Frühmorgengedanken.

Ultreïa! Tag 5 – weit vorm und beim Aufstehen.

 

Um drei war ich wach: Irgendetwas hatte mich mehrfach ins Bein gebissen. Fenistil, irgendwo hatte ich Fenistil gesehen – aber das war wohl in Buchholz … Ein Mückenspray brannte höllisch auf den Stichen, linderte aber den Juckreiz. Zurück in den Schlafsack. Um 5.30 Uhr ein häßliches, gequetschtes Surren um mein Ohr, schemenhaft ein Insekt an der Wand, das ich verfehlte.

Also aufstehen, in die Küche der Pilgeroase setzen. Ein Haus, das jederzeit Menschen empfängt, die auf dem ökumenischen Pilgerweg unterwegs sind. Ein gastfreundliches Haus. Die Gastgeberinnen offen, zugewandt, einen Geist verkörpernd, den ich für in der Vergangenheit untergegangen hielt. Bei einem frischen Kaffee hänge ich meinen Plänen nach, die ich mir für meinen Weg machte: etwa 25 km am Tag sollten in meiner Phantasie ja gut möglich sein. Sind sie ja auch, wie ich drei Tage lang bewies. Doch wie fühle ich mich damit?

Manchmal habe ich den Eindruck, ich lasse mir zuwenig Zeit für die “Sehenswürdigkeiten”, die am Weg liegen. Denn weder habe ich in Bautzen noch irgendwo anders irgendetwas touristisch “Bedeutsames”, “Wertvolles” besucht. Drei Kirchenan einem Tag, irgendwann, vor drei oder zwei Tagen – ich weiß es schon nichtmehr, die Tage haben ihre Bedeutung, die Zeit ihre Macht (bur teilweise) verloren. Andererseits scheine ich viel zu viel Zeit mit Twitter und dem ständigen Blick auf OruxMaps zu vertrödeln, wobei mir die letztere mit einer Route des gesamten Weges allerdings immer wieder die Marschrichtung vorgibt/bestätigt. Viel zu wenige Fotos mache ich, so kommt es mir vor: Vorhin zum Beispiel ätte ich wunderschöne Tautropfen auf Lupinenblättern, den Herbergskater Moritz, Wolken und den Kirchturm der katholischen Pfarrkirche “St. Simon und Juda” knipsen können, aber nein!, ich habe all das nur staundend angesehen.

Und nun sitze ich – immernoch und schonwieder bei Kaffe – in der Küche, nutze das WLAN der “Putniska hospoda Chrósćicy” (so die Sorbische Bezeichnung) und sinne nach. Über mein Ziel Merseburg – oder Leipzig, über Vertrauen auf/in das Gute im Menschen, über geben und Nehmen, meine Wahrnehmung dessen, was am Wegrand liegt und meine Wahrnehmung meiner selbst und meines Tuns während des Gehens, während der Pausen, während der Abende. Nebenbei erwachen die “Mädels” und es ergeben sich Gespräche über Geschenke, die man, die auch ich ob der (nur von mir vermuteten oder befürchteten) erwarteten Gegenleistung nicht annehmen mag und über die Gründe dafür und über den (Zeit-)Punkt, an dem das alles begann. Und über das schlechte Gewissen, wenn die Ablehnung einer Gabe, einer Hilfe, eines Dienstes, eines Geschenks nicht möglich ist …

 

Morgens, kurz vor sieben, in der Küche eines wunderbaren Geschenkes geschrieben. Um 8.30 Uhr gibt es draußen im Garten Frühstück für alle. Es verspricht, ein sonniger, naja, hoffentlich regenfreier Tag zu werden …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs pilgert nachher weiter und dankt für’s Lesen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Frühmorgengedanken.

  1. sag Kai sagt:

    Oh, eine Spätfrühstücker-Herberge. In meiner Phantasie sind die Reisenden immer um 7 auf Strecke .. Aber da geh‘ ich wohl nur von mir Frühaufsteher aus.

    Ja, manchmal sollte Twitter nur von 6-8, 12-14, 18-20 und 22-00 Uhr funktionieren … 😉

    Schönen Wandertag bei angenehmem Wetter.

  2. irgendlink sagt:

    Lieber Emil, es tut so gut, Dich so zu lesen. Hab einen schönen, regenfreien Tag heute.

  3. Sofasophia sagt:

    Stellst du auch fest, wie sich konvetionelle Erwartungen/Ziele (Das musst du sehen, jenes musst du fotografieren) allmählich verändern?

    [Ich bin beim Sichten meiner Bilder überrascht, dass manche Bilder „fehlen“, dass sie nur in mir drin sind, unfotografiert. (Ist aber gut so …)]

  4. eckstein sagt:

    beim vorhergehenden text dachte ich ‚wie sehr sich der rhythmus des schreibens schon verändert hat.‘
    schneller, lächelnder, wacher scheinst du mir zu schreiben. (mein empfinden)
    beeindruckend, was du gier beschreibst. ich bin gespannt, wie dein tag heute ‚gelaufen‘ ist.

    ps: kokosfett hätte gut gegen das jucken geholfen. 🙂

  5. eckstein sagt:

    *hier* ohne gier natürlich

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