Egoexhibitionistischer Autovoyeurismus (98/267)

Unsortierte Gedanken zum Weg, ein Bild von mir zu schaffen

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Da stolperte ich doch gestern über einen sehr interessanten Text: Wirkt Wahres wirklich?. Ganz unkonventionell bitte ich alle, die gerade hier hereinschauen, genau diesen Text auch zu lesen. Jedenfalls begann ich dort einen Kommentar:

«Bloglesen als voyeuristisches Vergnügen – neuer Blickwinkel. Damit aber auch Blogschreiben exhihbitionistisch intendiert?! Huch!

Klar, es ist ja wirklich so. Doch noch exhibition- und voyeuristischer (darf ich das -istischer so abtrennen?) ist fakebock mir erschienen, da kommt nix wirklich ran 😉»

Und ich schrieb und schrieb und schrieb und schrieb – und dann schnitt ich den größten Teil des Textes aus und holte ihn hierher.

 

Es geht ums Selbstbildnis, um die Selbstdarstellung? Die heute inflationär auf uns einstürmen von allen Seiten? Ja, in diesem Internet (für manche jungen Leute scheint es nur aus fakebock zu bestehen und aus gockle) beobachte ich das Phänomen auch. Schnellschuß, unbedacht und unbedarft hinausgesch(m)issen in die Welt … Aber auch in diesem Internet gibt es Meister, wie es die Alten Meister der Malerei mit ihren Selbstporträts gab, wie es Knausgard mit seinen biografischen Schriften gab (gibt?) und Herrndorf. Wieviel Zeit und Arbeit stecken Flickr-rer in ihre Bilder? Soundclouder in ihre Musik? Wie lange sitzen all die Blogger an ihren Texten, bis sich der Betrachter/Hörer/Leser ein Bild von der Person dahinter machen kann?

Da ist wahrscheinlich der Unterschied, den ich bewußt zelebriere: Ein Buch ist irgendwann abgeschlossen, fertig wie ein Gemälde/Foto/Klavierkonzert/Werkstück – mein Blog soll es nicht sein. Ich sitze jetzt nur an meinem Hauptblog das fünfte Jahr und arbeite ständig an dem Bild, das andere sich mithilfe meiner Texte und anderer Inhalte von mir machen können und sollen und dürfen. Einiges ist da wohlkalkuliert, anderes wie unter Zwang entstanden und veröffentlicht. Doch hier ist auch nur ein Teil von mir zu sehen, der größte zwar (nirgends anders offenbare ich so viel), aber nur ein Teil! Es gibt so viel mehr Stellen, an denen ich im Netz sichtbar bin: mehr Blogs (die gerade wenig Neues zeigen), Fotoseiten, Foren und andere Kommunitäten, in denen immer nur ein Teil von mir sichtbar ist, eine ganz bestimmte, von mir so ausgewählte und dargestellte Seite erkennbar ist; und alle diese Teile grenze ich sehr sorgfältig voneinander ab …

Und ja, das ist mein Exhibitionismus. Mitteilungsbedürfnis. Geltungsdrang. Haschen nach Aufmerksamkeit. Allerdings nicht nach dieser flüchtigen, boulevardmedienkompatiblen Aufmerksamkeit, die oft für Berühmtheit gehalten wird. Nein. Ich bin größenwahnsinnig. Kurzzeitsachen interessieren mich nicht (auch one-night-stands sind nicht mein Ding). Nicht mehr. Mein Ziel ist mittlerweile Langfristigkeit, Nachhaltigkeit, eine gewisse Eindringtiefe im Gegensatz zu all den Oberflächlichkeiten, die mich umgeben … Nein, das stimmt doch alles nicht. Ab dem Größenwahnsinn ist alles Quatsch. Oder? Es ist mir nicht egal, was Menschen über mich denken, was sie von mir sehen und hören und lesen. Und irgendwie ist es mir trotzdem egal, denn es ist ja immer nur ein Teil von mir, den ich zeige; was über den gedacht wird, kann ich nicht beeinflussen, da das Zeigen unter Zwang geschieht. Ob das hier die Texte, die Pornobilder an anderer Stelle, die erotischen Geschichten ganz woanders, die politischen Parolen oder Chaosmagische Sachen sind: All das muß aus mir raus. Nicht an einer Stelle, nicht immer unter demselben Namen, hübsch separiert voneinander aber muß es raus. (Nein, keinen einzigen dieser Aspekte gebe ich hier preis. Auch nicht per Mail.)

Weil ich Egozentriker nun von mir ausgehe, weil für mich meine Art Herzeigen (da fällt mir auf: Her-zeigen und Herz-eigen werden gleich geschrieben – was steckt da bloß dahinter), besser also: meine Art des Herzeigens die einzig mögliche und einzig logische und einzig erlebte Exhibitionismusvariante ist, deshalb lese ich Blogs auch so: Da steht für mich nicht eine ganze Person dahinter (doch, schon, aber ihr wißt wohl, wie ich das meine), sondern nur der Teil, den ich von dieser Person sehen soll an dieser Stelle. Deshalb (es gab einen noch dringenderen Grund dazu, aber auch deshalb) verließ ich fakebock etc.: weil es mir dort zu exhibiyeuristisch zuging, zu hektisch, zu vollgebrüllt (Twitter wird sich hoffentlich nie weiter in diese Richtung verändern) und ich zuviel vor allem mir unangenehme, mich abstoßende Dinge sah.

