Psychofabulozoologie© Teil 1 (Nº 233)

Das Zweifeltier

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Nachdem Irgendlink bereits Bauesoterik und Appspressionismus schuf, stelle ich heute die neue Wissenschaft der Psychofabulozoologie © vor – und die geneigte Leserschaft bitte ich, sich den folgenden Text mit der Stimme des Prof. Bernhard Grzimek gelesen vorzustellen.

 

Ein Zweifeltier (Wolpertingus domesticus dubii, aus der Ordnung der Fabulonimbus) hat mich besucht, vorgestern und gestern. Eines von diesen großen, düstergrauen Tieren, die mir immerwieder mit ihrem sanften, dichten, ins Grünliche schimmernden Pelz um meine Beine streichen. Oft zwängte es sich zwischen meinen Beinen hindurch, legte sich im letzten Moment, so daß ich kaum noch ausweichen konnte, vor meine Füße. Damit wollte es mich wohl zu Fall bringen.

Diese erste Phase der Anwesenheit überstehe ich oft noch ganz gut. Ich komme zwar manchmal ins Straucheln, falle aber nicht hin. Wenn das Zweifeltier tut, was es sehr gern tut, und mir von hinten in die Kniekehlen springt, dann tut es das immer so, daß ich heftig ins Wanken gerate. Dabei verliere ich aus den Augen und aus den Händen, was gerade im Augenblick wichtig war und ist. Des Menschen Aufmerksamkeit wendet sich dem “armen” Tier am Boden zu.

Lassen Sie mich erklären, was danach geschieht: Das Zweifeltier surrt gefährlich beruhigend und lullt seinen Menschen damit ein. Ab und zu mischt sich ein quietschender Schmerzlaut ins Surren. Wenn man es jetzt nicht schafft, sich vom Zweifeltierchen abzuwenden, wenn man in diesem Moment noch beginnt, es tröstend und besorgt zu streicheln, dann hat der Mensch den Kampf gegen das Tier verloren.

Denn dann kann man seinen alles verschlingenden Augen nicht mehr widerstehen. Man verliert sich, seine Seele verliert man in den Augen des Zweifeltieres, die so groß und so geheimnisvoll sind und so unendlich tief und von wundervollen langen dunklen Wimpern umrahmt werden. Dann hat es endlich, was es will: unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Und weil es immer wieder quietscht, als ob es Schmerzen hätte, krault man es hinter dem Ohr und am Kinn und tätschelt seinen haarlosen, faltigen Bauch. Man gibt ihm sogar freiwillig das beste Futter, das man finden kann: menschliche Unsicherheit.

Und je mehr das Zweifeltier gefüttert wird, um so leidender wirkt es. Schließlich liegt es sterbenskrank aussehend überall dort, wo der Mensch auch ist: im Bett, auf dem Schreibtisch, neben der Computertastatur. Wenn man telefonieren möchte, legt es sein Ohr an die andere Seite des Telefons und piekst mit seinen spitzen, nadelspitzen Barthaaren schmerzhaft ins Gesicht. Will man etwas schreiben, legt es uns seine verkrüppelt aussehenden Vorderpfötchen auf unsere Hände.

Das Zweifeltier hat den Menschen in seinen Bann geschlagen. Es ist ein dankbares scheinendes, aber in Wahrheit nur forderndes Haustier. Es weicht 24 Stunden täglich nicht von der Seite des Menschen, den es sich ausgesucht hat. Es ist beim Mittagsschlaf dabei, im Bad hat man keine Ruhe vor ihm, es springt sogar mit unter die Dusche oder in die Wanne. Beim Kochen sitzt es auf dem Rand des Herdes, beim Abwasch planscht das Zweifeltier nur zu gern mit im Wasser herum. Nachts wird es den Schlaf des Menschen immer genau dann unterbrechen, wenn er sich in einem Traum wohlfühlt und es diesen Zustand spürt. Manchmal erschrickt es den Menschen, weil es sich im Kühlschrank versteckt, kurz bevor der geöffnet wird – und beim Öffnen springt es der Dame oder dem Herrn des Hauses ins Gesicht.

