim, mit denen man sich in solchen Stituationen behelfen könnte. Die Zeit fließt, ob ich ihr – wie es neudeutsch so „schön” ∗hust∗ heißt – Qualität mit­gebe oder nicht. Überhaupt frage ich mich, was genau Menschen mir damit sagen wollen, wenn sie eine Zeit als Qualitätszeit bezeichnen? Zeit ist Zeit, und es hat wohl noch niemand ihre Natur vollständig verstanden oder auch nur beschrieben. Zeit ist etwas, ohne das menschliches Leben nicht existieren könnte – vielleicht sollte ich besser sagen: ohne dessen Folgen und Wirkungen menschliches Leben nicht möglich wäre. Wir haben sie, die Zeit, und wir nutzen sowieso schon jeden einzelnen Augenblick dieser Zeit: Zum Atmen. Zum Leben. Und zu so vielem anderen, das wir alle so tun und geschehen lassen. Wozu soll ich also meine Zeit noch weiter vollstopfen mit weiteren Dingen wie z. Bsp. mit dieser ominösen Qualität?

Und natürlich habe ich eine Frage an euch alle, die ihr meinen Text hier lest. Es ist eine von denen, die Tinko im Buch sich stellt: Wo bewahrt ihr all die Zeit auf, die für euch mit euch (und um euch und durch euch) bereits vergangen ist?

Eine zweite Frage hätte ich auch noch: Woher „nehmt” ihr euch immer wieder die Zeit, die ihr euch nehmt?

 

(Ach, beides sind nur solche rhetorische Fragen …)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 20.04.2022 eine Absage, das wirklich lange Ausruhen, die erledigten Haushaltsdinge (Abwasch, Wäsche, Altpapier usw. usf.).
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Zehn der Stäbe (gut, daß ich für morgen absagte).

© 2022 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Kommentare zu Nº 110 (2022) – Zeitfragen

  1. Elvira sagt:

    Zeit ist eine Erfindung des Menschen, jedenfalls die Momente, die wir meinen messen zu müssen. Von Nanosekunden bis zum Urknall wird alles in Zeit bemessen. Ein Zeitstrahl, an dem wir uns entlanghangeln, zwischen dem Versuch, unserem Leben Struktur zu geben und das Universum verstehen zu wollen. Und immer wieder die ominösen Zeitenwenden. Der Zeit, gäbe es sie, wäre es egal, wie oft sich alles wendet, ob zum Guten oder Schlechten. Eine Qualität hat und kennt sie nicht, sie ist einfach zeitlos.

    • Der Emil sagt:

      Ich brauchte etwas Zeit, um mich an einen der zentralen Gedanken („so es die Zeit gäbe“) Deiner Antwort zu gewöhnen. Manchmal scheint mir, als hättest Du Recht.

      • Elvira sagt:

        Das sind natürlich nur Gedankenspiele. Wir leben in und mit der Zeit. Wie relativ sie ist, sehe ich daran, welche Bedeutung ich ihr beimesse, wie langsam oder wie schnell sie zu vergehen scheint. Letzte Nacht lag ich von ca. 2 bis 4 Uhr wach. Die Minuten schienen sich ins Endlose zu dehnen. Die Zeit fraß sich in mich hinein, und ich bekam, das erste Mal seit sehr vielen Jahren, eine Panikattacke. Dass so viele Jahre dazwischen lagen, sagt mir meine Zeitrechnung. Doch gefühlt schien keine Zeit vergangen zu sein. Ich kann das nur schwer erklären.

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