Wie 40 Jahre alter Text noch heute wirksam wird.
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Viel zitiere ich heute aus dem zweiten Buch, daß ich nach Christa Wolfs “Kein Ort. Nirgends” beinahe vollständig zitieren möchte und sicher auch bald ein zweites und drittes und viertes Mal lesen werde:
Was habe ich seit meiner Kindheit nicht alles schon wieder verlernt. Als Kind konnte ich mich noch freuen, da bin ich vor Freude fast aus der Haut gefahren. Es war eine junge, strahlenden Freude, oft unerklärlich, grundlos. Sie kam auf mich zu wie das Licht, das plötzlich aus der Wolkendecke bricht. Ich hätte nur noch die Arme ausbreiten brauchen und wäre geflogen wie ein Vogel. War es die Freude über das Sein, über die leuchtende Morgenstimmung der Kindheit?
Die Freude, der wir heute nachgehen, diese Lebensheiterkeit, mein Gott, wie dürftig. Wie oft habe ich selbst erlebt, daß wir immer erste ein paar Flaschen Rotwein auf den Tisch stellen müssen, einen Tonkrug Wacholder, ehe so etwas wie Freude in uns hochkommt. Aber das ist keine echte Freude, und auch das Lachen ist in solchen Stunden irgendwie gewollt, kommt nicht aus dem Herzen, der Alkohol hat es aus der Kehle geholt.
Hans Cibulka: Swantow. Die Aufzeichnungen des Andreas Fleming. S. 89f.
© Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig, DDR, 1982.
Lizent-Nr. 444-300/28/82·7001
Freude also. Kindliche Freude. An die erinnere ich mich recht gut. Zum Beispiel das draußen herumtoben von nach der Schule bis zu Dunkelwerden oder zum Abendläuten um 18 Uhr (sommers) oder 17 Uhr (winters). Ohne ein Handy, über das eine ständige Kontrolle möglich gewesen wäre. An Momente, die mich auch so erfreuten, wie es oben beschrieben ist: Rehe im Wald, goldglänzende Steine (Katzengold, Pyrit). Sommer auf dem Bauernhof, Spielen in einer Scheune, der erste Sprung des Jahres oder Tages ins Wasser an einem Teich oder im Freibad. So ähnliche Freude erlebte ich auch noch als Erwachsener, zum Beispiel in den Momenten, da mir mehr als ein Urvertrauen entgegengebracht wurde. Leider habe ich viel zu viele dieser Momente nicht festgehalten, nichts dazu mir aufgeschrieben. Leider. Aber ganz vergessen habe ich sie nicht, und an das Gefühl dieser Momente erinnere ich mich sehr gut. Und doch: Auch ich habe seit der Kindheit vieles, sehr vieles gelernt, bekam es vielleicht sogar aberzogen wie die Fähigkeit, an Wunder zu glauben und sie zu erleben.
Und die andere Freude, von der geschrieben wurde vor vierzig Jahren? Die Möglichkeiten, sie zu erzeugen, sind vielfältiger geworden in diesem Teil des Landes. Ich muß mich nicht auf Alkohol beschränken wie früher. Nur ist mir diese Freude einfach fad, zu fad. Gut, in einer Gruppe von Menschen ist es erträglich, manchmal sogar gut und befreiend. Aber allein bleibt immer dieses fade Gefühl, das Freude einfach zur Farce macht.
Kindliche Freude – so glaube ich zu erinnern – war für mich immer frei von Vergleich. Diese Art Freude kam nicht auf, wenn ich schneller war, höher sprang, weiter pißte als andere, auch nicht, wenn ich der Lauteste war. Sie kam vom Moment, von der Situation, sie überwältigte mich unverhofft und unvermutet und unerwartet. (Da fällt mir ein: Genau das passierte ab und zu auch in manchem sexuellen Miteinander.) Ich bin dafür, in Zukunft weit mehr für kindliche Freude bei Erwachsenen zu wirken …
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Positiv waren am 31.05.2020 zwei perfekt halbflüssige Frühstückseier, ein ausgiebiger Mittagsschlaf, ein (anderes) Buch.
Die Tageskarte für morgen ist die Sechs der Kelche.
© 2020 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Manchmal kann ich mich immer noch richtig kindlich freuen – zum Glueck.
Indeed that is one of the healthiest ability a woman or a man can exercise and have …
Es gibt sie noch, diese Freude! Seltener, das sicher, aber aus dem tiefsten Inneren. Überwältigend und doch flüchtig.
Frei von Vergleich. Ja, genau das! 🙌🏻