Verläßt der Mensch seine Behausung, so wird sich das Zweifeltierchen in einer Hand-, Jacken- oder Hosentasche, in einem Rucksack, Aktenkoffer oder Einkaufsbehältnis, ja sogar im Kinderwagen verstecken und “seinen” Menschen begleiten. Während der gesamten Zeit außer Haus gibt das Tier immer wieder seine quietschenden Schmerzlaute ab und bringt sich dadurch ständig in Erinnerung. Bei solchen Ausflügen wurde eine andere, bisher noch völlig ungeklärte Fähigkeit des Zweifeltieres entdeckt: Es ist in der Lage, seine Lautäußerungen in jede Art von Kopfhörern einzuspeisen. Bei durchgeführten Untersuchungen wurde dabei aber kein Mechanismus der Übertragung gefunden.

Wird das Zweifeltier zu lange mit Unsicherheit gefüttert, wächst es zu einem wahrhaften Giganten heran. Irgendwann packt das heimtückische Wesen seinen Menschen und schleppt ihn direkt in das tiefste und schwärzeste Loch der Depression. An dessen Boden setzt sich das Zweifeltier erst auf die Brust des Menschen und nimmt ihm damit den Atem. Sowie sein Mensch ohnmächtig resigniert, breitet es seine Flügel aus und fliegt fledermausähnlich davon. Der Mensch allerdings bleibt allein im dunklen Loch mit seinen beinahe unüberwindlichen Wänden zurück.

So muß es aber nicht enden mit dem Zweifeltier und seinem Menschen. Es gibt ein ganz einfaches Mittel, das Zweifeltier schnell und für eine Weile loszuwerden: Man muß nur eine Entscheidung treffen. Nur die Unsicherheit überwinden, verschwinden lassen. Das Zweifeltier zur Not treten, aus der Wanne schubsen, auf die heiße Herdplatte setzen. Niemals darf es wirklich gefüttert werden, gleich garnicht über eine längere Zeit. Hungrig fühlt es sich nämlich äußerst unwohl. Und wenn sich das Zweifeltier doch schon eingenistet hat, dann stellt man die Fürsorge und die Fütterung eben ein. Die Entscheidung muß lauten: Das Zweifeltier behält der Mensch nicht als Haustier.

Bitte glauben Sie nicht, werte Leserinnen und Leser, daß ein Kammerjäger etwas gegen dieses Zweifeltier ausrichten kann. Nein, der ist machtlos. Aber Zuspruch durch einen Freund, durch die Liebste, jeglicher Zuspruch schon schreckt das Zweifeltier ab. Seine feine Nase kann das Aroma der Kraft nicht vertragen, darauf reagiert das Zweifeltier sozusagen allergisch.

Über die Vermehrung des Zweifeltieres ist selbst unter Psychofabulozoologen, ausgewiesenen Spezialisten für seine Art, nichts bekannt. Ebenso unbekannt ist, wo es sich versteckt, wenn es nicht bei einem Menschen ist. Selten wird beobachtet, daß ein Zweifeltier direkt von einem zum nächsten Menschen geht. Wesentlich häufiger wurde beschrieben, daß urplötzlich bei Menschen, die Kontakt zu einem Menschen mit Zweifeltier haben, ebenfalls ein Zweifeltier auftaucht. Dabei ist völlig unklar, wo dieses zweite Exemplar herkommt. Die Wissenschaftler spekulieren über eine Teilung, wie sie bei Einzellern beobachtet werden kann.

