Auf einem Friedhof, wie jedes Jahr.
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Ewigkeitssonntag (evangelischer Kirchenfeiertag), im Volksmund eher Totensonntag (preußischer Staatsfeiertag seit 1816) genannt. Der letzte Sonntag im evangelischen Kirchenjahr. Wer heute über einen Friedhof ging, hat vielleicht gesehen, daß da Gräber nicht mehr besorgt werden. Ich habe hier in der Stadt nur drei Bekannte, keine Familienangehörigen, die auf zwei verschiedenen Friedhöfen liegen. Und so suchte ich mir wie seit Jahren schon für diesen Sonntag ein augenscheinlich nicht mehr betreutes Grab aus (weiß gar nicht, ob ich das hier schonmal erzählte). Vor ein paar Tagen war ich dort und habe den gröbsten Unrat heruntergenommen, vor allem herabgefallene Ästchen und Zweige. Heute am späten Nachmittag brachte ich ein paar Zweige Reisig (aus dem Wald geklaut) und ein Grablicht hin. Es sieht jetzt nicht mehr ganz so verloren aus auf diesem Grab. Und ein weißes Grablicht stellte ich heute auch wieder an das Sternenkindergrab.

Grablichte am Sternenkindergrab
Sehr dunkles Bild; vor den Bäumen im Hintergrund (schwarz sind sie schon in der Abenddämmerung) in der Mitte eine gerade noch zu erkennende, knapp zwei Meter hohe Stele, die obenauf ein stilisiertes Baby trägt, zu deren Füßen mehrere brennende Grablichter.
Ja, dort standen heute schon einige Kerzen. Überhaupt glaube ich, daß ich noch nie so viele Lichter brennen sah auf den Gräbern, wohlgemerkt auf einem städtischen, nicht auf einem kirchlichen Friedhof. Und beim Verlassen ergab sich noch ein kurzes Schwätzchen über das Was und Wieso meines Besuches mir dem Grablichtverkäufer, der seinen Stand gerade wegräumen und mir schnell noch etwas verkaufen wollte. Ja, er fragte wegen meines heute deutlich hörbaren erzgebirgischen Dialektes nach, den er erkannte. Die Gesprächseinleitung war wirklich etwas krude, doch dann rauchten wir beide eine Zigarette und unterhielten uns dabei.
Ansonsten habe ich heute sehr an die gedacht, die ich schon verloren habe. Den Sohn. Den Freund. Die Bekannte. Den Wirt. Den stadtbekannten ehemaligen Obdachlosen. An meine Großeltern dachte ich, an alle vier. Weder vom Sohn noch von den Großeltern existieren die Gräber noch. Auf einem Jüdischen Friedhof allerdings wird kein Grab jemals eingeebnet oder aufgelassen, weil dort die ewige Totenruhe bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes zugesichert ist. Doch ich brauche nicht unbedingt den Erinnerungsort Grabstätte, jedenfalls nicht die ganz konkrete Grabstätte; auf jedem Friedhof finde ich etwas, das mir Erinnerungsort für meine Verstobenen sein kann, das ist schon sehr, sehr lange Zeit so.
Morgen dann werde ich wieder beginnen, die Weihnachtsdeko zu entstauben, zu prüfen und zu reparieren, aufzustellen und anzuschließen. Meine Zeit des Jahres bricht an …
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 25.11.2018 waren die Erinnerung, der Besuch auf dem Friedhof, Fertiggeschriebenes.
Die Tageskarte für morgen ist die Königin der Schwerter.
© 2018 – Der Emil. Text & Bild unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ein schönes Ritual, welches du da hast.
Ich hab gestern Abend noch in den Kalendern geschaut und weiß jetzt wahrscheinlich, warum ich gestern mehr Kerzen sah: Oft war ich Allerheiligen/Allerseelen auf dem „Gottesacker“. Und in nichtkatholischen Gegenden wie hier ist das Kerzenmeer dort kleiner als am evangelischen Feiertag. Glaube ich.
Und ich dachte immer die Katholiken sind da fleißiger.
Zumindest hier kommt es mir so vor.
Das mag ja sein. Aber sie sind hier zahlenmäßig so sehr unterlegen, den echt Evangelischen und den Gesangsbuchchristen und den Nichtsoganzgläubigen (die Mehrheit der Menschen hier), daß allein deren Überzahl bei auch nur seltenem Kerzenaufstellen für ein wesentlich größeres Lichtermeer sorgt.
Das sah bestimmt wunderschön aus, in der Abenddämmerung.
Da stimme ich von ganzem Herzen zu!
Das freut mich. 😊
Ein bisschen Nächstenliebe würde jeden gut stehen.
Zündet Kerzen an in der dunklen Zeit, auf dass es und das Herz erhellt.
Ich brauche keinen Friedhof. Meine Toten sind in meinem Herzen!
So unterschiedlich sind wir Menschen. Ich liebe/brauche solche „Geländer zum Dranfesthalten“, solche Rituale, in ganz vielen Dingen.
Das ist ein sehr schönes Ritual, lieber Emil! Das Sternenkindergrabmal rührt mich. Danke fürs Zeigen!