Vor der Eisdiele am Einkaufstempel mitten auf der grünen Wiese
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Entschuldigen Sie bitte? Ja, Sie da, die Sie so träumerisch unbeteiligt … Ach, nicht unbeteiligt? Sie planen gerade? Ja also entschuldigen Sie nochmals, ich darf mich doch zu Ihnen setzen. Wissen Sie, ich habe Sie ja jetzt ein ganzes Weilchen bebachtet – Weilchen, naja, vielleicht so 30 Sekunden oder vielleicht auch drei Minuten – ich hab Sie jetzt ein Weilchen beobachtet und Sie sehen so ruhend aus. Ja, ruhend eben. Wie: was das heißen soll!? Naja, Sie machen auf mich einen zentrierten, auf sich selbst zentrierten Eindruck. So wie wenn Sie mit sich und der Welt zufrieden … Mag sein, daß Sie sich über das, was “die da oben” treiben, auch aufregen. Aber sie zeigen es nicht, ich kann es ihnen nicht ansehen. Weil Sie so ruhend wirken. So … So … So zufrieden auch. Als hätten Sie zuhause in ihrer Doppelhaushälfte genügend Platz als Paar mit drei Kindern. Ja! Genauso wirken Sie auf mich, Auch, wenn Sie jetzt hier so ganz alleine Sitzen und ein einfaches Kännchen Kaffee zu dieser Jahreszeit noch draußen trinken. Klar, es ist sonnig und fast windstill – aber es ist doch schon recht herbstlich.
Oh, Moment, hier kommt gerade mein Tee. Ja, Pfefferminze, mit Zitrone, aber ohne Zucker. Die Diabetes, wissen Sie? Ach, woher denn. So gesund wie Sie aussehen. So entspannt, so ruhend. Ich kann mir gut vorstellen, daß Sie monatlich genügend Geld in der Familienkasse haben, um gut davon zu leben und auch noch auf die drei Urlaube im Jahr zu sparen. Nein, darum bin ich nicht neidisch. Jedenfalls möchte ich Ihnen das nicht wegnehmen. Sie arbeiten dafür wahrscheinlich sehr ehrgeizig und zuverlässig. Es ist schon wichtig, daß man als Mensch eine gute Arbeit hat. Och, da geht es nicht nur ums Geld, nein. Wissen Sie, ich arbeite ja auch gern da, wo ich arbeite. Allerdings würde ich es noch viel lieber tun, wenn man mich dafür bezahlen könnte. Spaß macht sie schon, meine Arbeit. Und sie hat mir noch viel mehr Spaß gemacht … Damals. Aber irgendwann reichte das Geld dann nicht mehr fürs Haus. Das wurde eben zwangsversteigert. Zum Anfang wohnten wir noch in unserer Doppelhaushälfte, geduldet vom neuen Eigentümer. Jaja, auch das war noch eine schöne Zeit. Aber nicht lange, nicht mehr lange … Wenn ich heute zurückblicke … Wissen Sie, ich war damals trotz allem bestimmt nicht so ruhend, wie Sie das sind. Da ging ich auch noch zum Friseur. Sie müssen mir übrigens bei Gelegenheit mal verraten, wo Sie zum Frisör … Sicher, ich werde Sie hier ganz sicher wieder finden, Sie müssen also nicht gleich!
Einen Kaffee werden Sie mir doch nicht abschlagen? Wissen Sie, ich möchte so gerne von Ihnen erfahren, wie Sie so ruhend sein können. Ja, ehrlich. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, daß es mir jemals so ging. Schon garnicht, nachdem ich verlassen wurde. Und aus unserem Haus rausmußte. Auf der Straße stand ich über Nacht. Sie, Sie mit ihrer Ruhe könnten das sicher aushalten. Sicher viel länger als ich. In der zweiten Nacht schon habe ich versucht, mich vor einen Zug zu werfen – auf dem Abstellgleis da hinterm Krankenhaus. Oh ja, entschuldigen Sie, daß ich Sie so lange aufgehalten habe, Aber ich fand es sehr nett, mit Ihnen zu plaudern! Gerne wieder! Nein, den Kaffee zahle ich mit, das geht schon in Ordnung. So als Danke für ihre offenen Worte, ja! Doch eine Bitte hätte ich noch an Sie, ehe Sie jetzt gehen:
Lassen Sie mir ein kleines Stück ihrer heilen Welt hier, bitte …
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 30. September 2013 war ein notwendiger Anfang.
© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
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Ein allzu präsentes Gedankending, danke.
gut ge- und beschrieben, was jemand wohl denken mag über andere, und wie sehr im Irrtum sein kann.
Klingt fast wie Loriot 🙂 Aus Deiner Feder? Schön, wie ruhend und zentriert dieser Beitrag, mit oder ohne Doppelhaushaelfte auf Deinen Blog ruht 😉
Ist aber wirklich aus meinem Stift. So ein „in einem Rutsch“-Text. Du legst den Finger in die Wunde und nennst das einzige Wort, das mir nicht zu pasen scheint: DHH, aber auch Reihenhaus, Eigentumswohnung, Eigenheim usw. passen nicht recht. Nur Haus?
Ich weiß es nicht.
Respekt! Du bist ein geborener Schriftsteller!
Neeeneeeneeeneeeneee. Eher ein geborener „Mitropa“ 😉 (Seeeeeeeehr alter Witz.)
Aber ernsthaft, diese Doppelhaushälfte, die nervt mich mit jedem Lesen mehr …
Du hast es abgelegt in „nichterlebt“. Bei mir würde es einsortiert werden müssen in „erlebt“.
Die heile Welt der anderen möchte ich dennoch nicht. Sie ist so heil gar nicht.
Ich geh jetzt mal lieber wieder, denn einwenig ist es mir nun doch nahe gekommen.
Ein Stück von diesem Schicksal haben viele hier im Osten erlebt. Auch ich, aber eben nicht diesen Kaffeeklatsch und nicht das gesamte Schicksal.
Und gegen ein Stück von der heilen Welt, nur ein Stück davon, hätte ich gerade auch nichts.
Die kann man sich trotzdem schaffen, lieber Emil, ohne Haus und Auto, ohne Polster auf dem Konto, … Anders halt. Musst eben mal wieder mal in die Stadt gleich nach Nebenan kommen. (Ehe die Bahn-AG die Preise erhöht.)
Du meinst, am 7. Oktober um 10.00 Uhr mit DDR-Fahne am Stellplatz auf der Karli – oder so ähnlich? 😉
Lustiger Gedanke, aber das meinte ich eigentlich nicht.
Literarische Verarbeitung ganzer „Schicksale“, eine Art Sozialreport mit Deutungspotential in verbrämte gesellschaftliche Ecken. Wie las ich irgendwo: Das Innere eines Hamsterrads sieht erstmal wie eine Karriereleiter aus….
Klasse!
Vielen Dank!
Und ja, das irgendwo Gelesene stimmt schmerzhaft auffallend.
In diesem Fall möchte ich auf keinem der Stühle sitzen oder gesessen haben.
Ein schöner Text, mit einem irgendwie sprachlos Zufriedenen. Wirklich zufriedene Menschen sehe ich allerdings sehr selten – hier im Prenzlauer Berg sind aber inzwischen viele, die das spielen, die ihr Leben als ein zufriedenes designen und inszenieren und wahrscheinlich auch selbst daran glauben, daß es ihnen gut geht. Wer weiß, vielleicht haben sie recht. Tauschen möchte ich allerdings mit niemandem, ich möchte ich sein in allen Variationen, notfalls auch arm, erfolglos und was weiß ich, selbst wenn es mir damit nicht gut gehen kann.
Fast das selbe Thema hatte ich kürzlich auch, jedenfalls teilweise: http://nwschlinkert.de/2013/09/28/dein-stueck-berlin/
Ich hatte es bereits gelesen (da war mein Text aber auch schon in meiner Kladde).
Du sagat was Wahres: sie stylen und designen ihr Leben auf zufrieden und glauben letztendlich sogar es zu sein …
Ich muss an Paul Watzlawick denken, an die Geschichte mit dem Hammer…
..grüßt dich Monika
Dem Nichgeborgten, dem Grund für „phantasievoll“ cholerische Aufregung? Uff.
Jepp, der war es! 🙂 Eben sich Gedanken über andere machen und dabei vielleicht völlig daneben liegen.
Aaaaaahhhhh! JETZT versteh ich, wie mensch darauf kommen kann 😉