(2018: Nº 343) Das 9. Türchen. Zweiter Advent.

Wie es in der Kirche vielleicht zugehen wird.

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für all jene, die Hoffnung brauchen.

 

 
Was wollen die bloß?

»Was woll'n die bloß alle?« Der alte Nowak murrt. »Soll'n sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst! Das ganze Jahr über kommen sie nicht. Und am Heiligabend dieses Gerenne!«

Der alte Nowak vom Kirchenvorstand ist ein Weihnachtsmuffel und Weihnachtspurist. Er möchte das Fest pur haben – »schlicht biblisch, wissen Sie« –, ohne das, was bei uns üblich ist, sonst am liebsten gar nicht. Schon der Wald von Lichterbäumen mit ihren aberhundert Kerzen, elektrischen und »lebendigen«, rechts und links des Altars geht ihm gegen den Strich, und neuerdings macht er ökologische Rechnungen gegen den Massenmord an Nadelbäumen auf. Zu dem großen Stern aus Glühbirnen in der Kuppel sagt er »Zirkus«. Weihnachtslieder können ihm gar nicht archaisch genug sein. Bei Stille Nacht kriegt er Krämpfe, und Zu Bethlehem geboren, obwohl alt genug, ist ihm viel zu weich und zu süß.

Die Kirche – Dorfkirche kann man zu diesem Riesending nicht gut sagen – ist in dieser Vorabendstunde wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie quillt über. Und das heute schon zum zweiten Mal. Denn vorausgegangen ist die erste Vesper mit dem Krippenspiel; sie stand im Zeichen der Kinder, da ging es lauter zu. Auch jetzt haben sie Kinder mitgebracht. Aber Geraune hin, Gehüstel her, einzelne Kleinkinderstimmen, Suche nach Plätzen doch noch irgendwo (die Chorsänger haben ihre Sitze längst preisgegeben): es ist eine merkwürdige Stille um diese Stunde.

Was wollen die nur alle? – Je nun, lieber Nowak, ich mache mir auch Gedanken. Man könnte ja fragen. Stellen Sie sich doch in den Vorraum – am schicksten wirkt das immer mit einem Mikrophon in der Hand –, fragen Sie alle: Leute, warum kommt ihr? Was erwartet ihr hier? Was zieht euch her? Aber ich zweifle, daß dabei etwas herauskommt – außer daß sie es selber nicht richtig sagen können.

Die Tradition allein ist es nicht. Die steht bei uns hier nicht hoch im Kurs und erklärt auch nicht, warum der Zustrom in den Jahren zugenommen hat, statt allmählich nachzulassen. Die Predigt ist es auch nicht. Die Frommen freuen sich, wenn sie »was taugt«. (Wenigstens hat er die Gelegenheit nicht verpaßt!) Die anderen nehmen sie gutwillig in Kauf. (Gehört ja dazu!) Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas? Ehrlich gesagt, lieber Nowak, ich vermute, die meisten hören sie, wie sie Dornröschen hören oder Hänsel und Gretel; machen wir uns keine Illusionen!

Aber die Lichter. Aber die Lieder. Die Lieder wollen  sie. Wenn sie die hören, sind sie daheim. Bei Mutter. Auch wenn Mutter längst tot ist. Und wenn sie mitsingen, merken sie, daß sie doch nicht ganz daheim sind; denn nach der ersten Strophe müssen sie ins Buch gucken. Aber die Lieder wollen sie. Und seien Sie nicht so pingelig, Nowak! Stille Nacht – ob's uns gefällt oder nicht – gehört für sie einfach dazu, auch heute.

Und die Lichter. Das mit den Lichtern ist mir das Seltsamste. Da sitzen sie, Männer und Frauen – und natürlich die mitgebrachten Kinder –, sitzen und starren hinein, die ganze Zeit über, in die Lichter vor diesem großen Dunkel, das mir in jedem Jahr tiefer vorkommt, denen vielleicht auch. Mir steigt etwas in die Kehle, wenn ich sehe, wie sie in die Lichter starren. Ich sage Ihnen: Die suchen das Licht hinter den Lichtern, sie wissen's bloß nicht. Vor allem: Sie wissen's nicht zu sagen. Sie müssen's ja auch nicht. Die müssen jetzt gar nichts.

Und dann ist da noch der Duft. Spüren Sie den? Dieser eigentümliche Duft, der von den Kerzen kommt und von den Bäumen und in dem noch was ist, das meine Nase nicht herauskennt. Dieser Duft, der sich bis in die Häuser fortsetzt, aber da vermischt er sich schon mit anderem. Sie wittern ihn – und ich sage Ihnen: Sie wittern darin einen Duft hinter dem Duft, von – ja, woher denn? Vielleicht aus dem Paradies.

