Wahrnehmung (Bilder, Nº 282 #oneaday)

Eine Übung

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Gestern nachmittag – ich wußte nicht so recht, was ich mit mir anfangen sollte; und draußen war es ziemlich herbstlich – versuchte ich mich an einer einfachen Wahrnehmungsübung.

Bewege Dich in Deiner Stadt und nimm alle 15 Minuten ein Bild auf. Orientiere Dich nicht an einer Uhr. Suche Motive. Alle 15 Minuten ein einziges Bild.

Ich startete mit dem Vorhaben, etwa drei Stunden unterwegs zu sein und dabei etwa 10 Bilder (die hab ich natürlich gezählt!) zu machen. (Die Miniaturen sind anklickbar – für größere Ansichten.)

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Das erste Bild entstand um 14.33 Uhr, als ich den Blick auf die Stadt festhielt vom Fenster vor dem Fahrstuhl aus. Das zweite Bild entstand 14.51 Uhr direkt nach dem Aussteigen aus der Straßenbahn an der Saline. Wie gut ich 15 Minuten schätzen konnte, erfuhr ich erst beim Bearbeiten der Bilder am Abend zuhause. Diesmal allerdings scheint es recht gut zu passen.

Es fiel mir allerdings wirklich schwer, mich auf “nur ein Bild” zu beschränken. Ich sah so viel, das mir sonst nie auffällt – ja natürlich, weil ich nach Motiven suchte.

Die Baugrube mitten in der Stadt ist mit Wasser gefüllt. Ob es nur vom Regen stammt? Ich habe sie um 15.11 Uhr fotografiert. Mit dem nächsten Bild konnte ich nicht länger warten: Eine Taube saß in einem Hauseingang, zog sich, als ich näher kam, nur noch weiter in die Ecke zurück und schien den Fluchtreflex vollkommen verloren zu haben. Ich konnte sie sogar streicheln, bevor ich sie 15.23 Uhr ablichtete.

Dann war ich in einem Durchgang in der Großen Ulrichstraße und war um 15.43 Uhr von der Lichtsituation beeindruckt. Und schon um 15.52 Uhr fragte ich mich, ob diese buchstabierte Straßenkunst (ich liebe solche Kunst!) aus dem Gedicht “Was es ist” von Erich Fried stammt …

Schließlich mußte ich um 15.59 Uhr (tatsächlich kurz danach) dem “Ein-Bild”-Grundsatz untreu werden, weil ich am Straßenbahnwagen ein Detail festhalten mußte. Aber bisher habe ich es wirklich vermieden, mich an Uhren zu orientieren. Das ist schwer, denn wieviele öffentliche Uhren es in Halle (Saale) gibt, bemerkt man nicht, wenn mann nach einer Uhr sucht (dann findet man nämlich keine), sondern erst, wenn man ihnen ausweichen will.

Ich stellte fest, daß ich auch mein Inneres besser wahrnehme. Habe ich doch deutlich gespürt, wie der Ärger während eines Telefonates anwuchs. Ich war in der Lage, das zu artikulieren und der Liebsten sehr deutlich mitzuteilen, daß ich sowieso überempfindlich war und dann auch sauer.

Blieb mir noch die Schwimmhale in Halle-Neustadt, in deren Fenstern ich um 16.23 Uhr die Spiegelung sah, und zum Abschluß um 16.49 Uhr die Aufnahme des Beweises für die Tatsache, daß jetzt Herbst ist.

Interessant, wie unterschiedlich lang 15 Minuten sind – und was ich bisher so alles in der Stadt übersah …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 8. Oktober 2011 war: Nudeln mit roter Soße zum Frühstück, recht angenehmes Wetter und die Fähigkeit, Unmut zu äußern. Den Widersprüchen vom 31. Mai und vom 28. Juni d. J. wurde in vollem Umfang entsprochen, die entsprechenden Bescheide sind aufgehoben.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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25 Kommentare zu Wahrnehmung (Bilder, Nº 282 #oneaday)

  1. der_emil sagt:

    Hmpf. Planung war auf 00.15 gestellt. Grad eben – um 05.50 – war noch nicht veröffentlicht …

    Seltsam …

    • Gudrun sagt:

      Hihi, mir wurde mal mitgeteilt, dass immer nach Server-Zeit veröffentlicht wird. Und da die auch gleich mal am Poppes der Welt stehen…

      Lieb Sonntagsgrüße an dich, lieber Emil
      (Deine Übung finde ich gut, die Bilder sehr unterschiedlich, spannend)

  2. anniefee sagt:

    Coole Übung. Wo gab es diese Aufgabe ? (habe ich den Hinweis überlesen ?)

    • der_emil sagt:

      Du hast den Hinweis nicht überlesen. Die “Aufgabe” hab ich mir selbst gestellt, einfach so. Sie war mein Grund rauszugehen und mehr als nur den Lidl aufzusuchen. Nebenbei hab ich einen wunderschönen Laden entdeckt – zum Beispiel.

