Leere. Nichts. Oder. Alles. Überall. Immer. Sofort. Ich. (Nº 275)

Gespiegelte kosmologische Selbstabwertung

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Diese Leere, körperlich wahrnehmbar. Im Innern. Wie gerne würde ich diese Leere aus mir herauslassen. Sie nicht mehr in mir einsperren. Die Leere einfach auskotzen … Klar weiß ich, daß genau das nicht geht. Daß ich die Leere höchstens füllen kann. Mit Irgendetwas. Am besten mit dem, was da fehlt. Aber was fehlt mir? Was gehört dahin, wo jetzt die Leere ist? Was war da, bevor es weg war und die Leere zurückließ? Nein, ich werde nicht das hineingießen, was ich jahrelang hineingeschüttet habe in dieses Nichts. Keinen Alkohol. Nicht mehr saufen, um der Leere zu entkommen. Um den Schmerz zu betäuben und zu vergessen, den das, was da war wo es jetzt nichtmehr ist, wo die Leere jetzt ist, wo jetzt das Nichts ist, in mir hinterließ.

Heile Welt könnte es sein, was mir da fehlt. Gefühl, Zuneigung, Liebe? Zweisamkeit, Familie? Ach nein, alles das war es wohl nicht. Denn die Leere war auch da, wenn Heile Welt, Liebe, Zuneigung, Familie, Gefühl, Zweisamkeit … und all das da waren. Erkenntnis: In mir existiert ein Universum, das wie jenes, in dem ich existiere, zu einem großen Tiel, zum größten Teil, überwiegend aus Nichts, aus Leere besteht. Ein Universum, dessen wichtigstes Charakteristikum die Leere ist, aus der es besteht. Bin ich in mir sogar noch im Zustand vor dem Universum? Brauche ich in mir erst noch den Urknall, den Moment, in dem alles zu entstehen beginnt? Aber woher wüßte das Universum, bevor es im Urknall erschaffen würde, was ihm alles fehlte?

Alles Quatsch. Leere. Was soll das sein? Leere, in mir? Stimmt ja garnicht. In mir ist doch so viel, daß ich es herausschreiben muß. Tagtäglich. Seit Jahren. Nein, hör auf, versuch mir jetzt nicht einzureden, daß das ein Anschreiben gegen die Leere ist. Anschreiben kenn‘ ich nur aus der Kneipe, von früher, wenn ich zu besoffen war zum Zahlen. Obwohl …

Trotzdem. Ehe ich die Leere in mir mit etwas fülle, das ich nicht haben mag – von dem ich mir nichteinmal vorstellen kann, das ich es haben mögen könnte! – würde ich sie gerne aus mir herausschneiden, herauslassen oder anderweitig aus mir entfernen. Denn es ist nicht nur die Leere, die mich bedrückt. Es ist auch die Angst vor ihr, meine Angst vor der Leere, der horror vacui, der (wie in der Kunst) keine leeren Teile in mir zulassen will, alles ausgefüllt erleben muß?

Alles. Überall. Immer. Sofort. Ich.

Ich allein alles immer überall sofort.

Ha! Kein Wunder. Daß ich mich nicht wohlfühle. Wenn ich diesem falschen Ideal hinterherzurennen versuche. Dann muß ich ja glauben, daß da leere Stellen in mir sind, wenn ich nicht alles immer überall sofort haben will, haben kann und haben muß. Dann ist die Leere gar nichtmehr, garnichtmehr, garnicht mehr, gar nicht mehr in mir. Sie ist draußen. Sie ist in den Augen. Sie ist in den Augen der anderen Menschen, derer, die allem hinterherrennen. Ich sehe die Leere nicht im Spiegel in meinen Augen: Ich sehe die Leere in den Augen meiner Gegenüber.

Oder spiegelt sich in deren Augen nur mein Blick?

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 1. Oktober 2013 war das Treffen mit vielen netten Menschen.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Leere. Nichts. Oder. Alles. Überall. Immer. Sofort. Ich. (Nº 275)

  1. Ich hatte vor ziemlich genau drei Jahren einen Punkt in meinem Leben erreicht, an dem ich mich leerer nicht hätte fühlen können. Ich fühlte nicht mal diese Leere sehr bewusst – ich fühlte nichts. Rein gar nichts. Es war still um mich herum. Die Erde hatte sich für mich aufgehört zu drehen. Ich konnte nicht schreien, weil ich im Vakuum schwebte. Verloren. Bis diese Leere aufgefüllt wurde von bitterlichem Seelenschmerz, Wut, Enttäuschung, Verwirrtheit, Betroffenheit, Angst, Ernüchterung und dem Gefühl des „gescheitert sein“. In diesen Momenten habe ich diese innere Leere wieder herbeigesehnt.

    Gerne erinnere mich an ein Lied von Simon and Garfunkel, nämlich „I am a Rock“ – „I am a rock, I a an island..and a rock feels no pain, an an island never cries“. Der Schmerz über die innere Leere ist wiederum auch etwas, was die Leere füllt. Diesen Schmerz würde ich heute nur ungern nochmal ertragen wollen. Und zwar wegen der Gewissheit, dass der darauffolgende Urknall mir mal fast meine Seele zerissen hätte.

    Viele Grüße
    mauerdurchbruch

    • Der Emil sagt:

      Ja, meine Depression war ähnlich, fühlte sich ähnlich an (naja, eigentlich fühlte ich ja auch nichts). Das Gescheitertsein verfolgt mich heut noch (obwohl ich es besser weiß).

