Velosophie (#104)

Um’s Meer geht’s weiter

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Ein kleines philosophisch-psychologisches Chaos hinterläßt meine tägliche Lektüre zur Zeit in mir. Und dann ist heute auch noch Freitag der 13.

 

Die Wissenschaft Velosophie
entschlüpfte mir – als Wort – beim Lesen
in England jüngst erradelter Gedanken.
Nicht auf dem Schiff mit weißgeschrubbten Planken,
nicht in der Bahn in den Vogesen.
So weit wie er dacht‘ ich noch nie.
 

Ein Doreacht in Anlehnung an den 28er nach Helmut Maier.

 

 


Mit freundlicher Genehmigung © 2012 by Irgendlink. Originalbild in diesem Artikel. Bitte nicht ohne ausdrückliche Genehmigung von Irgendlink weiterverwenden!

Der Irgendlink, der früher schon als «Europenner» unterwegs war, hält sich genau an seinen Zeitplan. Am 11. April 2012, nach genau 15 Tagen von geplanten 90 Tagen, hat er ziemlich genau 1000 km von geplanten 6000 km geschafft.

Und weil er (vor Ort) meist allein unterwegs ist (ich und viele andere begleiten ihn in Gedanken – und im WWW), denkt er nach:

Über die Landschaft, die Bauwerke, die Zäune. Über die Ausschilderungen von Unterkünften. Über das Wetter. Über die Menschen und darüber, wie sie sind, dort, wo er mit dem Fahrrad unterwegs ist. Über Gewohnheiten. Über Essen. Über den Abwasch und Elektrizität. Über Gruppen und How-does-it-feel.

Am meisten, glaube ich, denkt er über sich und seine Kunstaktion “Um’s Meer” nach. Und er denkt sich Worte aus: Borumatisieren. Gutwort. Fischjakobesk. Es grönemeiert. Und er denkt nach.

Am 6. April war nach der Eingewöhnungsphase zu lesen, was ihm über Gewohnheiten auffiel:
«Alles ist Gewohnheit. Und Gewohnheit ist alles, damit wir uns in unserem Leben wohl fühlen können. Somit ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, dass er mirnichts-dirnichts aus seinem Gewohnheitsnetz gerissen wird und sich von heut auf morgen umgewöhnen muss. Ein Temperatursturz zum Beispiel.»

Auf der Fähre von Dover nach Calais bemerkte er beim Anblick eines Reisebusses voller Holländer:
«Mir wird klar, dass es pure Psychologie ist, wie wir Menschen in Gruppen auftreten. Gruppen geben dem Schwachen Macht, fangen den Ängstlichen auf, geben dem Schäbigen die Möglichkeit, sich auszutoben, ermöglichen dem Gehemmten, seine Hemmung zu verlieren und so weiter und so fort.»

Am Tag 11 schwärmt Irgendlink noch von der guten Beschilderung der Cycleroute 1. Später stellt er fest, daß er sich verfahren haben muß, wenn er zwei Kilometer weit kein einziges Schild gesehen hat. Mir scheint, es geht mir hier schon im normalen Leben so, daß ich bei fehlenden Wegweisern (durchaus auch im übertragenen Sinne gemeint) die Orientierung verliere.

Trotz aller Anstrengungen ist Irgendlink immer wieder auch sehr witzig und regt mich zu breitem Grinsen oder mitwisserischem Schmunzeln an. Ich ahnte zum Beispiel auch, daß sich Douglas Adams irrte.

Auch hier muß ich ihm vorbehaltlos zustimmen:
«Wir “wissen” zu viel, das wir nicht richtig einordnen können und verschieben somit das reale Bild, das in aller Klarheit vor uns liegt, in ein abstruses kollektives Wahnbild.» Vieleicht ist diese Hysterisierung (welch tolles Wort!), von der er da schreibt, das, was mich von solchen Unternehmungen abhält? Was auch andere vom “Einfach machen!” abhält?

Früher … Früher habe ich viel weniger hinterfragt. Heute muß immer erst dies oder jenes geklärt sein, ehe ich etwas machen kann. Mein Leben ist komplizierter geworden seit früher. Doch Irgendlinks Sätze über Mystik und seine Teezettelsprüche stehen als Denkhilfen in meiner Kladde.

Ach liebe Leser, nehmt mir die vielen Links zu seinem Blog nicht übel. Seine Reiseberichte interessieren mich mehr als immer neue Hiobsbotschaften aus Europa. Und meine Betrachtung seines Blogs ist etwas, das ihn interessiert, etwas, nach dem er gefragt hat. Was das Mitlesen bei ihm in mir noch bewirkt, außer Neid, Sehnsucht, Mitfiebern? Denkanstöße en masse liefert mir sein Reisebericht, seine Innenansicht. Und Spannung, jeden Tag wieder.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 12. April 2012 war ein gelungener Spezial-Einkauf.

