Nº 304 (2019): Reformiert euch

Ein paar Gedanken zum heutigen Feiertag.

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Reformationstag 2019. Der Tag, an dem der Überlieferung nach ein (später ehemaliger) Augustiner-Mönch vor 502 Jahren ein Pergament oder ein Papier an eine Kirchentür in Wittenberg genagelt haben soll. Martin Luther, der maßgeblich an der Entwicklung der Deutschen Sprache und der Deutschen Schriftsprache beteilig war, war aber als Mensch nicht unfehlbar. Und ein Kind seiner Zeit. Ja, damals war Antisemitismus auch schon weit verbreitet. Aber: Luther jetzt darauf zu reduzieren und gleichzeitig es noch nicht geschafft zu haben, den Antisemitismus so ad absurdum zu führen, daß ihm und seinen Vertretern/Verfechtern niemand mehr auf den Leim gehen kann …?

Übrigens hat Martin Luther wohl den Anstoß gegeben zur Reformation, aber er vollbrachte sie nicht allein. Er brauchte Menschen, die im Denken aufgeklärt waren, die trotz aller Widersprüchlichkeiten an den Dreieinigen Gott (Vater, Sohn und Heiliger Geist) glaubten, und gleichzeitig mußten diese Menschen bereit sein, an einer Veränderung der sich gottgegeben glaubenden Institution Kirche mitzutun. Ich als getaufter Evangelischer Christ feiere heute also den Beginn der Reformation, der Umgestaltung der Kirche, nicht aber die Spaltung der Kirche. Ich feiere heute, daß im Evangelischen Glauben der Mensch im Mittelpnkt steht und Glauben nur aus ihm heraus entstehen, sein und wirken kann. So habe ich den Kern der Lutherischen Kirche verstanden; und so bin ich auch der Meinung, daß die Existenz der Institution Kirche vielleicht hilfreich in vielen Gebieten des Leben sein kann, aber nicht notwendig für den Glauben ist.

Ob das, was ich hier schrieb/schreibe, kirchentheoretisch richtig ist, weiß ich nicht. Ich folge da einfach mal den Empfehlungenen anderer und meinem Empfinden: Glauben kommt aus dem Menschen, den Gott beseelt. (Und es geht hier die ganze Zeit nur um den religiösen Glauben.)

 

Was ich heute nicht feiere? Halloween. All Hollows Eve (den Abend vor Allerheiligen). Auch nicht Samhain. Nein. Wobei Samhain ja wie Beltane ein Mondfest ist und nicht an einem kalendarisch festgelegten Tag begangen wurde (?), sondern am 11. Neumond im heute üblichen Kalenderjahr, und der ist eben nicht immer, sondern sogar eher selten am 31. Oktober … Und Halloween scheint mir, wie Valentinstag, zu sehr auf Kommerz und Verbrauchernepp ausgerichtet. Ach ja, und Gottesdienst in einer Kriche habe ich heute auch nicht gefeiert.

 

Oh. Jetzt habe ich hier einfach meine Gedanken … Jetzt bin ich ja angreifbar. Jetzt kann ich vielleicht einen Shitstorm erwarten, eine Blockierorgie. Ich habe ja den Antisemitismus Luthers “verteidigt”. Und die Neuheiden, die Samhain in der Nacht vom 31.10. zum 01.11. feiern, nicht genug respektiert. Und überhaupt: Was haben Gott und die Kirche in einem Blogbeitrag zu suchen? — Reformation. Neuaufstellung. Neuformung. Neusein. Neudenken.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 31.10.2019 waren positiv das rechtzeitige Loskommen, das gute Ankommen, Nudeln zum Abend.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zehn der Stäbe.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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5 Antworten zu Nº 304 (2019): Reformiert euch

  1. Gudrun sagt:

    Nein, du hast nicht den Antisemitismus Luthers verteidigt. Du siehst ihn in seiner Zeit, setzt dich mit ihm auseinander. Das finde ich gut.
    Neumond war am 28. Oktober. In der alten Zeit ging es nicht um einen bestimmten Tag oder eine bestimmte Urzeit. Man setzte sich zusammen, wenn Zeit war, wenn die Ernte eingebracht war und wenn es einfach passte. Um die Aufgaben im neuen Jahr ging es und was das letzte gebracht hat, wer Hilfe braucht, … Und man gedachte der Ahnen.
    Ach, Emil, wie und was man jetzt feiert oder ob und wie man seiner Ahnen gedenkt, ist sicher verschieden. Ich finde, verschieden dürfen wir auch sein. Und wir können auch darüber schreiben. Warum sollte es einen Shitstorm darum geben?

    • Der Emil sagt:

      Ach Gudrun. Wer den Luther nicht komplett verteufelt wegen seines Antisemitismus‘ ist ja selbst ein Antisemit (Wer nicht für uns ist, ist gegen uns! — immer häufiger bei Twitter zB).

      • Gudrun sagt:

        Ich weiß. Und wenn man fragt, ob sie mal was gelesen haben von Luther oder, was sie sonst so wissen, kommt meist nicht viel.

  2. castorpblog sagt:

    Welcher Shit soll denn da stormen, das hast du in ganz ordentlichem Selbstbekenntnis geschrieben, dabei lässt du noch Luft für anderes, das gefällt mir.

    • Der Emil sagt:

      Ich hab es ja auch extra so geschrieben, daß normalerweise kein Mißverständnis aufkommen solllte. Aber immer häufiger — siehe meine Antwort an Gurdrun.

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