2021,208: Alptraumbuch

Neuerdings fesselnde Lektüre.

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Das Buch. Das Buch macht mir Angst, die Sätze und das Dar­gestellte ekeln mich, aber das Buch läßt mich nicht los. Es ist wie ein Zwang, ich muß lesen, was mir geschehen könnte, wenn ich nicht anders handle als der, der in dem Buch über sich und sein Leben erzählt. Ich weiß, daß ich mehrmals nach den ersten vier oder fünf Seiten das Buch zur Seite gelegt habe. Weil ich mich ertappt fühlte und trotzdem steif und fest behauptete, daß mir sowas nie passieren könnte, nie. Diesmal aber hat es mich gepackt, das Buch – nein, die Geschichte hat mich gepackt, das Geschehen, das genau hier in der Stadt an­ge­siedelt wurde. Es werden Orte beschrieben, die auch heute noch so aussehen wie damals. Dinge wie die Straßenbahn, die noch heute über ihre Schienen poltert. Und Vorgänge, die auch mir schon so oder in “leichterer” Form geschehen sind. Mitt­lerweile habe ich dies und das ausprobiert in der Zeit, in der ich dieses Buch lese (ich glaube, jetzt zum dritten Mal nach­ein­ander, weil ich die darin stehende Wahrheit ja noch begreifen muß). Mittlerweile weiß ich um die Gefahr, in die ich mich bege­ben habe. Mittlerweile bin ich mir sicher, alles anders machen zu wollen. Jedenfalls in entscheidenden Momenten vieles anders zu machen. Noch habe ich die Kraft dazu, hoffe ich. Daß das nicht funktioniert hat, als ich es ausprobierte, das lag wahrscheinlich daran, daß ich vom Ausprobieren wußte, daß es also nicht ernst war. Wozu sollte ich mich da anstren­gen und mich überwinden. Reicht doch, wenn ich das kann, wenn es ernst wird. Aber: Ein Buch ist einfach etwas zum Lesen. Was darinnen steht, ist ja sowieso nie die Wahrheit. Da hat sich einer zusammenphantasiert, was eventuell geschehen sein könnte, weil er sich an nichts erinnern konnte und kann, was geschehen war, oder etwas, was nie geschehen können wird. Wieso sollte ich also vor etwas Angst haben, vor etwas, das nur in einem Buch steht? Und ist es nicht immer so: Je öfter etwas gesagt wird (also auch: je öfter ich etwas lese), desto wahrer wird in meinem Geiste das, was gesagt wird. Das soll selbst für dreisteste Lügen gelten. Selbst wenn ich das Buch noch dreimal lese, so wird kein Satz daraus wirklich wahrer. Und vor allem: Die Sätze gehören zum Buch, nicht zu meinem Leben. Soviele scheinbare oder anscheinende Parallelen zwischen dem Buch und meinem Leben auch bestehen. Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Was soll mir das in meinem verkorksten Leben denn helfen?

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 27.07.2021 waren positiv sehr früher Kaffee um vier Uhr und danach endlich ein paar Stunden Schlaf, einiges Geschriebenes.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zehn der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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6 Kommentare zu 2021,208: Alptraumbuch

  1. Sofasophia sagt:

    Ich frage jetzt nicht, was für ein Buch es ist, wie es heißt. Neinnein, ich frage nicht … 🙈

  2. Sonja sagt:

    Ist man auf die Welt gekommen, um ein Leben, sein Leben, zu verkorksen. So war das nicht gedacht. Ist das schlüpfriges, philosophisches Gebiet?

  3. Elvira sagt:

    Was für ein Text! Eine unendliche Geschichte mit Variablen – oder auch nicht.

  4. Regine sagt:

    Ich finde in jedem Buch, welches ich lese, Gedanken und Gefühle, die mich etwas angehen. Sonst würde ich es nicht lesen, weil es mich langweilt.

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