8. Türchen: Baum klauen

Früher, als ich noch ein (kleiner) Junge war, verbrachte ich die Weihnachtszeit gerne bei meinen Großeltern mütterlicherseits.

Mein Opa war Handwerker, Böttcher, und im Dorf bekannt wie ein bunter Hund.

Jedes Jahr im Spätherbst ging er in ein ganz bestimmtes Waldstück und markierte dort drei oder vier junge Bäumchen. Ein Schleifchen oder ein Bindfaden wurden um die Spitze gebunden.

Und am 23. Dezember dann durfte ich ihn begleiten.

Kurz nach dem Frühstück hieß es: „Kumm, Gruußer, naus nein Wald giehts! Heit maus mr ne Weinachtsbaam.” 1) Oh, war das immer aufregend. Meist ging es auf dem Feldweg durch hohen Schnee bergan zum Wald.

„Gung, itze paß näär auf, daß net ebber dr Färschter kimmt. Wenn daar uns drwischt, zohln mr Stroof oder daar sperrt uns ei.” 2) Und dann ging es mitten hinein ins Fichtendickicht.

Eines von den markierten Bäumchen stand immer noch an seinem Platz. Großvater bog und drehte und brach mühselig den Baum ab. Mit dem Stamm versuchte er dann noch, im Boden herumzustochern. „Wenn dr Färschter frööcht, kah iech noochert soogn, is war e Windbruch! 3)

Mit dem geklauten Baum ging es schnurstracks nach Hause, um ihn „in dr gutn Stuub ahzeputzn” 4).

Und so war rechtzeitig zum Fest ein wunderschöner Weihnachtsbaum im Haus.

P.S.: Viele Jahre später, der Großvater war lang schon tot. Bei einer Auseinandersetzung um ein Erbe erfuhr ich, daß der Wald immer meinem Großvater gehörte. Dem VEB Staatlicher Forstwirtschaftsbetrieb war nur die Bewirtschaftung übertragen …

Danke fürs Lesen – und habt eine besinnliche Zeit.

 1) Komm, Großer, hinaus in den Wald geht’s! Heute mausen wir den Weinachtsbaum

 2) Junge, jetzt paß nur auf, daß nicht etwa der Förster kommt. Wenn der uns erwischt, zahlen wir Strafe oder der sperrt uns ein.

 3) Wenn der Förster fragt, kann ich nachher sagen, es war ein Windbruch.

 4) in der guten Stube «anzuputzen»

Der Emil

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Kommentare zu 8. Türchen: Baum klauen

  1. Mieze sagt:

    Seltsam, wir sehr man sich an die Kindheit zur Weihnachtszeit erinnert. Heute verschwende ich kaum einen Gedanken an Weihnachten, nur werde ich alle Nase lang darauf gestupst.
    Damals jedoch erscheint mir weichen Licht der Vergangenheit Weihnachten schöner und heimliger und dies, obwohl wir immer recht spartanisch feierten. Aber schön war es trotzdem.
    Danke für das kurze Innehalten

  2. nextkabinett sagt:

    😉

    Sehr witzig und wahr. So hat Dein Opa Dir Dein Rebellentum mit auf den Lebensweg gegeben und Deine anarchische Seele mit ausgebildet.

    Denn Klauen auf dem eigenen Grund und Boden ist ja schon paradox beziehungsweise ist das auch ein Stück DDR-Geschichte. Wie es dort mit den eigentlichen Eigentumsverhältnissen war, habe ich niemals durchschaut. Wem da nun in letzter Konsequenz was gehörte?

    Auch hat Dein Opa Dir mit diesem vermeintlichen Wildern ein Stück Rechtsgeschichte vermittlet. Wildern ist ja wohl immer noch ein Vergehen.

    Wie auch immer, die Dinge werden komplex, ehe man zum wieder einfachen Grund durchsteigt.

    Danke sehr lieber Emil,

    Renate

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