2021,181: Lärmempfindlich

Und dann sooooo schöne Sätze über Kunstmacher gefunden.

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Wieder ein Tag, an dem …

Ab 7.30 Uhr wurden wie vorgestern und gestern die Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite – allesamt mit heftigen Trockenschäden – radikal zurückgeschnitten und zerstückelt, gefällt ohne gefällt zu werden. Die Äste werden direkt gehäckselt. Das ist laut. Sehr laut. Um 15 Uhr rückten die Arbeiter und die Maschinen ab. Der gewohnte übliche Straßenlärm ist eine Wohltat für die Ohren. Ich befürchte, daß es die ganze Woche noch bei dem Arbeitslärm bleibt.

Es ließ sich bei dem Krawall, der auch durch die geschloßnen Fenster kaum gemindert wird, nichts erledigen. Selbst Denken gelang mir nur schwer. Und obwohl ich gern Menschengeräusch um mich habe zum Schreiben (oder irgendwelche Hintergrundmusik aus meinem Rechner): Nein, diese Geräusche sind auch fürs Schreiben nicht förderlich. Ich bekam schlechte Laune, hatte und habe zu noch weniger Lust zu irgendetwas. Der Großteil des Tages war demnach bloß »Wäh!« Wenigstens zum Lesen konnte ich mich aufraffen; ich habe mich endlich und trotz meiner schlechten Stimmung an Inge von Wangenheim (»Die Verschwörung der Musen« Gedanken eines Schriftstellers auf der Suche nach der Methode seiner Zeit) gewagt. Ja, schon nach drei oder vier Seiten ist in diesem Werk das Deutsch, die Deutsche Sprache zu finden, das und die ich aus der DDR kenne. Kein Wunder, wurde das Buch doch Jahr 1970 in der DDR veröffentlicht und wurde von einer Frau geschrieben, die in meinem Heimatland lebte. Das DDR-Deutsch ist nicht mehr so »einfach« zu lesen, und doch hat es einen unbestreitbaren Vorteil gehabt: Es fehlen die denglishen Überflüs­sigkeiten, es wird eben noch von Wirklichkeit und nicht von »Reality« erzählt, gesprochen, geschrieben. Ich stelle fest, daß ich Texte in dieser Sprache aufmerksamer lese als bundesdeutsch geschriebene. Das kann daran liegen, daß ich gelehrt bekam und gelernt habe, daß in einem Text immer mehr zu finden ist als der geschriebene Text …

Kunst. Künstler. Die Methoden, mit und nach denen Menschen arbeiten, auch kreativ, schöpferisch arbeiten. Für mich nachvollziehbare Sätze im Buch. Und wie kann es anders sein. Auch in diesem Buch fand ich gleich am Anfang einen Absatz, den ich inniglich liebe:

 

 

Ein Kunstmacher hat in seinem Innern eine Rezeptionsapparatur mit Feinsteinstellung. Wenn er etwas auf die Waage legt, so ist es eine Apothekerwaage, die Fliege an der Wand sieht er durch ein Röntgen-Mikroskop, und eine an der Oberfläche völlig unsichtbare Erschütterung im Innern der Gesellschaft, käme sie selbst von den Antipoden, registriert er wie ein Seismograph. Diese Hochempfindlichkeit ist ein unentbehrliches Werkzeug des Kunstmachers, sie bewirkt jedoch gelegentliche Mißverständnisse in jener Sphäre, wo mit derartigen Feineinstellungen gar nicht gearbeitet werden kann und darf, wenn etwas Vernünftiges herauskommen soll.

Inge von Wangenheim: “Die Verschwörung der Musen”. Gedanken eines Schriftstellers auf der Suche nach der Methode seiner Zeit. S. 6 f. Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehal­ten Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 1970. Lizenz-Nr. 444 – 300/109/70 · ES 7 E     Best. Nr. 638 191 0

 

 

Kunstmacher. Ich muß bei diesem Wort sofort an Irgendlink und sofasophia denken und an noch viel mehr der Menschen, die ich aus Kleinbloggersdorf kenne. Hach!

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 30.06.2021 waren positiv das begonnene Buch, relative Ruhe ab dem Nachmittag, zwei erledigte Aufagen vom Zettel.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Stäbe.

© 2021 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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6 Antworten zu 2021,181: Lärmempfindlich

  1. Sofasophia sagt:

    Hach. ☺️

  2. Sonja sagt:

    Beim Lesen vom Einsamkeitssucher auf dem Berg musste ich sehr oft an dich, lieber Emil, denken…und mir gefallen diese Kunstmachersachen so sehr!
    (Buch: „Der Berg“ von Ivica Prtenjaca)
    Gruß von Sonja, ganz ohne Erdbeermund 😉

    • Der Emil sagt:

      (Von hinten nach vorn:)

      Ich mag auch gerne die Süße der Kirschen von Lippen naschen 😉

      Kunstmacher: Naja, ein Kniff, denke ich, ehe dann im weitern Fortgang des Textes darüber nachgesonnen wird, welcher Kunstmacher denn nun wirklich Künstler und welche Machwerke denn nun wirklich Kunst sind – und wer das wie feststellen darf, ja: muß. Und unter welchen Voraussetzungen in der (entwickelten sozialistischen) Gesellschaft überhaupt methodisch Kunst geschaffen werden kann.

      Ach: Auf dem Berg, ja gerne, aber nur, wenn direkt vor der Berghütte der Ostseestrand liegt.

  3. Regine sagt:

    Das ist ja lustig! Ich habe gar nicht gewusst, das es „Bundesdeutsch“ gibt. Ist ein interessanter Aspekt, den ich als westdeutsch Aufgewachsene nicht bemerkt habe. Das sich Sprache wandelt, schon.
    Hoffentlich kehrt bald wieder Ruhe bei Dir ein. Gegen Lärm kann man sich nicht wehren und das beeinträchtigt doch sehr. Liebe Grüße! Regine

    • Der Emil sagt:

      Die „offizielle Parteisprache“ hatte auch Auswirkungen auf die Literatur (nicht so groß) und die Umgangssprache (durchaus sofort bemerkbar, ob Bundesbürger oder DDR-Bürger sprach).

      Speziell in diesem Buch geht es um die Schaffensmethoden von Künstlern und die vom Staat und der Politik gegebenen Voraussetzungen und Ziele. Da kommen schon ganz typische DDR-Sätze vor:

      „Vor allem wissen wir etwas über die tiefe Abhängigkeit des spezifischen Geschehens im Praxisraum der Kunst vom allgemeinen Geschehen im Praxisraum der Gesellschaft.“ (ebd., S. 76)

      „Ein unmittelbares Exempel aus der Fülle dieser Gegenwart kann vielleicht identifizieren, worauf es jetzt ankommt bei der Suche nach dem künstlerischen Gegenstand, soweit sie Methode hat.“ (ebd., S 124)

      Das sind Sätze, die (FÜR MICH) so ganz typisch DDR-Deutsch sind. Woran genau ich das festmache, kann ich nicht sagen, sie fühlen sich eben so an, nach „am Parteisprech ausgerichtet“, aber es nicht replizierend.

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