Nº 334 (2019): Ich mag nicht “nacherzählen”

Der Strittmatter hat es erzählen lassen.

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Ich lese noch immer am Wundertäter von Erwin Strittmatter. Und deshalb stand ich heute kurze Zeit vor einem Problem: Ob es wohl zulässig ist, eine von 1.638 Seiten als Zitat abzuschreiben? Oder muß ich, der ich das, was ich zitieren möchte, so wie es ist perfekt finde, irgendwie mehr oder weniger verständlich nacherzählen? Ich gestehe, ich habe nur kurz gezögert. Und dieses Märchen (oder ist es ein als Märchen, als Sage verkleidetes Gleichnis?) aus dem zweiten Kapitel des dritten Bandes bei Erwin Strittmatters „Der Wundertäter” gefunden zu haben, das war mir heute eine wahre Freude (wie mir das ganze Werk bisher ein zwar langsam, aber sehr prächtig zu lesendes Stück Literatur ist). Wegen des Nacherzählens: Ich weiß ja, man solle sich nicht vergleichen, heißt es. Und dieses Vergleichen wurde mir von einem Literaturkritiker (War Hannes Würtz ein solcher, mit seiner Poetensprechstunde im Zentralorgan der FDJ?) 1983 um die Ohren gehauen. Was er mir schrieb, war ernüchternd, mich aus Traumhöhenflügen in die Wirklichkeit zurückbringend, aber nicht vernichtend. Denn: Ich schrieb weiter und las weiter (und beides sogar noch mehr als vorher), um mein Gefühl für Sprache weiterzuentwickeln, weiterzubilden, zu formen. Aber: Der Zwang zum Vergleichen, so glaub(t)e ich, ist schwächer geworden, nicht ganz verschwunden, nein, aber wesentlich abgeschwächt: Er ist heute nur noch dieses sonderbare Gefühl im Angesicht eines Lobes für meine Texte, für einen meiner Texte, das mir eine Mischung aus Stolz, Freude, Scham, Unzulänglichkeit usw. usf. zu sein scheint.

Genug der Vorrede, glaube ich. Lauscht mit mir dem, was Stanislaus Büdner eines Sonntagnachmittags der Frau Dr. Sawade in deren Salon beim Kaffee erzählt:

 

 

        »Es war der Winter, bevor ich sechs Jahre alt wurde«, erzählte er, »es hatte noch nicht geschneit, nur die Erde war frosthart. Ich wollte drei Dörfer weiter, eine Brieftaube holen, die mir ein Bauer versprochen hatte. Meine Mutter versuchte, mir den Weg durch den grauen Novembernachmittag auszureden, und meine Schwester machte mir angst: ›Es wird schneien‹, sagte sie, ›und du wirst müde werden. Es wird kein Weiterkommen sein im Schnee, du wirst dich auf einen Baumstamm setzen, einschlafen und erfrieren.‹
        Der Vater kam und fegte die Einwände von Mutter und Schwester hinweg. ›Er muß sich erproben‹, sagte er, ›laßt ihn sich erproben!‹
        Und ich ging, und ich passierte zwei Dörfer und kam in das dritte Dorf, und dort erhieltich meine Brieftaube, wie versprochen, und ich steckte die Taube in ein Tragnetz und machte mich auf den Heimweg. Als ich wieder im Hochwald war, begann es leise zu schneien, und die Angst, die mir meine Schwester eingeredet hatte, kroch hervor, und obwohl die Schneedecke noch ganz dünn war und meine Füße nicht im mindesten am Weiterkommen hinderte, spürte ich, wie sich eine Gliederschwere auf mich herabsenkte, und ich fing an zu beten: ›Lieber Gott, laß mich nicht erfrieren!‹ Während ich betete, fiel mein Blick auf die Breiftaube im Tragnetz, ihr Gefieder war blau gehämmert, und sie sah mich mit ihren bernsteingelben Augen an. Es war die Zeit, da ich noch mit Tieren sprach, und da mich alle Tiere noch verstanden, und ich sagte zur Taube: ›So gern ich dich hätte, liebe Taube, aber jetzt laß ich dich frei und fliegen, und sag oben in den Höhen Bescheid, daß sie aufhören mit dem Schneien!‹
        ›Hu‹, sagte die Taube, und ich ließ sie fliegen und sah ihr nach, bis sie in den blaugrauen Wolken verschwand, und eine Weile später hörte es auf zu schneien, meinen Füßen gings wieder gut, und ich marschierte mit dem leeren Netz heimzu.
        ›Ich erblicke nur ein Netz‹, sagte meine Schwester, ›wo ist die Taube?‹
        ›Ich ließ sie gegen den Tod anfliegen‹, antwotete ich, und die daheim sahen sich an und verstanden mich nicht.«

Erwin Strittmatter: Der Wundertäter. Dritter Band. S. 42 f.
4. Auflage 2003 Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin
© 1973 Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, DDR. ISBN 3-7466-5429-7

 

 

Jede hat wohl eine Zeit, in die sie an Wunder glaubt (jeder auch). Stanislaus' Zeit endete, wie ich bisher las, wohl doch nie, und so ist es auch mit der meinigen. Ich glaube noch immer daran, daß Unerwartetes, Gutes, Notwendiges einfach so, ohne Voraussetzung einer Bedingung, eintreten kann. Immer, überall, jederzeit, andernorts. Ist dieser Glaube kindisch oder kindlich oder gar realitätsfremd? Was aber, wenn solche Wunder zu meiner Realität dazugehören (ich erinnere mich an die “Bestellungen an das Universum” ganz am Anfang hier im Blog)?

Ich glaube ja, daß das Glauben an Wunder mir mein Leben lebenswerter macht. Daß es ohne diesen Glauben eher noch dystopischer, langweiliger, niederschmetternder würde. Also habe ich mir ganz tief drinnen in mir ein kleines Quentchen des Wunderglaubens erhalten (ich glaube ja auch noch immer und immer wieder unbeirrbar an das Gute im Menschen und an die Weihnacht). Das aufzugeben, abzulegen, das irgendwann nicht mehr zu haben ist für mich unvorstellbar.

Und wißt ihr was: Ihr da draußen, ihr Leserinnen und Leser und andere Varietäten, ihr helft mir immer wieder dabei. Ich danke euch dafür.

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das täglich ab 21 Uhr (des Vorabends) bei der Versteigerung von #hand2hand tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.
 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 30.11.2019 waren positiv Lesefortschritt im Wundertäter, Bratwurst aus der Pfanne, lange Zeit in der Badewanne.
 
Die Tageskarte für morgen ist IX – Der Eremit.

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Über Der Emil

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3 Kommentare zu Nº 334 (2019): Ich mag nicht “nacherzählen”

  1. wildgans sagt:

    Eine gute Geschichte!
    Warum ging dir grad diese so sehr im Kopf herum? Sicher auch während der langen Wannensession…oder?
    Gruß von Sonja

  2. Corinna sagt:

    Lass dir deinen Glauben, deine Hoffnung nicht nehmen! Ich glaube auch daran, dass guten Menschen immer mal wieder Gutes geschieht.

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