Ach, Nowak, lächeln Sie mich nicht so spöttisch an! Helfen Sie mir lieber! Ich suche da einen Ausdruck, der steht in der Bibel, ich weiß es bestimmt … Halt! Ich hab's: »nicht mit Händen gemacht«.

Nun schütteln Sie den Kopf, sagen: Die sollen nicht starren und nicht schnuppern. Die sollen, wenn sie schon mal hier sind, in den Säckel greifen und was rausrücken, damit einer weniger verhungert in der Welt.

Tun sie ja, Nowak, tun sie ja. Und nachher wird es vor der Krippe liegen. Wie in jedem Jahr. Aber ich sage Ihnen: Die sind nicht deshalb gekommen. Eigentlich wollen sie etwas anderes.

 

Joachim Dachsel: Zwischen Hammer und Nagel. Miniaturen und Feuilletons. S. 44
© 1988 Evangelische Verlagsanstalt GmbH Berlin (DDR). ISBN 3-374-00557-8
 
 

 

Ich hab das Büchlein schon lange. Ich lese seine Geschichten immer mal wieder (so wie ich Christa Wolfs “Kein Ort. Nirgends” immer wieder komplett lese), immer mal wieder eine. Und diese. Und die mit Sülze und Rührkuchen. Aber die hier öfter. Weil es für mich darin nicht um Kirche geht. Sondern um die Suche der Menschen. Deren Suche nach dem “mehr”. Nach dem Größeren. Die Suche der Menschen nach dem, was sie verloren glauben. Und die bringt viele zur Advents- und Weihnachtszeit eben auch auf den Weihnachtsmarkt und auch: in die Kirchen. In ein paar Tagen läßt sich das ja wieder beobachten. Ja, klar, diese Geschichte erscheint zwei Wochen zu früh …

Aber ich hoffe, die Menschen finden dann nicht nur den alten Nowak vor in diesen Kirchen, sondern auch so jemanden wie den anderen Protagonisten in Joachim Dachsels Geschichte (vielleicht ist es der Pfarrer, vielleicht jemand vom Kirchenvorstand, vom Presbyterium). Und vielleicht, vielleicht empfinden sie auch nicht diese zunehmende Dunkelheit allüberall. Aber hingehen und hineingehen, hingehen und hineingehen muß niemand von all den Menschen.

 

Euch allen wünsche ich eine Zeit vieler glücklicher Momente.

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

 
Ich kann in diesem Jahr keine besondere Aktion empfehlen, denn es gibt so viele, die der Unterstützung wert sind. Ich bin in diesem Jahr einer von den Menschen, die auf der Straße genauer hinsehen und dort helfen, wo Hilfe nötig und mir möglich ist.

 

Der Emil

P.S.: Das Gute am gestrigen 08.12.2018 waren eine erkleckliche Anzahl eingescannter Zettel, die Verbesserung, viel Schlaf.
 
Aussortiert habe ich gestern einiges Papier.
 
Die Tageskarte für heute ist das As der Schwerter.

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Über Der Emil

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8 Kommentare zu (2018: Nº 343) Das 9. Türchen. Zweiter Advent.

  1. Arabella sagt:

    Lammetachristen! Ich bin eine davon;-)
    Einen frohen 2.Advent für dich.

  2. Ulli sagt:

    Danke Emil für diese schöne Geschichte! Manche Menschen lassen sich eben doch noch von Weihnachten berühren, halten ein im Gerenne, das Jahr ein, Jahr aus wirkt, besuchen sogar die Kirche, spenden etwas und schauen die Lichter, denken an ihre Kindheit und wie es damals bei Mutter (und Vater) gewesen ist, stille Feierlichkeit, was sie wissen und was sie sehnen, das können wir nicht sagen, es ist vielleicht sogar jenseits aller Worte.
    Herzliche Grüße und dir einen friedlichen 2. Adventsonntag, Ulli

  3. Gudrun sagt:

    „Die Suche der Menschen nach dem, was sie verloren glauben.“ Auf der Suche sind wir wahrscheinlich alle.
    Ich war heute mit meinen Geschichten zur Hofweihnacht im Volkskundemuseum. Ein alter Mann war lange bei mir in der Küche, sah zu, hörte zu und sagte dann: „Ach, das war jetzt schön. Das hat mich an meine Kindheit erinnert und an meine Großmutter, die auch gesponnen hat.“ Das hat mich gefreut. Es ist mehr wert als alles Geld.
    Dir einen schönen Adventsabend, lieber Emil.

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