(2017: 358) Das 24. Türchen am Heiligen Abend

Auf dem Hundesofa.

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für all jene, die Hoffnung brauchen.

 

 
Auf dem Hundesofa
 

Seit Jahren schon feiert er Weihnachten allein. Kocht nur für sich selbst ein Festmahl. Deckt aber immer für den unerwarteten Gast mit, obwohl zwei nie satt werden würden von dem, was auf den Tisch kommt. Und wie in jedem Jahr geht er nach dem Essen, nach dem Abwasch und nach ein paar Schlucken aus seiner Flasche in den nahen Wald. Er achtet darauf, daß alle Kerzen gelöscht sind, ehe er die Wohnung verläßt. Und er legt wieder drei, vier Scheite auf die Glut im Küchen­ofen, ehe er geht. Wie in jedem Jahr. Nur eines ist anders als all die Jahre zuvor. Er ist müde. Unendlich müde. Trotzdem hält er an der Tradition und an dem Ritual fest, am Christabend nocheinmal in den nahen Stadtwald zu gehen. Wie jedes Jahr. Er hat etwa eine Stunde Zeit dazu, wenn er den Anfang der Weihnachtssendung im Fernsehen nicht verpassen will. Aber das ist gut zu schaffen, da bleibt sogar ein wenig Zeit für ein paar Minuten einfach nur Dastehen und Hinsehen. Oft genug hat er da Tiere beobachten können, die an die Futterkrippe kommen. Deshalb liebt er ja den Schnee, der so hell ist, daß eben auch im Wald einiges zu erkennen ist, der Weg und die Tiere zum Beispiel.

Langsam kommt er sich vor auf dem Hinweg, aber dann ist er da. Lehnt sich an einen Baum und ist nur noch müde. Er versucht, die Krippe nicht aus den Augen zu verlieren, aus den Augen, die ihm doch nach kurzer Zeit zufallen. Ihm wird ganz warm.

Was ist das da für ein Tier an der Krippe? Das ist doch ein Hund! Er will aufstehen, aber: Es klappt nicht. Er will rufen, aber: Es kommt kein Ton aus seinem Mund. Und plötzlich ist die kleine Fichte neben der Krippe voller Lichtlein. Das kann nicht sein, das ist etwas, das ihm sein Hirn vorgaukelt. In dieser Kälte. Er las einmal darüber, daß solche Sachen geschehen, wenn Menschen erfrieren. Nun gut, dann ist es jetzt soweit. Er ist ja sowieso allein. Er wird niemandem fehlen. Und er muß nicht mehr einsam sein an solchen Tagen. Aber die Lichter an der Fichte bewegen sich, kommen auf ihn zu. “Hey Herr Nachbar? Was machen Sie denn da?” Vor seinen Augen flackert eine Taschenlampe. “Kommen Sie, stehn Sie mal auf”, sagt die Frau aus dem Erdgeschoß links. Die mit dem großen, haarenden Hund, der immer riecht, als sei er naß. Er mag das Tier nicht. Die Nachbarin zerrt an ihm herum. Er mag nicht aufstehen, ist so müde. Soll sie ihn endlich schlafen lassen.

 

Beinahe zwei Stunden später packen die Sanitäter und der Notarzt ihre Dinge wieder zusammen. Irgendwie haben die Frau und der Hund ihn doch aus dem Wald geschafft. Nach Hause. Nein, nicht in seine Wohnung, er sitzt, liegt halb auf einer Couch voller Hundehaare. Und gegen seinen Willen hatte diese impertinente Weibsperson den Notarzt gerufen. Aber er, er geht nicht ins Krankenhaus, nicht am Heiligen Abend. Und nach dem Tee, den sie ihm gemacht hatte, ging es ihm ja auch wieder so gut, daß er aufstehen und hinauf in seine Wohnung gehen wollte. Doch dieser Hund hatte ihn zurückgeschubst auf das Sofa, immer wieder. (Nein, der Hund sah nur seinen vergeblichen Versuchen zu, auf die Beine zu kommen. Der Hund hatte ihn tatsäch­lich nicht ein einziges Mal berührt.) Endlich sind die überflüssigen Retter weg. Er verlangt, jetzt endlich zu sich gebracht zu werden, doch die Frau denkt nichteinmal daran. Sie bringt ihm noch einen Tee, löscht das elektrische Licht. Nur noch der laufende Fernseher und ein paar Kerzen erhellen das Zimmer. Und die Lichter eines Weihnachtsbaumes, der wie sein eigener mit alt aussehendem Schmuck behängt ist.