      Wahrscheinlich hilft es mir, mich selbst mit bestimmten Aktivitäten zu beauftragen.

  3. M. sagt:

    Ich finde deine Aufgabenstellung genial sich selbst auch mal wieder zu motivieren. Toll, was manche Änderung des Blickwinkels alles hervorbringt. Weitermachen, Emil.

  4. Inch sagt:

    Sehr schöne Idee! Scheint mir, als sieht man da auch Dinge, die man sonst nicht so wahrnimmt

    • der_emil sagt:

      Ja. Versuche einmal, keine öffentliche Uhr zu sehen … Versuche einmal, die Farben der Briefkästen in der nächsten Reihenhausiedlung bewußt wahrzunehmen …

      Was ich verzweifelt suche, finde ich oft nicht – aber ganz viele andere Dinge sehe ich bei solchen Touren.

      • Inch sagt:

        Stimmt! Manchmal sehe ich etwas „Neues“ und frage verblüfft: Seit wann ist das denn da? Und dann antwortet mein Nachbar: Schon immer. Da bin ich wohl ein paar Jahre blind durch die Stadt gerannt…
        Das mit den Uhren probier ich demnächst mal aus

  5. Elvira sagt:

    Ich versuche manchmal mir vorzustellen, dass ich völlig fremd bin und die alltäglichen Wege und Häuser ein erstes Mal sehen würde. Ein bißchen Übung gehört dazu, den Blick dafür zu schulen, aber es klappt.
    Übrigens glaube ich, dass die Taube sich zum Sterben zurückgezogen hat, so, wie sie zusammengekauert in der Ecke hockt. Zwar sind die meisten Stadttauben nicht wirklich menschenscheu, aber anfassen lassen sie sich dennoch nicht.

    • der_emil sagt:

      Schon bewußtes Langsamgehen – für den Weg statt der üblichen fünf Minuten einmal zwanzig brauchen – verändert den Blick.

      Die Taube: Zum Sterben? Kann sein … Jedenfalls rührte sie mein Herz, und ich konnte dem Wunsch nach einer sanften Berührung nicht widerstehen.

      • Elvira sagt:

        Das macht Dich sehr sympathisch! Die meisten hätten dem Tier noch einen Fußtritt gegeben, werden die Stadttauben doch auch gerne als fliegende Ratten betitelt (ich mag auch Ratten!). Das mag zum einen sicher stimmen, Tauben übertragen Krankheiten, aber sie sind auch einfach Lebewesen. Und für mich gehört Respekt jedwedem Lebewesen gegenüber einfach zum Leben, so einfach! Oder so einfach könnte es sein, stimmts? Dann hätten wir Frieden! Zu einfach gedacht?

        • der_emil sagt:

          Ich war heute nachmittag nochmal dort: Die Eingangsecke sah noch immer so schmuddelig aus wie gestern, aber das Tier war nicht mehr da.

          Lebewesen. Genau. Mitgeschöpfe. Auch, wenn ich sie gerne esse, so kann ich den Tieren und Pflanzen (auch das sind Lebewesen!) respektierend gegenübertreten. Frieden hätten wir sicher schon, wenn wir jedem (JEDEM!!! Wirklich JEDEM! Auch dem, der grad unser Portemonnaie geklaut oder etwas anderes “Schlimmes” getan hat.) Mitmenschen so begegnen würden …

          • Elvira sagt:

            Ja, auch Pflanzen sind Lebewesen. Sie kommunizieren sogar untereinander, jedenfalls wissen wir das von bestimmten Arten. Darum spreche ich auch Menschen an (meistens Kinder), die Äste oder Rinde von den Bäumen reißen. Den meisten ist das überhaupt nicht bewusst.

  6. Himmelhoch sagt:

    Deine innere Uhr ist bewunderunswürdig – ich glaube, die hätte ich nicht, weil ich schon zu lange eine äußere trage.
    Diese Idee in abgewandelter Form habe ich mal eine ganze S-Bahn-Strecke lang gemacht.
    Schöne aber auch wenier schöne Fotos sind bei dir entstanden.

  7. Das ist eine tolle Idee und eine interessante Umsetzung, lieber Emil! Ich glaube, sowas mache ich auch mal. Danke für die Inspiration!

  8. E.Roth sagt:

    gute Idee !

  9. Follygirl sagt:

    Ja, wirklich ein geniale Idee… ich werde das auch mal versuchen, allerdings werde ich mit der Zeeit wohl große Problem haben (wie heißt das? Der Glücklichen schägt keine Stunde..?)
    Sehr interessante Fotos…
    So ein bißchen mache ich das eigentlich auch, gucke und gucke, wobei ich feststelle der beste aller Ehemänner sieht sehr viel weniger Details, mir entgeht eigentlich nur sehr wenig…
    Na ja… LG, Petra

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