Eine Nachtbegebenheit (Nº 316)

Immer mehr Männer müssen nachts raus.

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Plötzlich wurde er wach. Es war noch dunkel – oder schonwieder dunkel? Hatte er jetzt zwei Stunden geschlafen oder vierzehn Stunden? Hinter der Stirn jedenfalls noch immer dieser dumpfe Druck. Diese Ohnmacht gegen alles. Dieser Wunsch nach Vergessen, Verdrängen, Nichtmehrspüren.

Mühsam erhob er sich von der Matratze, die ihm als Bett diente. Direkt vorm Fernsehgerät hatte er sie auf dem Boden plaziert. Seit drei Monaten schlief er schon jede Nacht, nein, eher jeden Morgen darauf ein. Immer dann, wenn er müde genug war und die Augen partout nicht mehr offenhalten konnte. Er hatte Angst vorm Schlaf, Angst vor den Träumen, die sich dann seiner bemächtigten.

Da waren die Nachbarn, seine Exfrau, die Zicken vom Jobcenter, die Bullen und der Sohn. Zwei oder drei ehemalige Bekannte, bei denen er noch Schulden hat. Der Arzt und die Schwestern, die sich nicht wirklich um ihn kümmerten, als er mit gebrochenem Fuß in der Notaufnahme saß. Sie alle und der Gerichtsvollzieher erschienen in seinen Träumen, wollten etwas von ihm. Von ihm, der ihnen nichts geben wollte und nichts von ihnen haben oder wissen wollte, Kontakt mit ihnen allen weitgehend vermied. Jede einzelne verdammte Nacht versuchten sie, ihn in den Träumen heimzusuchen.

Er ging pissen, als seine Augen sich an das äußerst schwache Licht gewöhnt hatten. Vielleicht machte ihn der Hunger so schwindlig, schließlich hatte er drei oder vier Tage nichts gegessen. Aber nichts essen war immerhin besser als ständiger Durchfall.

Er ließ sich wieder auf die Matratze fallen. Deckte sich zu. Griff nach der Flasche, nahm noch einen Schluck Cola “light”. Dann starrte er, um besser einschlafen zu können, die Stelle an, an der das Grafitto am Brückenpfeiler sein mußte.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 11. November 2013 war die Vereinsversammlung am Abend.

P.P.S.: WP hat wieder gebastelt. Unter den Artikeln erscheinen sogenannte “Related posts”. Ich bedaure, daß WP mich darüber nicht mit einer Nachricht informiert hat: “Wir haben die Möglichkeit geschaffen, in Deinem Blog das Feature «soundso» hier oder dort zu aktivieren.” (Das hätte auch in einem Popup passieren dürfen!) Wenn ich nämlich hier eingeloggt bin, sehe ich den Scheiß nicht und weiß also auch nicht, daß ich irgendwelchen Unfug deaktivieren muß. Ich möchte nämlich auch nicht, daß irgendwelche Leute oder gar Robots festlegen, welche von meinen Texten mit welchen “zusammenhängen”. (Einstellungen —> Lesen —> Related Posts.)

© 2013 – Der Emil. Text & Bilder stehten unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Eine Nachtbegebenheit (Nº 316)

  1. Gudrun sagt:

    Wie vielen mag es so gehen? An manchen Stellen in Leipzig Lindenau kann ich in ihre Gesichter sehen. Ich fühle mich dann immer etwas hilflos.
    Gut hast du das geschrieben, lieber Emil.

    • Der Emil sagt:

      Viel zu vielen geht es so. Vor allem viel zu vielen, die das nicht so wollen.

      Hier sah ich lange Zeit jemanden in einer alten Garage „wohnen“ – mit kleinem Bolleröfchen, Radio, Matte und Schlafsack. Dem hab ich manchmal Brot, Milch, Wasser hingebracht – aber viel zu selten, glaube ich. Jetzt ist er weg …

  2. Manja sagt:

    Das macht betroffen.

