Nº 384 (2019): Drei Stunden Live-Übertragung

Dreißig Jahre nicht komplett gesehen, erst heute wiedergefunden.

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Ich weiß es wirklich noch ganz genau: Heute vormittag, mittag vor genau 30 Jahren, also am 4. November 1989, saß ich vorm Fernsehgerät in der POS Frohnau (der Ort mit dem Hammer war damals noch selbständig) unterm Dach in der Hausmeisterwohnung. Es lief ein Sender des Fernsehens der DDR (elf99?), der live von der Demonstration in Berlin, Hauptstadt der DDR, übertrug: Die ganze Kundgebung auf dem Alexanderplatz sah ich mir an. Was das für ein Gefühl war? Es fühlte sich an, als könnten wir Bürger der DDR das Land zum Besseren verändern, eine Gesellschaft mit menschlicherem Antlitz schaffen. Wenn ich bedenke, daß selbst die großen westlichen Geheimdienste an diesem Tag zum ersten Mal Bilder von Generaloberst (damals schon a. D?) Markus Wolf, Chef der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik sahen. Wenn ich an die Sätze von Christa Wolf, Ulrich Mühe, an die Lieder von Kurt Demmler und Annekathrin Bürger denke, dann habe ich noch heute eine Gänsehaut, ein Gefühl des Aufatmens und der positiven Ungewißheit, daß sich alles nun doch zum Besseren wenden könnte.

Ja, ich habe tatsächlich entdeckt, daß dieses Viedeo zumindest den größten Teil der Kundgebung wiedergibt und hoffe, daß es nie depubliziert wird:

 

 

Ich weiß, es ist fast drei Stunden lang. Und das eingeblendete Logo ist nicht das der übertragenden Fernsehanstalt, denn das war wirklich noch Fernsehen der DDR. Heute Nachmittag hab ich mir als einer der Hierbleiber das ganze Video wieder angesehen, komplett – das war mir bisher noch nicht möglich. Aber heute. Und da war dann heute die Enttäuschung in mir, daß das, was zu dieser Demonstration und Kundgebung, auf dieser sozialistischen Protestdemonstration gewünscht, gehofft, gefordert wurde, nach nur wenigen Tagen unmöglich geworden war.

Heute, heute geht das Kapital über alles, genau so, wie es Marx beschrieb. Sogar die Gesundheit ist kapitalisiert, oder wie wird es genannt, wenn gesetzlich festgelegte Pflichbeiträge zur Krankenversicherung (und Pflegeversicherung) von den Krankenkassen (und der Pflegeversicherung) an Unternehmen gezahlt werden und in diesen Unternehmen (Klinik-AGs u. ä., Medikamentenhersteller etc. etc. p.p.) die Gelder zu einem Gutteil als Gewinn der Unternehmen verbucht (und an Anteilseigner ausgeschüttet) werden? — Was keinen monetären Gewinn abwirft, ist nichts wert, das merken doch fast alle Menschen heutzutage. Und sobald jemand von Sozialismus (neuer Art) spricht, springen all die Beißreflexe an, die bei faschistischen, nationalsozialistischen, rechstextremen, antisemitischen, rassistischen Äußerungen aus Richtung der Allianz für Dummpfbacken und der Chöre Dreister Unfugschwafler in den Reihen unserer Politiker, Redakteure, Journalisten, Nachbarn(?) so schmerzlich vermißt werden. Pfui!

 

Stellt euch vor, die Gesellschaft ist wieder für den Bürger da; der Bürger hat wieder seine Bürgerrechte und ist nicht mehr nur Verbraucher und Wähler und Sozialschmarotzer. Stellt euch vor, alle Bürger des Landes achten zuerst auf solidarisches Wohlergehen aller Bürger des Landes, leisten dazu ihren Beitrag im Rahmen ihres Vermögens (monetär und handelnd). Stellt euch vor, Kliniken, Wasserversorgung, ÖPNV, Energieversorgung, Post und Telekommunikation sind wieder originäre Aufgaben der Staatlichen Daseinsfürsorge. Stellt euch vor. Nur mal kurz.

Glaubt ihr, daß Menschen, die sich ohne Zwang zum “Geldverdienen unter allen Umständen und zu allen Bedingungen” mit einer Sache beschäftigen, weniger leistungswillig und leistungsfähig sind als solch Menschen, die bei Strafe ihres wirtschaftlichen und sozialen Unterganges zu Beschäftigung womit auch immer gezwungen sind?

Nein?

Willkommen im Club. So unmöglich erscheint euch ein Sozialismus nicht …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen (und Ansehen vielleicht).

Der Emil

P.S.: Am 04.11.2019 waren positiv der Einkauf, die drei Stunden Aufzeichnung anzusehen, .
 
Die Tageskarte für morgen ist der König der Kelche.

© 2019 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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11 Antworten zu Nº 384 (2019): Drei Stunden Live-Übertragung

  1. Sofasophia sagt:

    Einzig das „wieder“ stört: Denn, ehrlich, (wann) war es denn wirklich mal so?

    Und ja, diesen Sozialismus erträume ich auch.

    Danke fürs Aufschreiben!