Uff. Was ist aus einem kleinen Kommentar nur geworden? Ein Sermon ohne Struktur (?), klaren Faden und eindeutige Aussage (?), jedenfalls ein viel zu umfangreicher Wortschwall, glaube ich. Schluß damit, vorerst. (Das Kommentarschreiben dauerte etwa 20 Minuten, die Bearbeitung, Entfehlerung und Sprachreinigung benötigten fast dreieinhalb Stunden.)

 

(Falls es doch jemanden interessiert: Ich bin der, der schaut. Ein Augen- und Ohrentier, jemand, der gern mit allen Sinnen genießt, nicht der, der schauen läßt; Voyeur also …)

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 7. April 2015 waren das schichtfreie Ausruhen und die erledigte Hausarbeit.
 
Tageskarte 2015-04-08: Der Ritter der Kelche.

© 2015 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Egoexhibitionistischer Autovoyeurismus (98/267)

  1. Sofasophia sagt:

    Meine Rede!

    Genauso … mehr kann ich hier grad nicht kommentieren.
    Doch, das noch: Danke!

    Ich finde es klasse, wenn man sich so inspirieren lassen kann und will!

  2. S. Meerbothe sagt:

    Ich liebe Größenwahn dieser Art, ist er dem meinigen doch sehr ähnlich, so wie der Rest den Du beschreibst.
    Herzlichst bedankt, für die Ausformulierung von Gedanken, die (wiederhole ich mich?) meine eigenen sein könnten.

    Einen wunderschönen Tag wünschend,
    die Silvia

  3. wildgans sagt:

    Dem Bild, welches ich bis jetzt so nach und nach von Dir bekommen habe, fügt dieser Eintrag wieder Einiges zu oder bei. Es finden sich blogthemerische Worte, die auch von mir hätten kommen können. Was Dir immer so einfällt-ich bewundere das!

  4. headnutz sagt:

    Einfach herrlich zu lesen, es gibt ja Menschen denen gestehe ich ihren Größenwahn zu. Wenn dabei so tolle Beiträge wie deine rauskommen, immer weiter machen! ☺

  5. Ulli sagt:

    Lieber Emil, das ist mein Kommentar an Soso, der hier genauso hineinpasst:

    Ich fühle mich nicht wirklich als Voyeurin beim Bloglesen und als Exhibitionistin beim schreiben. Ich lese Blogs, weil mich interessiert was und worüber und wie andere schreiben, wie sie die Welt sehen, sie verdauen. Und so schaue ich mir auch die Bilder von anderen an, manchmal ist es Inspiration oder es sind Gedankenanstupser, manchmal Gemeinsamkeit, manchmal wende ich mich ab, manchmal verstehe ich es nicht.

    Zurzeit aber habe ich es mit dem Thema Reibung. Es ist einfach ein harmonisches Miteinander zu erleben, solange ich mich mit den Gemeinsamkeiten aufhalte, diese suche und finden will, was für mich gleichbedeutend mit Bestätigung für mein Sein, mein Fühlen und Denken ist- ich habe im Laufe meines Lebens viel davon gefunden, vielleicht geht es jetzt deswegen um die Reibung. herausfinden zu wollen wie ich/wir andere Meinungen, andere Lebensentwürfe aushalten, wie tolerant ich wirklich bin …

    Und Knausgard … ich schrieb es letztens schon bei Mützenfalterin: je mehr ich von ihm lese, umso häufiger frage ich mich, wie authentisch denn seine Bücher wirklich sind … ja, er besticht dadurch, dass er Themen aufgreift, in denen es um Scham geht (andere würden sich nicht trauen DARÜBER zu schreiben), dass er seine “Arschlochseiten” nicht verschweigt, nicht seine Fehler, sein Nichtkönnen, nicht seinen Kampf. Und doch bezweifel ich, dass all das hundertprozentig authentisch ist, dass nicht auch er auslässt, dass auch er nur zeigt, was er zeigen will und das ist jetzt keine Kritik, sondern halte ich für legitim. Ich selbst mag an manchen Stellen gerne Verkleidungen und Leerstellen, Räume für meine LeserInnen und dann mag ich das Schnörkellose, Unverblümte, Provozierende, aber es gibt immer auch etwas, das nur bei mir bleibt, es würde mich wundern, wenn es bei Knausgard anders wäre …
    Wir entscheiden was wir von uns zeigen und welche Verkleidung wir wählen, die Gründe sind uns bekannt und Geheimnisse dürfen sein!

    herzliche Grüsse
    Ulli

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