Der Kolumnist

Eine sonderbare Karriere

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Seit Tagen schon sitze ich mit gut gespitztem Bleistift vor dem kleinen Ordner mit “Schmierpapier”, den ich für meine Notizen und Textentwürfe nutze. Die Seiten füllten sich zwar mit Schrift, doch sind die meisten Worte bereits wieder durchgestrichen. Links daneben lag immer und liegt eine meiner Kladden, in der ich unterwegs Geschichten in Stichpunkten festhalte. Auf vielen ihrer Seiten habe ich unten einen Haken gemacht, den aber jedesmal überkritzelt. Manchmal hatte ich das so heftig getan, daß mich die anderen Leute hier im Wartebereich seltsam anstarrten.

Was solls’s, auch heute scheint mir nichts einfallen zu wollen. Ich sitze wie jeden Tag nach dem Essen beim Elisabeth-Tisch hier im Krankenhaus. Im Winter ist dies eine der wenigen Stellen, wo einer wie ich nicht weggejagt wird. Manchmal bringen mir die Frauen von der Anmeldung sogar eine Tasse Kaffee. Jedenfalls ist es hier warm und sauber, niemand sieht mich schief von der Seite an; und – das ist für mich sehr wichtig – es gibt hier im Krankenhaus überall saubere Toiletten.

Nun gut. Der Zwang, endlich meine 450 Wörter für diese Kolumne im Pflaster zu schreiben, ist groß. Morgen ist schon Redaktionsschluß. Ich hätte vor zwei Wochen, als ich die letzten Exemplare zum Verkaufen abholte, nicht davon sprechen sollen, daß ich am Abend gern nocheinmal ins Büro kommen möchte. Naja, und dann habe ich dem Chef gestanden, daß ich ab und zu etwas im Internet veröffentliche, einen kleinen privaten Blog schreibe. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß der gleich danach sucht und alles liest! Drei Tage danach hat er mich in der Stadt gesucht und an meinem üblichen Platz getroffen. Direkt vor der Passage, vor der ich seit zwei Jahren die Obdachlosenzeitung verkaufe …

Dort hat er mich überrumpelt. Cheffe sprach davon, wie gut ihm meine Texte gefallen; begeistert sei er vor allem von meiner Fähigkeit, kurze, runde Geschichtchen mit offenem Ende zu schreiben. Ja, er lobte mich wirklich – es war mir fast unangenehm. Und dann, so ganz nebenbei, wünschte er sich einen Text von mir für die nächste Pflaster-Ausgabe. Die Anfangs-Kolumne könnte ich übernehmen, sagte er. Ich Rindvieh habe im Überschwang meiner Gefühle, weil er wirklich begeistert von meinem Blog sprach, mich dazu hinreißen lassen, ihm diese Kolumne in die Hand zu versprechen.

Ach, wenn ich doch besser darüber nachgedacht hätte! Jetzt sitze ich hier und versuche, einen vernünftigen Text aus meinem Hirn zu zaubern. Morgen soll ich am Nachmittag ins Büro kommen und ihn in den Computer tippen … Viel lieber wäre es mir, ich hätte noch ein wenig mehr Zeit, denn dann hätte ich auch ein wirklich gutes Thema: In sechs Wochen werde ich nach fast elf Jahren auf der Straße wieder in eine Wohnung ziehen. Darüber könnte ich schreiben und über meinen Weg von der Garagenruine am Rande von Haneu über diverse Aufenthalte in Kliniken und im Knast und übers O-Heim bis zu den Schwestern von der heiligen Elisabeth. Von der Akzeptanz und Zuwendung, die ich dort nach Jahren draußen bekam. Von den ersten Versuchen, ohne Fusel zu leben. Von der Freude vor sechs Wochen, als die Sozialarbeiterin hier mir sagte, daß ich eine Wohnung bekommen könnte. Das wäre eine Kolumne, die in das Pflaster gehört.

Aber heute? Heute fällt mir wahrscheinlich wieder nichts ein. Mal sehen, ob ich morgen im Büro am PC kreativer bin als hier im Krankenhaus. Ich geh jetzt erstmal noch ’ne Runde Flaschensammeln.

Der Kolumnist ist recht frei erfunden. Pflaster, Krankenhaus, die Schwestern und der Elisabeth-Tisch existieren tatsächlich.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 17. Januar 2014 war eine ganz liebe Überraschung am Abend.
 
Tageskarte 2014-01-18: Acht der Stäbe

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Der Kolumnist

  1. Sofasophia sagt:

    das ist doch schon eine kolumne für sich dieser artikel 😉

  2. minibares sagt:

    Lieber Emil, das hast du doch schon so gut geschrieben.
    Ich fürchte, deine Ansprüche sind zu hoch, lach.
    In Gelsenkirchen hatten wir auch eine besonderen lieben Herrn, dem wir auch immer mehr als nötig gaben für die Zeitung. Und immer ein kleiner Plausch mit ihm. Ich fürchte, er vermißt uns nun, da wir weggezogen sind.
    Wie gut, dass es diesen Elisabeth-Tisch gibt.
    Liebe Grüße Bärbel

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