Die Kunst? (Nº 321 #oneaday)

Einar Schleef: Selbstbildnis (“Ich friere”) 1980

Filzstift auf Papier

To get a Google translation use this link. Ich habe tatsächlich Bedenken, das Bild selbst hier einzubinden.

Gestern im Museum: Eine Fensterfront, von Innen, die drei Scheiben beschmiert. Was dort geschrieben steht, illustriert die einfache Zeichnung. Vor den Fenstern ein (Schreib-) Tisch. Noch davor ein Stuhl und darauf ein Mann in Rückenansicht. Den erahne ich nur, weil ich um den Bidtitel weiß und ein Kopf ohne kunstvolle Frisur angedeutet scheint.

Vor mir hängt eine eher einfache Zeichnung, die so mancher Schüler der Klassen sechs und sieben angefertigt haben könnte. Nur: Diese hier ist von Einar Schleef. Und somit Kunst. Mit schwarzem Filzstift auf Papier gebracht.

Meine Augen irren über’s Blatt. Kunst? In der Andeutung des Karomusters der doppelten Decke? Wo denn, wo denn nur in dieser Kritzelei ist die Kunst?

Ich verstehe es nicht. Ist die Kunst in dem Schriftzug «1200 — M / Monatlich!» zu finden? Oder, auf der mittleren Scheibe: «4.1.80 / ich / friere!»

Krakel. Krikel. Krakel.

Links auf dem Tisch, erst beim zweiten oder dritten Hinsehen erkennbar, steht eine Flasche. Ich sehe sie leer, ein anderer sieht sie halbvoll. Das kann die Kunst sein.

Der Inhalt dieser Flasche. Das, was gleichzeitig da und nicht da ist: Das ist die Kunst. Die Meisterhaftigkeit dieser Kunst, in diesem Blatt. Nur meisterhafte Kunst kann die quantenmechanische Realität mit ihren Wahrscheinlichkeiten so genau abbilden. Ich muß an Schrödingers Katze denken, wenn ich diese Flasche sehe, dieses Detail auf einer Kinderzeichnung. Winzig, aber da.

Und der Inhalt (der Flasche) und die Kunst: Nicht da und doch da. Von meinem Blick abhängig.

Es ist ein seltsames Ding mit meinem Blick: Manches erfindet er erst ins Bild hinein und manches weigert er sich wahrzunehmen.Genauso ergeht es mir übrigens mit Menschen: Dieses Detail übersehe ich und jenes denke ich mir hinein. Wie in dem Bild vom Schaf beim Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry, über das Kurt Demmler sang:

Bitte male mir ein Schaf / und verleih ihm jene Gabe / daß ich, wie du’s immer zeichnest, / meins dazuzuzeichnen habe.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 16. November 2011 waren: ein mißlungener Versuch, eine unerwartete Umarmung mit Tränen, ein besonderes Lob, wunderbare Gespräche und eine herrliche Inspiration.

P.P.S.: Einen, den wichtigen Ausschnitt aus dem Bild, fand ich in der Thüringer Allgemeinen – falls der Link nicht mehr verfügbar ist, habe ich hier einen Bildschirmausschnitt gespeichert. Außerdem ist eine Abbildung der Zeichnung im Quartalsprogramm September bis November 2011 (Achtung: PDF >1MB) der Stiftung Moritzburg enthalten. Diese Datei habe ich lokal gespeichert.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Die Kunst? (Nº 321 #oneaday)

  1. Follygirl sagt:

    Ich friere…kommt mir so bekannt vor… dicke Jacke, dicke Strümpfe, limitiertes Geld… irgéndwie den harten Winter überstehen…

    LG, Petra

  2. Was du immer alles so machst, Emil, respekt! 😉 lg steff

    • M. sagt:

      Ich staune über den Mann auch immer wieder.

      • der_emil sagt:

        Wenn ich zur Zeit nicht eine (allerdings von mir jetzt nicht hier genannte) Art „Zwang“ dahinterstehen hätte, würde ich auch nicht so viel erleben.

        Aber: Auch für die Zeit „danach“ habe ich mir jetzt vorgenommen, mindetsens einmal im Monat in ein Museum oder eine Galerie zu gehen. Jahreskarten kosten immer um die 20 Eu für mich …

  3. sucherin sagt:

    Vor langer Zeit habe ich einmal eine Kunstausstellung besucht, die darin bestand, dass kreuz und quer im Raum Schnüre gespannt waren. Es war interessant,aber in meinem Innersten fragte ich mich, was bitte daran Kunst sein sollte (könnte ich doch auch,oder?). Als ich mich später mit Künstlern über die Frage, was eigentlich Kunst ist, unterhielt, erfuhr ich, dass bereits meine Auseinandersetzung mit dieser Frage Kunst sei. Allein, dass ich mich so intensiv mit den Seilen und Schnurstücken befasse, mache diese zur Kunst. Seitdem gehe ich zunächst offen an jegliche Kunst heran und wenn ich sie dann nicht verstehe oder denke, dass ich das doch auch könnte, nenne ich diese Art von Kunst in Erinnerung an mein damaliges Erlebnis „Schnur- Seilstücke“. Dann muss ich innerlich grinsen und vielleicht ist auch das Kunst .-).

  4. anniefee sagt:

    Oh, warst du in der Moritzburg ?
    Die Einar Schleef-Diskussion hatten wir letzte Woche nämlich auch, sie ging etwa so:
    J: „Also ich finde den Einar ja nich so dolle.“
    M:“Was, warum denn nicht ?“
    J:“na, für mich muss Kunst auch ästhetisch sein und dessen.. na, ich weeß ja nich.. das kann ich ooch zeichnen. Was soll der Quatsch ?!“
    ich:“bei Kunst geht es oft nur um das Gedachte dahinter, ich habe den Eindruck da wird oft nur die Idee verkauft und nicht das Handwerk. Wenn man mal an all die riesigen Installationen denkt, da können die Künstler auch nicht alles selbst anfertigen und heimsen trotzdem den ganzen Applaus ein.“
    Dann fiel mir noch Olafur Eliasson ein, dessen Ausstellung für den ahnungslosen Betrachter ohne intellektuellen Überbau eher Spiegelkabinett und SchnickSchnack war denn Kunstprojekt:
    http://www.olafureliasson.net/exhibitions/innen_stadt_aussen.html

  5. Frau S. sagt:

    Hach ja, Kunst, da kann ich auch ein Lied von singen!

  6. der_emil sagt:

    Jetzt muß ich doch eine zweite Antwort hier schreiben.

    Vor einiger Zeit hatte ich nämlich einmal über mein Schreiben laut nachgedacht und darüber, daß ich es Kunst nenne. Ich bin dafür verantwortlich, daß etwas Kunst ist.

    Liebe Sucherin, insofern hast Du mir genau den Punkt gezeigt, um den es geht: Kunst ist es nur, weil ich mich damit beschäftige – und dann ist es Kunst für mich. Also war, ist auch dieses Schleef-Bild Kunst.

    Und auch mit Dir, annifee, gehe ich d’accord: die Idee dahinter. Das andere ist z. B. Kunsthandwerk oder Handwerk oder …

    Danke. Und Steff: Wie ist das bei Dir, mit Deiner Kunst (jetzt und gewesen)?

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