Merkwürdiger Grundsatz

Zustimmung und Zweifel

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Dieses Buch lese ich “so nebenbei”, häppchenweise, immer dann, wenn ich zwei oder drei Minuten erübrigen kann. Gestern kam ich – nachdem ich schon viele bemerkenswerte Textstellen fand – auf der Seite 178 an, die mich zunächst zu bedächtigem Nicken, dann zu zustimmendem Brummen und schließlich – ach, das verrate ich nach dem Zitat:

 

 

“Ich finde es merkwürdig, daß die meisten Menschen ganz selbstverständlich nach dem Grundsatz leben, es gäbe eine einzige objektive Wirklichkeit – nämlich ihre eigene. Dieser Wirklichkeit – so denken viele – seien sich alle bewußt und alle, die sich nicht auf diese «einzig wahre» Wirklichkeit beziehen, gelten als Spinner oder Verrückte. Diese Art zu denken birgt sehr viel Konfliktpotential in sich. Den Beweis dafür können sie sofort finden, wenn sie heute in den Tagesthemen die neuesten internationalen Konflikte präsentiert bekommen. Mich hat die Annahme, daß ich Konstrukteur meiner eigenen Wirklichkeit bin (genau wie Sie übrigens auch, während Sie diese Zeilen lesen), extrem weitergebracht. Falls Sie von nun an annehmen können, daß Sie ihre eingene Welt um sich herum schaffen, daß die Welt das ist, wofür sSie sie halten, und andere Menschen sie eventuell anders sehen, dann hat das entschiedene Vorteile. Erstens: Sie können Ihre Sichtweise dann jederzeit ändern, wenn das für Sie sinnvoll ist. Das bedeutet, Sie sind frei. Diese Freiheit kann Ihnen niemand nehmen. Zweitens übernehmen Sie mit dieser Art zu denken Verantwortung. Sie hören auf, anderen die Schuld zu geben für das, was Ihnen widerfährt. Und drittens führt diese Denkweise zu Toleranz. Schließlich akzeptieren Sie, daß es Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung gibt. Die Auffassungen anderer Menschen sind also nicht mehr grundsätzlich falsch, wenn sie Ihrer eigenen widersprechen, sondern einfach nur anders.»

Thorsten Havener, Dr. med. Michael Spitzbart: Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten. Die Macht der Gedanken. S. 178 f. 7. Auflage 2010. © 2010 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. ISBN 978 3 499 62609 8

 

Am Ende war ich dann doch wieder der ungläubige Thomas. Weiß ich doch, wie schwer es ist, so umzudenken. Und dann noch dieses erstens, zweitens und drittens. Ja, schreiben, sagen läßt sich das leicht. Aber bin ich dann wirklich frei, freier als vor dem Umdenken? Oder fühle ich mich dann in die Rolle eines Einzelkämpfers gedrängt und glaube meine eigene Wirklichkeit immer und überall und gegen Jedermann verteidigen zu müssen? Bin ich dann freier? Übernehme ich Verantwortung oder schiebe ich sie von mir weg, weil ja alle andern meine Wirklichkeit ver-/behindern, weil sie alle in ihrer eigenen Wirklichkeit ja ganz allein für sich selbst verantwortlich sind und ich sowieso nicht helfen kann? Und ist es wirklich Toleranz, oder wird es Ignoranz?

Jaja, nur die eine Erkenntnis alleine bewirkt wenig. Es bedarf ganz sicher gewaltiger Anstrengungen, die von Havener genannten Schlüsse zu ziehen und zu leben.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 19. März 2014 waren ein Lob von einem Chef, ein Handwerkertermin früher als erwartet, die frühe Nachtruhe.
 
Tageskarte 2014-03-20: X – Rad des Schicksals.


Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Merkwürdiger Grundsatz

  1. Inch sagt:

    Also ich finde das, was der Havener da schreibt, total einleuchtend. Ehrlich! Ehrlicherweise gelingt es mir natürlich nicht, danach zu leben. Ich versuche es, aber es gelingt mir häufig nicht, vor allem dann, wenn ich glaube, bei meinem Gegenüber auf Dummheit und Intoleranz zu stoßen

  2. die anstrengungen bedürfen nur die eigenen gedanken die oft wie ein schwer bewachter safe im kopfe kreisen

  3. Sofasophia sagt:

    ich frag mich grad, ob umdenken nicht nur dann funktionieren kann, wenn wir etwas tief innen verstanden haben. umdenken also als folge einer veränderten sichtweise.
    wenn ich mich zum umdenken „zwingen“ will, gehts nicht. von daher …
    mir leuchtet das zitat von daher ein, wichtig ist aber, dass wir es (oder was immer auch) nur dann „übernehmen“, wenn wir es „wahr“ und „überzeugend“ finden.

    • Der Emil sagt:

      Das Verstehen gehört bestimmt mit dazu zum Umdenken … Aber nur wollen, nur wollen reicht auch nicht …

      Vielleicht …

      Wahrscheinlich gehört auch eine entsprechende Erfahrung, ein entsprechendes Erlebnis dazu, als Initial?

      (Wie ich schrieb: Es blieben am Ende fast nur Zweifel.)

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