Der Hund läuft am Baum entlang, bringt einiges Lametta in Bewegung; und es scheint ihm, als flackerten die Birnchen. Ihm fallen die Augen wieder zu, er ist noch immer so unsagbar müde. Deshalb spürt er es nicht mehr, als die Frau eine Decke über ihn legt, ihm das spärliche Haar aus dem Gesicht streicht. Und er hört auch nicht, wie sie zu ihm spricht: “Schlafen Sie. Heute Nacht passen wir auf Sie auf. Und ab morgen sehe ich öfter nach Ihnen. Denn Sie erinnern mich an jemanden. Davon erzähl ich ihnen morgen auch. Aber erst morgen.”

Er schläft tief und fest, atmet ruhig und gleichmäßig. Sie dreht den Fernseher leiser und krault den neben ihr sitzenden Hund zwischen den Ohren. Wäre der nicht ausgerissen, hätte sie nicht nach dem Tier gesucht. Dann hätte sie den Alten von oben nicht gefunden und der wäre bestimmt erforen. Sie hätte bis weit nach Mitternacht auch alleine vor der Flimmerkiste gesessen … Und nun, nun hat sie ein Weihnachts­wunder erlebt, ein ziemlich an ihren Nerven zehrendes. Aber sie hat es erlebt, erlebt es noch. Irgendwann löscht sie die Kerzen, schaltet das Fernsehgerät aus. Sie setzt sich in ihren Sessel, krault den Hund und beobachtet den schlafenden Alten. Dann fallen auch ihr die Augen zu an diesem Christabend. Sie hat keine Weihnachtskarte bekommen, nicht eine einzige, und auch kein Geschenk erhalten. Sie hat einen unterkühlten, einsamen alten Mann im Wald gefunden. Sie hat den zu sich nach Hause geschleppt, ihm die beiden Jacken, den dicken Pullover und zwei der drei Hosen ausgezogen. Sie hat ihn auf ihr Hundesofa gelegt, ihm heißen Tee eingeflößt. Sie hat gegen seinen Protest die Rettung angerufen. Sie hat ihm wohl das Leben gerettet, aus dem er sich davonschleichen wollte – aber wollte er das oder war es ihm nur egal?

Ihr war er nicht egal. Er erinnert sie an … Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt ist erst einmal Weihnachten. Und mit diesem Gedanken schläft auch sie vollends ein.

 

 

 

Oh. Plötzlich ist er zuende, mein achter Adventkalender hier. Ich danke euch allen, die ihr ihn gelesen habt, ganz oder teilweise. Ich danke Meg für ihre Aktion zugunsten des Heimatstern e.V. in München. Ich danke allen, die mir Weihnachtpost geschickt haben. Und da ist nochjemand, dem ich für die Advents- und Weihnachtszeit danke sagen möchte …

Habt gute Tage, ganz gleich, ob ihr Weihnachten oder Jul oder Midwinter feiert oder nicht. Gebt auf euch und auf eure Lieben acht.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

 

Der Emil

P.S.: Das Gute am 23.12.2017 waren relativ entspanntes Einkaufen, zwei Weihnachtstelefonate, das fast fertige Festessen für heute.
 
Die Tageskarte für heute ist XXI – Die Welt.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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0 Antworten zu (2017: 358) Das 24. Türchen am Heiligen Abend

  1. Lieber Emil.
    Für mich war es der erste Adventskalender, bei dir. Jeden Morgen habe ich ihn gelesen, ein schönes Ritual mit vielen tollen großen und kleinen Geschichten. Ich danke dir dafür. Ich werde es vermissen.

    Ich wünsche dir ein schönes Weihnachtsfest und ruhige Feiertage. 🎄
    Liebe Grüße, Nati

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  2. Ulli sagt:

    Lieber Emil, hab Dank für deinen 8. Adventkalender, auch für die heutige Geschichte, ich wünsche dir eine gute Weihenächtezeit, herzliche Grüße, Ulli


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  3. Sofasophia sagt:

    Du aber auch. Auf dich achtgeben meine ich. Bitte! Du bist es wert!


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  4. Follygirl sagt:

    Liebe WeihnachtsGrüße!!!
    ❤ Petra

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  5. sabeth47 sagt:

    Einen klaren zweiten Feiertag noch! Emil, ich möchte mich bedanken für deine Texte, an denen ich teilnehmen darf. Nicht erst am Jahresende, da kommt soviel Dank auf einen Haufen zusammen. Danke, Emil!

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