Nº 094 (2019): Beobachtung in einem Soziotop

Die Eckkneipe “Ehrliche Lüge”.

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“Ehrliche Lüge” wäre der Wunschname für (m)eine Eckkneipe, in der ich gerne hinterm Tresen stände.

Es gibt sie meiner Meinung nach tatsächlich, diese namensgebenden ehrlichen Lügen. Vielleicht ist die häufigste ausgesprochene ehrliche Lüge “ich liebe dich”. Die anderen sind zum Beispiel die Geschichten, die die Stammg­äste über sich erzählen und die, die der Wirt über sich und seine Kneipe erzählt. Was glaubt ihr denn, wieviele der Anekdoten wahr sein können? Und wieviele der Katastrophen, ernsthaft, können denn wirklich in diesem eng begrenzten Soziotop der Eckkneipe (und ihres Umfeldes, natürlich) geschehen sein? All das sind doch ehrliche Lügen. Die erzählt werden müssen, um das Interesse aufrecht­zu­er­halten: an der Kneipe, am Wirt und an den anderen Gästen. Und auch an Bier, Würstchen mit Brot und Sauerkraut und an Schnaps und Kaffee. Selbst bei den Skatspielern ist die ehrliche Lüge eine Art von Pflicht. Beim Reizen, beim Drücken, beim Schnippeln und beim Reinbringen. Manchmal wird einer der Skatspieler beim “richtigen” Schummeln erwischt: beim Überreizen, beim Falschbedienen, oder in einem Null-Spiel. Das ist das Ehrenrührige: das Dabei-Erwischt-Werden. Denn ehrliche Lügen sind solche, bei denen niemand den anderen wirklich ertappen will. Sie sind so schön und willkommen, daß ihre Illusion von allen gemein­schaft­lich gehegt und gepflegt wird. Wer sich erdreistet, eine der ehrlichen Lügen aufdecken zu wollen, schließt sich damit aus aus dem Soziotop der Eckkneipe, aus der Gemein­schaft, deren Existenz von eben diesen ehrlichen Lügen abhängt. Welcher Stammgast ohne interessante Geschichte ist denn gern gesehen? Gibt es solche Stammgäste überhaupt? Und welche Wirtin, welcher Wirt kann denn ohne ein paar ehrlichen Lügen für seine Gäste eine Eckkneipe wirklich am Laufen halten?

Ich seh' das Schild vor mir, das an meiner Eckkneipe hängt. Und jeder, der eine neue ehrliche Lüge mit hereinbringt, ist gerne gesehen. Für eine besondere ehrliche Lüge gibt es ein Bier auf Kosten des Hauses. Aber um eines bitte ich euch alle und eines verspreche ich euch: In der Eckkneipe “Ehrliche Lüge” wird niemand von niemandem und auch nicht vom Wirt beschissen. Außer – vielleicht! – beim Skat. Und beim Schwindel-Mex.

 

 

(Vorm Einschlafen gestern notiert, weil mir da dieses Konzept der ehrlichen Lüge zu schaffen machte. Auch heute noch trieb es mich um.)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 04.04.2019 waren positiv ein doch noch gekauftes Werkzeug, ganz in Ruhe genossener Tee, “enttarnte” Lügen.
 
Die Tageskarte für morgen ist das As der Stäbe (ups?).

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Über Der Emil

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15 Antworten zu Nº 094 (2019): Beobachtung in einem Soziotop

  1. Gudrun sagt:

    Wenn du deine Kneipe hast, dann komme ich freiwillig und unentgeldlich zum Aufwaschen. Und das ist gar keine Lüge.

    • Der Emil sagt:

      Dabei mach ich das doch auch gerne!

      Nein, ich darf ja nicht mehr selbständig tätig sein. Aber wenn Du eine aufmachst, dann schmeiß ich die als Zapfer!

  2. Sofasophia sagt:

    Ambivalent bin ich. Die Geschichte hat was.

    Aber wohlfühlen würde ich mich dort nicht. Ich kann das nicht, dieses ehrliche Lügen. Selbstverarschung schon, klar, die unbewusste Lüge. Aber alles vorsätzliche, theatralische oder aus falscher Rücksicht kann ich nicht.

    Besonders „ich liebe dich“ geht nicht, wenn ich es nicht genau so genau jetzt fühle.
    Ich bin da wohl nicht ganz normal (ist vielleicht Teil meiner Zwangsstörung).

    • Der Emil sagt:

      (Da hatte ich das Richtige ja schon getan.)

      Vielleicht ist das Wort „Lüge“ nicht wirklich das richtige. Vielleicht sind es die erfundenen, aber so möglichen und grundehrlich wirkenden Geschichten? Also auch meine Geschichte, die ich „Fremden“ immer nur ein wenig bereinigt, korrigiert erzähle? Ich weiß es nicht …

      Und warum ich das „ich liebe dich“ hier anführe: Im Moment des Aussprechens fühle ich wahrscheinlich etwas, das dem sehr, sehr, sehr nahe kommt, eine überwältigende Verliebtheit mit Sehnsucht und dem Willen nach Bestand des Momentes – aber das ist doch nicht wirklich Liebe? Oder?

      Im Nachsatz gestehe ich ja, daß mich die zugrundeliegenden Gedanken noch umtrieben; und sie beschäftigen mich weiter, das weiß ich.

      • Sofasophia sagt:

        Was Liebe wirklich ist? Wer weiß das schon so genau. Aber für mich gehört zu diesem Zustand (Gefühl, Vereinbarung, Entscheidung) unbedingt größtmögliche Aufrichtigkeit mir gegenüber. Wenn ich dieses Bedürfnis, das für mich Indikator oder Ausdruck von Liebe ist, nicht habe, bringe ich „ich liebe dich“ nicht über die Lippen. Oft sage ich es weniger, als dass ich es mit Handlungen ausdrücke (füreinander da sein, sich unterstützen). Hm.

        • Der Emil sagt:

          Im Moment fühlt es sich auch aufrichtig und exakt zutreffend an, dieses „ich liebe dich“, in genau dem Moment. Aber es gab in meinem Leben mehrere solche Momente, bei denen es sich wenige Stunden oder gar Tage danach eben nicht mehr so ehrlich anfühlte … Kann sein, daß das bei männlich geprägten Menschen anders ist als bei weiblich geprägten Menschen?

          • Sofasophia sagt:

            Das dachte ich auch schon. Mag sein.
            Vorhin, im Wire-Gespräch mit dem Liebsten, festgestellt, dass es vor allem eine innere Haltung (ein Mix aus Momentaufnahme und Langzeiterfahrung) ist, die es mich sagen lässt …

  3. Lüge gehört ehrlich zum Menschsein, es geht nicht anders. Der Mensch möchte wenigstens in der Kneipe glänzen, zuhause steht er dann evtl. wieder unterm Scheffel.

  4. frauholle52 sagt:

    Ich würde in Deiner Kneipe damit auftrumpfen, dass ich alles mir mögliche für den Umweltschutz tue. Und dass ich keine Vorurteile habe. Und dass ich die ehrlichste Haut der Welt bin.

  5. fata morgana sagt:

    „Ehrliche Lügen“ – ich mag das Wortspiel. Die Welt ist voll davon, sie gehören zum Alltag und so manches Mal geben sie ihm die angenehmen Farbkleckse.

  6. fata morgana sagt:

    Ja, lach wie heute am Morgen, Als ein Bewohner sich nach drei großen Schnitten, heimlich noch eine vierte nahm…es ihm aber keine Ruhe ließ und er es mir kurz darauf erzählte.

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