Kaffeeklatsch (Nº 274)

Vor der Eisdiele am Einkaufstempel mitten auf der grünen Wiese

To get a Google translation use this link.

 

Entschuldigen Sie bitte? Ja, Sie da, die Sie so träumerisch unbeteiligt … Ach, nicht unbeteiligt? Sie planen gerade? Ja also entschuldigen Sie nochmals, ich darf mich doch zu Ihnen setzen. Wissen Sie, ich habe Sie ja jetzt ein ganzes Weilchen bebachtet – Weilchen, naja, vielleicht so 30 Sekunden oder vielleicht auch drei Minuten – ich hab Sie jetzt ein Weilchen beobachtet und Sie sehen so ruhend aus. Ja, ruhend eben. Wie: was das heißen soll!? Naja, Sie machen auf mich einen zentrierten, auf sich selbst zentrierten Eindruck. So wie wenn Sie mit sich und der Welt zufrieden … Mag sein, daß Sie sich über das, was “die da oben” treiben, auch aufregen. Aber sie zeigen es nicht, ich kann es ihnen nicht ansehen. Weil Sie so ruhend wirken. So … So … So zufrieden auch. Als hätten Sie zuhause in ihrer Doppelhaushälfte genügend Platz als Paar mit drei Kindern. Ja! Genauso wirken Sie auf mich, Auch, wenn Sie jetzt hier so ganz alleine Sitzen und ein einfaches Kännchen Kaffee zu dieser Jahreszeit noch draußen trinken. Klar, es ist sonnig und fast windstill – aber es ist doch schon recht herbstlich.

Oh, Moment, hier kommt gerade mein Tee. Ja, Pfefferminze, mit Zitrone, aber ohne Zucker. Die Diabetes, wissen Sie? Ach, woher denn. So gesund wie Sie aussehen. So entspannt, so ruhend. Ich kann mir gut vorstellen, daß Sie monatlich genügend Geld in der Familienkasse haben, um gut davon zu leben und auch noch auf die drei Urlaube im Jahr zu sparen. Nein, darum bin ich nicht neidisch. Jedenfalls möchte ich Ihnen das nicht wegnehmen. Sie arbeiten dafür wahrscheinlich sehr ehrgeizig und zuverlässig. Es ist schon wichtig, daß man als Mensch eine gute Arbeit hat. Och, da geht es nicht nur ums Geld, nein. Wissen Sie, ich arbeite ja auch gern da, wo ich arbeite. Allerdings würde ich es noch viel lieber tun, wenn man mich dafür bezahlen könnte. Spaß macht sie schon, meine Arbeit. Und sie hat mir noch viel mehr Spaß gemacht … Damals. Aber irgendwann reichte das Geld dann nicht mehr fürs Haus. Das wurde eben zwangsversteigert. Zum Anfang wohnten wir noch in unserer Doppelhaushälfte, geduldet vom neuen Eigentümer. Jaja, auch das war noch eine schöne Zeit. Aber nicht lange, nicht mehr lange … Wenn ich heute zurückblicke … Wissen Sie, ich war damals trotz allem bestimmt nicht so ruhend, wie Sie das sind. Da ging ich auch noch zum Friseur. Sie müssen mir übrigens bei Gelegenheit mal verraten, wo Sie zum Frisör … Sicher, ich werde Sie hier ganz sicher wieder finden, Sie müssen also nicht gleich!

Einen Kaffee werden Sie mir doch nicht abschlagen? Wissen Sie, ich möchte so gerne von Ihnen erfahren, wie Sie so ruhend sein können. Ja, ehrlich. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, daß es mir jemals so ging. Schon garnicht, nachdem ich verlassen wurde. Und aus unserem Haus rausmußte. Auf der Straße stand ich über Nacht. Sie, Sie mit ihrer Ruhe könnten das sicher aushalten. Sicher viel länger als ich. In der zweiten Nacht schon habe ich versucht, mich vor einen Zug zu werfen – auf dem Abstellgleis da hinterm Krankenhaus. Oh ja, entschuldigen Sie, daß ich Sie so lange aufgehalten habe, Aber ich fand es sehr nett, mit Ihnen zu plaudern! Gerne wieder! Nein, den Kaffee zahle ich mit, das geht schon in Ordnung. So als Danke für ihre offenen Worte, ja! Doch eine Bitte hätte ich noch an Sie, ehe Sie jetzt gehen:

Lassen Sie mir ein kleines Stück ihrer heilen Welt hier, bitte …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen. 