      Das Leben ist verdammt schwierig manchmal, und ich freu mich immer wieder, daß ich es lebe.

      Danke!

  2. Ich weiß auch manches besser, fühle mich aber dennoch manchmal klein. Ich strenge dann meine Ratio an und halte mir vor Augen, was ich schon alles erreicht habe (trotz vieler widriger Umstände). Aber dieses Gefühl ist dennoch da.

    Und wenn das Leben manchmal nicht schwierig wäre, würde man die schönen Momente möglicherweise gar nicht genügend wertschätzen. Wirklich glücklich werden doch am Ende meist die, die mal in den Abgrund geschaut haben. Nur, wer Dunkelheit erfahren hat, wird voller Dankbarkeit und Demut in das Licht treten.

    Sehr gerne!

  3. Hat dies auf mauerdurchbruch rebloggt.

  4. Durch die Gesellschaft wird einen suggeriert, das man sich leer zu fühlen hat, wenn man deren Normen nicht 1:1 entspricht. Ist man dazu noch selbstkritisch, was in deren Augen abnormal ist, kann sich so ein Gefühl tief einnisten… So ging es mir jedenfalls. Ein eindrucksvoller Text! Lässt man sich in nutzlose Normen pressen, die des Spiessbuergertums, entsteht, so meine Theorie, zwangsläufig eine solche….

  5. puzzleblume sagt:

    Wieder großartig geschrieben, Emil. Jeder, der irgendwann mal eine Depression hatte, müßte anteilig etwas darin wieder erkennen. Die Nicht-Erreichbarkeit von allem, allen anderen und auch sich selbst ist sehr gut nachspürbar.

  6. Faktoid sagt:

    Die Leere ist der Teil, den Du (?, darf ich?) mit Geschichten füllst. Stetig.

    • Der Emil sagt:

      Das Fragezeichen wegen des „Du“?

      Hier ist Bloggersdorf, Kleinbloggerhausen. Das ist wie Schrebergarten zu DDR-Zeiten, da wird nur zu hochgestellten Persönlichkeiten (oder Arschlöchern – aber ist das nicht oft dasselbe?) „Sie“ gesagt …

      Und: Danke.

  7. Frau Blau sagt:

    da ist alles drin, lieber Emil, was zu Zeiten von depressiven Zuständen in uns wirkt … du hast es wunderbar be-geschrieben … danke
    und herzliche Grüße Ulli

  8. Seit über 250 Jahren, seit 1738 Adam Bernds „Eigene Lebens-Beschreibung“ Maßstäbe für die Offenheit in seelischen Fragen setzte, ist die Welt voll mit gültigen Texten zum Thema der Melancholie, und keiner ist überflüssig, ganz im Gegenteil. Nur so kann man mit-teilen. Auch noch vor hundert Jahren nannte man depressive Zustände ja viel „schöner“ Melancholie, und auch Sartre wollte seinen berühmten Roman ‚Der Ekel‘ eigentlich „Melancholia“ nennen, nach dem Kupferstich von Albrecht Dürer. Sigmund Freud schrieb 1917 einen eher sich vorsichtig ans Thema herantastenden Essay zum Thema „Trauer und Melancholie“, wo es heißt: „Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst.“ Wenn es einem so geht wie Dir, offen gesagt geht es mir im Moment ganz ähnlich, bringt es natürlich nichts, das Thema zu intellektualisieren, doch Worte sind immer mehr als nichts, und wenn es nur ein Hauch ist.

  9. selmataylor sagt:

    Dein Blog macht süchtig, weißt du das?
    Mit diesem Blog, erreichst du genau DAS bei mir, was ich mir, für die Leute die
    meinen Blog lesen, ereichen möchte,von Herzen!
    Dein Blog ist eine Offenbarung, ein Diary das man vor ein paar Jahren noch, mit einem
    Schloss, in einem Schuhkarton versteckt hätte.
    Es ist ein Geschenk, einen Blog wie den deinen zu finden und fest zu stellen, dass man
    selbst mit dem Gefühl der Leere, nicht allein ist.Selbst die Leere kann man teilen!
    So wird man sie zwar nicht los aber dennoch erfährt man das es „Leidensgenossen“ gibt.
    Kaum etwas ist schlimmer, als sich in dieser Leere, unverstanden, allein und anders zu fühlen.

    Großartig, dass du es geschafft hast, dich der Leere zu stellen!
    Zwar trinke ich keinen Alcohol aber weiß wovon du bei „Betäuben“ sprichst.
    Zuviele Emotionen, zuviel Emphathie, zuviel verstehen wollen…zuviel von ALLEM!
    erdrückt von den eigenen Empfindungen lässt mich leider noch immer schwach werden.
    Man ist sich so ähnlich und doch Grundverschieden.
    Wie hast du es geschafft aufzuhören?
    Was treibt dich an weiter durch zu halten?

    (nicht ganz koscher?
    lese ich, bedauerlicherweise, nicht zum ersten Mal.
    Vor dem Abschicken, lese ich meine Kommentare immer und immer wieder,
    in der festen Überzeugung, dass keine schlechten Absichten, daraus
    zu entnehmen sind. (so kam es irgendwann auch zu den emoticons)
    Grundsätzlich möchte ich nur meine Wertschätzung ausdrücken und etwas
    von dem „gegebenen“ zurück reichen… THATS IT!)

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