Gegen das Zweifeltier gibt es nur eine einzige wirkungsvolle Prophylaxe: Ein von Leistungsdruck freies, sonniges, zufriedenes Gemüt. Und zwar stets und ständig. Die kleinste Unzufriedenheit, der geringste – auch nur eingebildete – Leistungsdruck, der von der Umwelt des Menschan ausgeht, oder der kleinste Schatten auf dem Gemüt führen zu einer beinahe zu 100 %igen Wahscheinlichkeit der Ankunft eines Zweifeltieres.

Die Ausrottung des Zweifeltiers ist allerdings nicht möglich, da es sich immer wieder verpuppen und in eine Gesunde Skepsis (Sanus Scepticismo) verwandelt (und auch umgekehrt). Wie diese Verwandlung, unter welchen Bedingungen diese Verwandlung stattfindet, ist leider noch nicht erforscht. Allerdings gilt als sicher, daß mit dem Zweifeltier auch die gesunde Skepsis von dieser Welt verschwinden wird.

Es bleibt nur eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Zweifeltier: Es nicht erst aufnehmen oder aber so schnell als möglich wieder davonjagen. Viel Glück dabei wünscht
          Dr. pfz. Leidmer

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 20. August 2013 waren: das nach Reparaturarbeiten endlich wieder fließende warme Wasser; eine kompetente und wirklich freundlich und geduldig beratende Verkäuferin bei einem Mobilfunkanbieter; die Schaffung der Psychofabulozoologie © durch die Geschichte mit dem Zweifeltier (in einem Rutsch); leckerer Salat; meine Entscheidung, den Buchfink vorzuproduzieren und so am Freitag wunderbare Konzerte genießen zu können.

© 2013 – Der Emil. Dieser Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Psychofabulozoologie© Teil 1 (Nº 233)

  1. Sofasophia sagt:

    hey, jetzt weiss ich endlich, was für ein tier mein (auch schon verbloggtes) monster dark ist. ein zwefeltier!

    ich quäle mich grad damit herum, seit irgendlink (den hasst es!!!) wieder weggefahren ist. ob ich es loswerde, wo ich doch keine tiere quälen mag? das ist nun wirklich ein dilemma. ich hoffe, ich kann es einfach aushungern und dann rausschmeissen!

    danke für diesen GENIALEN text!!

    zweifeltierfreie tage dir!

    • Der Emil sagt:

      (Ich geh dann mal lesen …)

      Ich weiß nicht recht. Es ist vielleicht auch etwas aus der Ordnung Fabulonimbus, aber eher ein Profundus Questionum Nigra (eine Schwarze Fragentiefe)? Ich seh mal im Lexikon der Psychofabulozoologie nach …

  2. wildganss sagt:

    Hochintelligente Fabuliererei in Reinform, man kann sich ein Beispiel nehmen. Oder mehrere…

    • Der Emil sagt:

      Ach, als ich über meine Veranlassung zu den „Sichten“ nachdachte, kam mir das Zweifeltier in den Sinn. Es blieb einige Stunden dort. Aber am späten Abend hatte ich solchen Spaß mit Dr. Leidmer und seiner Wissenschaft und seinem Vortrag …

      Diese Fabuliererei hat mir richtig, richtig viel Spaß gemacht. Danke für Dein Lob.

  3. irgendlink sagt:

    Grandios! Ich bin seit drei wach. Unterm Hochbett ist etwas Seltsames, das mir den Schlaf raubt. Zur Beruhigung lese ich Blogs.

  4. puzzle sagt:

    Super ge- und beschrieben.

  5. Gabi sagt:

    Einmalig Deine Beschreibung und Dein Text.
    Und jetzt weiß ich, wie gut ich doch dieses Tier auch kenne und wie oft es sich bei mir einnistet. Aber Dank Deiner Tips sollte ich nun ja wissen, wie ich es los werden kann.
    Schaun wir mal, ob es auch immer klappt. 🙂
    LG Gabi

  6. Pingback: #Lyrimo 25: Die Ordnung Fabulonimbus«. | «schreibversuch

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