P.S.: Positiv am 30. September 2013 war ein notwendiger Anfang.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

274 / 365 (WP-count: 650 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day, postaday2013 #oneaday abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Kaffeeklatsch (Nº 274)

  1. Faktoid sagt:

    Ein allzu präsentes Gedankending, danke.

  2. puzzleblume sagt:

    gut ge- und beschrieben, was jemand wohl denken mag über andere, und wie sehr im Irrtum sein kann.

  3. Klingt fast wie Loriot 🙂 Aus Deiner Feder? Schön, wie ruhend und zentriert dieser Beitrag, mit oder ohne Doppelhaushaelfte auf Deinen Blog ruht 😉

    • Der Emil sagt:

      Ist aber wirklich aus meinem Stift. So ein „in einem Rutsch“-Text. Du legst den Finger in die Wunde und nennst das einzige Wort, das mir nicht zu pasen scheint: DHH, aber auch Reihenhaus, Eigentumswohnung, Eigenheim usw. passen nicht recht. Nur Haus?

      Ich weiß es nicht.

  4. Gudrun sagt:

    Du hast es abgelegt in „nichterlebt“. Bei mir würde es einsortiert werden müssen in „erlebt“.
    Die heile Welt der anderen möchte ich dennoch nicht. Sie ist so heil gar nicht.
    Ich geh jetzt mal lieber wieder, denn einwenig ist es mir nun doch nahe gekommen.

    • Der Emil sagt:

      Ein Stück von diesem Schicksal haben viele hier im Osten erlebt. Auch ich, aber eben nicht diesen Kaffeeklatsch und nicht das gesamte Schicksal.

      Und gegen ein Stück von der heilen Welt, nur ein Stück davon, hätte ich gerade auch nichts.

  5. wildganss sagt:

    Literarische Verarbeitung ganzer „Schicksale“, eine Art Sozialreport mit Deutungspotential in verbrämte gesellschaftliche Ecken. Wie las ich irgendwo: Das Innere eines Hamsterrads sieht erstmal wie eine Karriereleiter aus….
    Klasse!

  6. In diesem Fall möchte ich auf keinem der Stühle sitzen oder gesessen haben.

  7. Ein schöner Text, mit einem irgendwie sprachlos Zufriedenen. Wirklich zufriedene Menschen sehe ich allerdings sehr selten – hier im Prenzlauer Berg sind aber inzwischen viele, die das spielen, die ihr Leben als ein zufriedenes designen und inszenieren und wahrscheinlich auch selbst daran glauben, daß es ihnen gut geht. Wer weiß, vielleicht haben sie recht. Tauschen möchte ich allerdings mit niemandem, ich möchte ich sein in allen Variationen, notfalls auch arm, erfolglos und was weiß ich, selbst wenn es mir damit nicht gut gehen kann.
    Fast das selbe Thema hatte ich kürzlich auch, jedenfalls teilweise: http://nwschlinkert.de/2013/09/28/dein-stueck-berlin/

    • Der Emil sagt:

      Ich hatte es bereits gelesen (da war mein Text aber auch schon in meiner Kladde).

      Du sagat was Wahres: sie stylen und designen ihr Leben auf zufrieden und glauben letztendlich sogar es zu sein …

  8. syntaxia sagt:

    Ich muss an Paul Watzlawick denken, an die Geschichte mit dem Hammer…

    ..grüßt dich Monika

Antworte auf den Kommentar von Faktoid Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert