#Adventskalender 2021 – (345): Das 11. Türchen

Damals zu Nikolaus. Ein roter Pelz.

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Das ist mein 12. Adventskalender, den ich all denen widme, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen. Möge uns allen eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit beschieden sein. Meine Kerzen brennen insbesondere für Menschen (und Tiere), die Hoffnung und Trost brauchen.

 

Im meinen Kindertagen verbrachte ich so manches Wochenende mit meinen Großeltern im Haisl (dem Wochenendhaus am Waldrand, im Nachbardorf etwa eine Stunde Fußweg entfernt). Einmal mindestens muß ich auch zum Nikolaus dortgewesen sein, denn woanders gab es keine Gelegenheit, das Folgende zu erleben. Freitag gingen wir hin, Sonntag gingen wir heim. Wie gesagt, auch an dem einen Wochenende 1971, in dem der Nikolaustag ein Sonnabend war und ich schon in der zweiten Klasse, war ich mit meinen Großeltern dort. Im Haisl war es immer ganz angenehm warm. Der Kohleherd in der Küche wurde zum Kochen gebraucht, und auch der Ofen im Hauptraum bekam immer genügend Holz, Rinden und Zapfen gefüttert. Zwei oder drei Brikett wurden erst dann aufgelegt, wenn es ans Zubettgehen ging. (Bedenkt bitte: Die Briketts wurden im Rucksack hintransportiert!) An diesem besonderen Freitagabend waren aber noch die Schuhe zu putzen. Früher muß nicht nur in jeder Wohnung, sondern auch in jedem Wochenendhaus, in jeder Gartenlaube einmal komplettes Schuhputzzeug vorhanden gewesen sein: Abputzbürste, Schuhcreme, Eincrem­bürstchen, Lappen, Polierbürste – und außer der Abputzbürste war alles je einmal für Schwarz und Braun und Farblos vorhanden. Eg-Gü natürlich. Ich putzte. Irgendwann war ich mit dem Glanz meiner Schuhe zufrieden, stellte sie neben die meiner Großelten in den winzigen Vorraum. Dann wurde noch etwas Bayern1-Radio gehört (Fernsehen brauchte damals niemand in den Datschen), die Brikett in den Ofen gepackt, und halb oder um Neun rum war alles eingeschlafen.

Am nächstem Morgen – es war eine grüne Adventszeit, schneelos – ging der zweite Weg … Nein, es war der Rückweg vom Häuschen draußen an den Stiefeln vorbei (auf dem Hinweg war keine Zeit zum Stehenbleiben). Ein Fichtenzweig stak drin in einem, und den Stiefel nahm ich mit hinein in den Hauptraum, die Wohnstube. Oma war wie jeden Morgen schon in der Küche beschäftigt. In beiden Öfen brannte Feuer. Ich leerte den Stiefel auf die Sitzfläche der Eckbank. Ein Schokonikolaus, zwei kleine Täfelchen Schkolade, eine Mandarine (in der DDR, 1971, eine! Mandarine! und keine Kubaorange), zwei kleine rotbäckige Äpfel. Erd- und Wal- und Haselnüsse waren reichlich im Stiefel. Und ein Pfefferkuchen in knisternder, durchsichtiger Plastefolie. Oma gab mir einen Kuchenteller, auf den ich all die Leckereien packte. Nach dem Frühstück ging es mit Opa zum Holzsammeln in den Wald, das war zumindest an den kälteren Wochenenden Routine. Schließlich mußte unter dem Schleppdach neben dem Häuschen der Vorrat wieder aufgefüllt werden. Das dauerte immer von kurz nach dem Frühstück gegen acht, halb neun Uhr bis kurz vor Mittag, daß es zumeist um Zw&aumlölf gab. Da war Zeit für zwei bis drei Gänge den Stein­berg hinauf und mit großen Bündeln trockenen Ästen oder einem Tragekorb und einem Dederonbeutel mit Zapfen und Rinde wieder zurück. Nach dem letzten Gang an diesem Tag saßen Opa und ich noch ein Weilchen unter dem Schleppdach und schauten uns einfach das Stück Wald an, das zum Wochen­end­grundstück geworden war kurz nach dem Krieg. Der Opa legte mir irgendwann seine große Hand aufs Bein und zeigte auf eine der alten Fichten zwischen Häuschen und Haisl (auf den weniger als zehn Metern standen drei stattliche Exemplare). Ich sah zunächst nichts, wußte aber, daß da etwas sein mußte. Sonst hätte Opa mich nicht darauf aufmerksam gemacht. Dann, dann sah ich es. Ein rotes buschiges Etwas flitzte um den Baum herum. Auf dem Boden huschte das Eichhörnchen weiter zur Seite weg. Ah, es griff einen Zapfen und begann zu nagen. Mit wenig Erfolg, wie es mir schien. Denn es dauerte nur einen Augenblick, bis das Tier den Zapfen wieder fallenlies und zurück hinauf auf den Baum sprang.

Mittagessen. Wie meist am Sonnabend eine Suppe oder ein Eintopf. Manchmal auch Kartoffeln, Quark und Leberwurst. Oder Griene Klitscher. Danach Saß Opa im Sessel und hörte (nun ja: schnarchte) ein halbes Stündchen Radio. Ich hing am Fenster und schaute Hinaus. Das war wirklich die beste Unterhaltung, die es neben dem Radio und dem Rausschmeißerspielen im Haisl gab. Zum Fenster hinaussehen und beobachten, was da draußen los war. Das vom Opa selbstgebaute Vorgelfutterhäuschen vor dem Fenster war gut besucht, und auf dem Boden darunter huschte wieder ein (dasselbe?) Eichhörnchen herum. Ich bettelte Oma sher lange an, bis sie mir eine von den gute Pozellanuntertassen gab. Auf die legte ich von jerde Nußsorte ein paar. Dann huschte ich hinaus in das ungemütliche Wetter. Kein Schnee, trotzdem kühl und feucht. Aber ich war nicht leise und vorsichtig genug, als ich mich dem Futterhäuschen näherte. Das Eichhörnchen war nicht mehr zu shen, die Vögle flatterten auf und davon. Schade. Ich stellte die Nüsse auf dem Tellerchen nicht weit vom Vogelhaus auf den Boden, etwas näher an der Fichte als am Futterhäuschen. Und huschte wieder hinein in die behagliche Wärme vom Haisl. Opa war jetzt wach, saß mit dem Fernglas am Fenster zum Dorf hin und beobachte die wenigen Menschen, die unterwegs waren. Ich aber, ich setzte mich wieder vors andere Fenster und wartete.

Nach ein paar Minuten kamen die Vögel zurück. Und ein paar Augenblicke später war auch das Eichhörnchen wieder da. Rannte zuerst an der Untertasse vorbei. Blieb wie angwurzelt stehen. Drehte um. Hoppelte zögernd auf die Nüsse zu. In der Zwischenzeit hatte ich das Fernglas von Opa bekommen. Und nun saß ich da. Mit dem Fernglas vor den Augen. beobachtte das pelzige rote Ding mit dem riesig großen Schwanz. Durchs Fenster hindurch konnte ich sehen, wie das Eichhörnchen mit seinen Händen eine Erdnuß vom Teller nahm und sie aufbiß und aß. Dann griffen die kleinen Hände – die Vorderpfötchen vom Eichhörnchen sehen wirklich so aus! – eine Haselnuß. Das Eichhörnchen drehte sie hin, drehte sie her, roch daran, drehte nochmal und dann: Rrrrps! Ich konnte kaum so schnell zusehen, wie das possierliche Tierchen auch die Haselnuß aufgenagt und den Kern verspeist hatte. Ich freute mich über das Tier und dachte, das war für uns beide wirklich ein guter Nikolaustag. Und mir, mir fehlten die paar Nüsse nicht wirklich. Die Untertasse mußte ich noch vor dem Dunkelwerden wieder ins Haisl holen. Und wie ihr gerade gelesen habt, hat mich dieser Nikolaustag mit dem Eichhörnchen, mit dem ich meine Nüsse teilte, auch sehr beeindruckt. Ich kann mich 50 Jahre später noch dran erinnern.

 

Natürlich kann ich mich nur an das Eichhörnchen und die Untertasse und den typischen Tag im Haisl und an den üblichen Inhalt eines Nikolausstiefels erinnern. Und an das Geschirr und das Fernglas und das alte Radio. Und der genaue Ablauf, der kann so gewesen sein. Ihr wißt ja selbst, wie das mit den ach so exakten Erinnerungen ist …

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Adventszeit.

Der Emil

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das im Dezember täglich ab 21 Uhr des Vorabends bei der Versteigerung von #hand2hand21 tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

P.S.: Positiv waren am 10.12.2021 ein Mittagsschlaf nach 29 Stunden Wachsein, zwei aussortierte Kartons, ein anders fortgesetzter Kontakt mit einer sehr feinen Anregung.
 
Die Tageskarte für heute ist der König der Kelche.

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Über Der Emil

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2 Antworten zu #Adventskalender 2021 – (345): Das 11. Türchen

  1. Nati sagt:

    Sehr schön Emil.
    Solche Erlebnisse bleiben in ewiger Erinnerung, wenn auch etwas anders ausstaffiert.
    Dankeschön fürs Teilhaben.
    Erinnerte mich auch an die Zeit als ich mit meinen Eltern in einer Wohnung mit Kohleöfen lebte und man ständig Eimerweise die Eierkohle oder Briketts in die erste Etage schleppen musste.

  2. In dem Haisl mit genau dieser Stimmung, so geborgen und friedlich, da wollte man doch auch gewesen sein. Es wundert mich nicht, dass du noch 50 Jahren danach eine sehr klare Erinnerung an diesen Moment hattest. Bei mir gibt es jede Menge solcher Erinnerungen und Gefühle. Und das sind zumeist keine actionlastige Superdupermomente, sondern eben genau diese feinen, tiefen Augenblicke. Ist sehr schön, wenn man sie so bewahren kann 😊.

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