    • Der Emil sagt:

      Ich hoffe, daß es zu Helmut Schmidts Kanzlerschaft so war, daß die Gesellschaft mehr für den Bürger da war als heute, daß damals noch mehr Soziales in der sogenannten Marktwirtschaft (übrigens aus der gesamten Gesellschaft heraus) enthalten war. So erinnere ich mich jedenfalls der Erzählungen der Westverwandtschaft, die später über das Nachlassen des Sozialen unter Helmut Kohl berichteten … Von daher kam mein wieder (und von der größeren Solidarität der Menschen miteinander in der DDR)

      • Sofasophia sagt:

        Ich guck grad Preis der Freiheit auf zdf und hab „The Girl with the red balloon“ gelesen. Beides Geschichten kurz vor Mauerfall. Bin mir der Einseitigkeit natürlich bewusst, aber das mit der „Linientreue sonst Knast“ geht für mich eigentlich gar nicht unter Demokratie.

        Du siehst mich nachdenklich, denn Kapitalismus hat als System ebenso versagt wie der diktatorische Kommunismus.

        Vielleicht war es unter Schmidt wirklich besser? (Da hatte ich noch weniger den Blick über meine CH-Landesgrenzen geworfen als heute.)

        Es braucht neue Ansätze. Dringendst.

        • Der Emil sagt:

          Auch das „Linientreue oder Knast“ war für die Mehrheit der DDR nicht wirklich so. Da mußte schon irgendjemand gewaltig ausgetickt sein …

          Berufsverbote gab es in der BRD übrigens auch und „politische“ Gefangene …

          Ja. Neue Ideen müssen her und umgesetzt werden, insbesondere solche, die nicht die Verluste der Wirtschaft auf die Bürger (Steuerzahler) verteilen, sondern diese zuerst bei den Verantwortlichen wieder beizutreiben versuchen zB.

          • Sofasophia sagt:

            Letztlich funktioniert ja auch Kapitalismus nur bei „Linientreue“ …

            [Manche DDR-Dinge lassen sich aber beim besten Willen nicht schönreden: Die Reise(un)freiheit zB. (Und sag jetzt bitte nicht, dass du das eh nicht wolltest).

            Ich rede auch die BRD und die Schweiz nicht schön. Wie gesagt: Der Kapitalismus ist auch kaputt.

            Was ist Freiheit wirklich?

            Deine Ansätze finde ich gut.

            • Der Emil sagt:

              Nur soviel: Ich hatte einige Verwandschaft im Westen und wäre gern hingefahren. Allerdings gab es da eben die Gesetze, die Regelungen und — so blöd das klingt — meine Heimat, die ich nicht verlieren wollte. Trotz der Probleme, die ich mit dem Austritt aus der SED 1987 bekam und hatte, zwei Jahre vor der Wende.

              (Da waren ganz viele innere Dinge, die vom allgemein sicheren Außen bedingt waren. Und das machte auf eine andere Art frei. So, wei heute die Unsicherheit eher unfrei macht.))

  2. Gudrun sagt:

    Nach solchen neuen Ideen habe ich immer gesucht, aber irgendetwas ist zerbrochen in mir in den letzten zwei Jahren. Aussteigen, ganz austeigen, das wollte ich dann, aber da hat mir die gesundheitliche Gegebenheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Anpassen, Leistung bringen, nur dann etwas verdienen – ich mag das alles nicht mehr hören. Ist das nun persönliches Versagen, wie man es einem oft einreden will? Oder finde ich einfach nicht den Ort und die Menschen, um in Ruhe leben zu können und das tun zu können, was ich eben kann?
    Ich bewundere dich, dass du dir die dreistündige Doku angesehen hast. Ich hätte es nicht gekonnt.

    • Der Emil sagt:

      Perönliches Versagen? Nun, da dieses „Versagen“ ausschließlich an Monetarisierbarem festgemacht wird, ist es alles mögliche, aber kein Versagen.

      Meine Idee, irgendwo „auf dem Land“ (am Rande einer größeren Stadt) eine Art Hof-WG zu suchen/zu gründen, in der solidarisch und menschlich meiteinander gelebt werden kann, wird immer akuter.

      • Gudrun sagt:

        Meine Sehnsucht danach wächst auch. Ich beobachte gerade, was in Pödelwitz geschieht. Das Dorf soll vor dem Wegbaggern gerettet werden. Aber würden wir das schaffen, nochmal ganz von vorne anzufangen? Ohne fettes Konto und nicht mehr jung?
        Mein Sohn und sein Kumpel bauen im nächsten Jahr den Brunnen am Haus des Kumpels in Nordeuropa. Der Kumpel hatte dort lange mit seinen Eltern gelebt, ist erst nach dem Tod seines Vaters nach Deutschland zurück. Solten sie auswandern, soll ich mit. Warum? Weil ich Brot backen kann und die Hühner pflegen, Garn machen und warme Socken stricken … Ich weiß nicht, ob ich da leben wöllte, Mut gemacht hat mir der Spruch aber schon.

  3. Karsten Seel sagt:

    Auch unter Schmidt war es Kapitalismus … Und beim „sozialen“ – bis hin zu Tarifen und Lohnverhandlungen – saß die DDR mit am Tisch. Mit Kohl begann die Ära des Neoliberalismus auch in der BRD, den Schritt dahin vollendete dann nach Schmidt der nächste SPD-Kanzler.

    • Der Emil sagt:

      Also hat das „Verschwinden“ der DDR den Verlust des Sozialen aus der sozialen Marktwirtschaft begünstigt und beschleunigt …?

      Ehrlichen Dank für den Hinweis auf das damals zu Bedenkende.

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