© 2012 – Der Emil. Eigene Texte & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können in meinem Blog erfragt werden.

104 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 667 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Velosophie (#104)

  1. Follygirl sagt:

    Ein tolles Thema, ein sehr interessantes Unterfangen… das werde ich jetzt wohl auch verfolgen…
    LG, Petra

  2. Sofasophia sagt:

    ein bisschen reist er ja für uns alle 🙂
    du hast feine zitate herausgepickt!!!
    danke!

  3. Irgendlink sagt:

    Lieber Emil, ich bin grad ganz gerührt, gefühlsduselig mit Tränchen. Hier im Zelt nördlich von Colchester. Dass Dir das Mitlesen in meinem Blog so viel bedeutet. Hach. Danke. Und Danke für den Schönen Artikel, von dem SoSo, die Homebase schon erzählt hat.
    Liebgrüß
    Jürgen

    • der_emil sagt:

      Ja, ich gebe hiermit öffentlich zu, daß ich mir vor der Veröffentlichung Rückhalt von der Homebase hole – wie stünde ich denn da, wenn mein Artikel voller Ungenauigkeiten und Fehlern wäre.

      Nun, ich schreibs gern auch hier nochmal: Tägliche Lektüre, die mir mehr gibt als jede Tageszeitung. Und selbst die Tagesschau ist mir zu katastrophisiert, als ob es nur noch schlechte Nachrichten und noch schlimmere Erwartungen gäbe.

      Ich hoffe, die Tränchen konnten heute im Sonnenschein trocknen.

  4. Elvira sagt:

    Sollten das nicht alle guten Reiseberichte machen? Uns das Gefühl geben, wir wären dabei? Uns vergessen machen, dass wir in Wirklichkeit auf dem Sofa oder vor dem PC sitzen? Uns Dinge vermitteln, die weit über das 08/15 Sightseeinggeschwafel hinausgehen? Uns mitnehmen auf völlig andere Wege? Uns auch in Sackgassen führen, die zu betreten es sich letztendlich doch gelohnt hat? Reiseberichte, die uns nachdenken lassen, die uns berühren, sind oft wie Perlen – viele Muscheln, aber selten ein echtes Kleinod!
    Herzliche Grüße,
    Elvira

  5. Dina sagt:

    Toll gemacht, du hast mir jetzt ein paar feine Anregungen für meine Präsentation gegeben.

  6. der_emil sagt:

    Ups – ich hab erstmal den falschen Link korrigiert …

    • nextkabinett sagt:

      Lieber Emil, ich fände es supersupersuper, wenn Du Deine Irgendlink-Artikel auch ins Reiseministerium verlinken würdest. Den freien Zugang dorthin hast du ja. Ich schaffe es zeitlich wirklich nicht, das zu tun, muss alle Blogs mal adminitrativ auf den neuesten Stand bringen usw.. Auch fände ich es schöner, es würde dort direkt von Dir gepostet werden, als dass ich es mache. Du weißt ja, die Vielstimmigkeit.
      Danke Dir dafür und lieben Gruß von hier aus … Renate

  7. Pingback: Velosophie (Irgendlink reist “Um’s Meer”) | Ministerium für Reiseangelegenheiten

  8. Meike sagt:

    Du schriebst: „Seine Reiseberichte interessieren mich mehr als immer neue Hiobsbotschaften aus Europa.“ Das find ich sowas von toll, dass du das schreibst. Weil das ehrlich ist. Und weils mir auch so geht. Aber man manchmal schon fast ein Aussätziger ist, unter manchen Menschen, wenn man zugibt, dass es manchmal Schöneres und Wichtigeres gibt (geben sollte), im Leben, als das über-regelmäßige Verfolgen dieser Hiobsbotschaften.
    Tja, Irgendlinks Reise, das ist schon was Besonderes.
    Lieben Gruß.

    • der_emil sagt:

      Ich hab ja auch kein „westfernsehen“, sondern seh, wenn ich mal die Gelegenheit habe, per DVBT. Da gibts hier nur ARD/ZDF und angeschlossene, keine privaten Sender.

      Mir fällt auf, daß die auch immer RTlliger werden …

  9. der_emil sagt:

    Ach ja: Velosophie ist keine Erfindung von mir … Leider.

  10. nextkabinett sagt:

    Reblogged this on Germanys next Kabinettsküche und kommentierte:
    Velosophie … mit dem Fahrrad denken … man könnte auch eine Pedosophie machen … mit den Füßen denken …

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