Kleine Schönheit
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Ein kleines Büchlein (10cm x 15 cm) des Friedrich Georg Freihher von Rechenberg fiel mir vor einiger Zeit im Umsonstladen in die Hände (es ist sogar auf der Wikipediaseite des Frhr. v. R. erwähnt). Das Werk «Im Bannkreis des Brockens» erschien irgendwann zwischen 1923 und 1930 im «Verlag von Gottlob Koelze, Wernigerode».
Es ist eine kleine, fast groschenromanhafte Erzählung mit frohem Beginn, Natur und Sentiment, mit Verwirrungen und Unglück auf 79 Seiten. Das faszinierende aber ist für mich nicht der Inhalt, sondern seine Gestaltung als Buch. Und in Vorbereitung dieses Artikels hatte ich mehrere positive Erlebnisse.
Mein Exemplar hat einen Schutzumschlag, der leider arg beschädigt ist. Seine fast kitschige Vorderseite zeigt eben den Harz, den Brocken, gemalt extra für dieses Buch. Und auf dem vorderen Klappentext heißt es, den Inhalt deutlich konkreter als heutzutage zusammenfassend:
“Den sagenumwobenen Brocken hat Frhr. v. R. diesmal zum Inhalt seines neuesten Harzbuches gemacht. Wer den Brocken liebt, der liebt auch dieses feine Buch, das in dichterischer Schöne von den geheimnisvollen Kräften dieses Berges erzählt.—Es schildert wie ein Menschenherz in die Zauberkraft des Brockens gerät. Wie er mit der “Walpurgiswelt” der Täuschung und des Scheins kämpft.—Wie endlich der Weg in die wahrhaft große Welt des Göttlichen zwei Menschen zu einander erlöst und damit vom Zauberbann befreit.—Das ist alles in so herzerquickend schöner Weise erzählt.—Ganz selten schön sind die Naturschilderungen, die einem den Harz lebendig vor der Seele malen. Man sieht die blauen Berge und riecht den würzigen Duft des Waldes.—Nimm und lies und laß dich beschenken von dem, der dies alles erdachte.”
Gedruckt wurde mit ziemlicher Sicherheit im Bleisatz, d.h. jeder Buchstabe mußte einzeln aus einem Seztkasten in die Schließform gesetzt werden. (Ich habe wirklich nicht viel Ahnung von der Arbeit, aber falls sich jemand dafür interessiert: In seinem Blog Schreibenistblei läßt Martin Z. Schröder ganz genau in seine “Druckerey” blicken.) Jedenfalls liebe ich die Frakturschriften, würde selbst gern einmal meinen Text hier damit gestalten. Aber dazu muß ich so weite Umwege gehen, daß der Aufwand mir nur sehr selten gerechtfertigt erscheint – und meist meine Faulheit siegt.
In meinem kleinen, sauber gesetzten und gebundenen, meine Leseraugen schmeichelnden Büchlein sind zudem vier Photographien reproduziert, von deren Photographen Dr. Drefner ich dann noch einiges in Erfahrung bringen wollte.

Sauberer Bleisatz in Fraktur: «Im Bannkreis des Brockens» des Frhr. F. G. v. Rechenberg. Mit Reproduktion der Photographie «Wolken über dem Brockenhotel» von Dr. Defner
Herr Dr. Adalbert Defner lebte und arbeitete von 1919 bis 1925 in Wernigerode im Harz und kehrte dann nach Österreich zurück. Den von ihm 1929 in Igls als Werkstätte für Lichtbildkunst gegründeten Defner Photo Verlag führt heute der Enkel Thomas Defner. In der Galerie dort sind wunderschöne Aufnahmen zu sehen.
Diesen Defner Photo Verlag hatte ich per Mail angeschrieben und mein Anliegen geschildert: Ohne rechtliches und monetäres Risiko wollte ich eine Abbildung der Buchseite mit diesem Photo hier veröffentlichen. (Sonst wäre das meinem gesunden Menschenverstand nach evtl. ein echtes Rechtsproblem gem. §44 (2) UrHG, obwohl §51 UrHG meine Nutzung hier wahrscheinlich abdecken könnte.) Kurz und knapp antwortete mir Herr Thomas Defner persönlich, daß ich das Bild seines Großvaters gern verwenden darf. Besten Dank dafür an dieser Stelle nochmals, Herr Defner!
Gleiches wollte ich mit dem Verlag Gottlob Koezle tun – allerdings suchte ich da erfolglos nach weiteren Informationen.
Aber: Ich habe wunderschöne Bilder gesehen, mehrere mich interessierende Bücher aus diesem Verlag im ZVAB und in verschiedenen Bibliotheken entdeckt. Ich weiß, daß ich in Zukunft in den Antiquariaten auch nach Postkarten mit Motiven A. Defners suchen werde. Selbst die Entdeckung der Trivialliteratur aus der Zeit zwischen 1920 und 1930 war ausgesprochen angenehm für mich.
Meine Such- und Leselisten vergößern sich immer mehr …
Und ganz ehrlich: eine solche Qualität, wie sie damals für 1,50 RM verkauft wurde, gibt es heute im Bereich der Trivialliteratur nur noch selten.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 3. Mai 2012 waren der Behördenbesuch und weitere Nachrichten aus der Zukunft und die Planung des Besuches.
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Ich liebe alte Sprache mit Formulierungen, wie: selten schön ~ von seltener Schönheit. Oder die Verwendung des Wortes „gegen uns“ mit der heutigen Bedeutung von „für uns“ (aus meinem Konfirmationsspruch). Sprachhistorie gilt es zu entdecken. So, wie du jetzt die Bilder dieses Fotographen entdeckst.
Ich hätte das Buch schon des Einbandes wegen gekauft 🙂
Immer, wenn ich meinen Freund im Harz besucht habe, gab es eine Stelle während der Zugfahrt, von der ich, gutes Wetter vorausgesetzt, den Brocken sehen konnte. Jedesmal ging mir das Herz auf!
Liebe Grüße,
Elvira
Zuerst dachte ich, Du hättest ein besonderes Buch in einem „Brockenhaus“ gefunden. So heißen hier manche Gebrauchtwarenläden.
Was Du hier beschreibst, auch was die Buchkunst betrifft, finde ich klasse, fein, interessant, unüblich, altmodisch, unzeitgemäß, so richtig nach meiner Art….DANKE! In Mainz im Gutenberg-Museum sind solche Schätze auch zu bewundern, und es gibt einen Druckladen, wo man in die Kunst des Druckens eingewiesen werden kann…vielleicht auch für Dich eine Reise wert!?
Gruß von Sonja
Toll! Danke.
Heute morgen kam dann eine positive Reaktion aus Tirol, von Thomas Defner. Hach!