    • Der Emil sagt:

      Nur: Nirgendwo steht explizit, daß er draußen unter der Brücke schläft. Er kann auch im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät auf dem Boden schlafen und – wie in Wilkau-Haßlau z.B. – nur das Haus steht unter/neben einer Brücke … (Gut, in meiner Antwort auif Gudruns Kommentar habe ich meine Intention preisgegeben.)

  3. Sofasophia sagt:

    und jetzt, wo es so kalt ist, umso schlimmer.

    ein gut geschriebener text!

  4. alltagsfreak sagt:

    Es ist traurig, dass es solche Zustände gibt. Arbeit, Wohnung, Essen… sind Existenzrechte.

    • Der Emil sagt:

      Hm. All das waren einmal von einer Verfassung festgeschriebene Rechte – aber das war ja Diktatur wie bei den Nazis …

      Es steht übrigens nirgends im Text, daß das nicht innerhalb einer Wohnung geschieht, mit Blick aus einem Fenster z.B. (Aber es sollte schon an einen Obdachlosen gedacht werden, trotz Fernsehgerät.)

      • alltagsfreak sagt:

        Schlagwörter wie „Brücke“ oder Aussagen wie das ungenügende Kümmern v Ärzten und Krankenhauspersonal ließen darauf schließen. Obdachlose nenne ich auch jene, die in Hütten, Wohnwagen campieren müssen…

  5. nextkabinett sagt:

    Toller Text, aber das weißt Du ja selbst!
    Danke für die Info mit diesen ‚Related Posts‘. Das ist mir vorgestern in der Vorschau aufgefallen, in der normalen Ansicht ist aber nichts zu sehen, weswegen ich es erst mal belassen habe. Dass ich es nicht sehe, wenn ich eingeloggt bin, ist natürlich so logisch wie doof. Andererseits – bei mir ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn Leute auf andere Posts aufmerksam gemacht werden, selbst wenn dies ein Robot via Zufallsgenerator macht. Denn ob die Leser die Pingbacks in den Kommentaren wahrnehmen, wage ich doch eher zu bezweifeln.

    • Der Emil sagt:

      Vielleicht weiß ich es, kann es aber trotzdem nicht so ganz akzeptieren, das mit dem Text.

      Ja, und das mit den Related Posts … Ich möchte es bei mir nicht. Und ich hätte die Nachricht, daß ich es EINSCHALTEN kann, wirklich viel kundenfreundlicher gefunden. Es kann bei mir also auch Totz dabeisein …

      • nextkabinett sagt:

        Trotz … das mag sein. Ich habe mich gerade mal ausgeloggt und mir die Chose angeschaut. Ich finde es für die Kabinettsküche durchaus brauchbar. Aber wie die Fotografin Barbara Klemm und der ‚March against Monsanto‘ miteinander related sind, das weiß wohl wirklich nur der Robot-random-generator …

        • Der Emil sagt:

          Ja, und bei mir sah es sehr konfus aus, was da related gewesen sein sollte. Warum wird sowas nicht mitgeteilt, wenn das eingebaut wird?

          • nextkabinett sagt:

            Stimmt. Das gefällt mir auch ganz und gar nicht. Im Sommer haben sie das Layout im Dashboard auch einfach so geändert. Die Menüleiste ist jetzt schwarz statt hellgrau. Ich brauchte einige Tage, um mich daran zu gewöhnen.

  6. Toll beschrieben Emil diese traurige Wahrheit.
    Segen!
    M.M.

  7. Gabi sagt:

    Ein sehr schöner Text zu einem bitteren Thema. Es ist leider traurig aber wahr, dass es sehr viele (wahrscheinlich viel mehr als man denkt) Menschen gibt, denen es so geht.

    Was mich bei WP auch ärgert ist, dass man über Neuerungen überhaupt nicht informiert wird.
    LG Gabi

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